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22. Juni 2008, 13:46 Uhr

Musterschüler mit breitem Grinsen

Auch wenn Torsten Frings wieder fit wird, könnte Simon Rolfes am Mittwoch seinen Platz im defensiven Mittelfeld des deutschen Teams behaupten. Ein Porträt der oft unterschätzten deutschen Neu-Entdeckung. Von Wigbert Löer, Tenero

Simon Rolfes im Duell gegen Cristiano Ronaldo. Der 26-Jährige machte gegen Portugal ein gutes Spiel und wahrte seine Chancen auf einen Einsatz im Halbfinale© Oliver Lang/DDP

Simon Rolfes kann sehr breit lachen. Seine Mundwinkel reichen dann fast bis zu den Ohren, die oberen Schneidezähne werden sichtbar. Es ist das Lachen eines kleinen, blonden Jungen, der noch nicht laufen kann, sich aber gerade erfolgreich am Sofa hochgezogen hat und Mama und Papa nun anstrahlt.

"Entspannt" gegen Portugal

49 Minuten nach seinem ersten EM-Spiel für die deutsche Nationalmannschaft zeigt Rolfes dieses Lachen. Der 26-Jährige hat im Kampf gegen das Kreativ-Team Portugals nahezu keine Nervosität gezeigt, viele Bälle erkämpft, das deutsche Angriffsspiel routiniert abgesichert.

Nun steht er in einem Gang im Bauch des Baseler Stadions, jemand hat ihn gerade gefragt, ob er aufgeregt gewesen sei vor dem Viertelfinale gegen Portugal. "Ich war relativ entspannt", sagt Rolfes. Und lacht. Und man glaubt es ihm tatsächlich.

Dabei war es nicht sicher, ob Rolfes überhaupt zum Einsatz kommen würde bei diesem Turnier. Der nominelle "Staubsauger" im deutschen Spiel heißt Torsten Frings, der Mann auf der "Sechser"-Position vor der Abwehr, der den Laden zusammenhalten soll.

In Thomas Hitzlsperger steht ein Rivale im Kader, der diese anspruchsvolle Position ebenso ausfüllen kann und schon etwas länger zur Nationalmannschaft gehört. Rolfes reiste mit elf Länderspielen in die Schweiz, er wusste, dass er sich erstmal hinten anstellen musste. Doch dann verletzte sich Frings. Und Joachim Löw wechselte überraschend die Taktik, spielte mit dem 4-5-1-System statt 4-4-2. Mit zwei Sechsern - Rolfes war drin.

Lob vom Bundestrainer

Für die Nominierung des Westfalen sprach seine Konstanz im Verein – er machte in drei Jahren bei Bayer Leverkusen 100 von 102 möglichen Pflichtspielen –, aber auch seine Pass-Sicherheit. "Simon spielt nicht immer spektakulär, aber sehr effizient", lobt der Bundestrainer.

Seine weiteren Kompetenzen: ein robustes Zweikampfverhalten und die Fähigkeit, das Spiel schnell zu machen. So konnte er das deutsche Spiel gegen Portugal nicht nur stützen, sondern auch anfeuern.

Rolfes gilt als freundlich und angenehm, als professionell und lernbegierig. Er engagierte schon einen persönlichen Konditionstrainer, bevor Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und ihre amerikanischen Fitness-Gurus das Ideal des mündigen, selbstverantwortlichen Vollprofis erschufen. Der 1,91 Meter große Schlacks ist gewiss niemand, um den sich der Trainer Sorgen machen müsste in den langen, zuweilen zähen Wochen eines Turniers.

Wenn man sich mit Simon Rolfes unterhält, nicht in den hektischen Mixed-Zonen der Stadien, sondern in Ruhe bei einer Apfelsaftschorle, etwa in der Bay-Arena zu Leverkusen, so lernt man einen Typen kennen, der nicht viel von einem Fußball-Profi ausstrahlt. Eher etwas Studentisches.

Vor allem eins: ungewohnte Neugierde. Es kommt nicht zum oft stereotypen Frage-Antwort-Spiel zwischen Spieler und Journalist, sondern zu einem echten Gespräch. Als Rolfes hört, dass es ein Personen-Archiv gibt, in dem sogar seine Abitur-Note (2,4) festgehalten ist, kann er das kaum glauben. "Im Internet?", fragt er. -"Nein, man muss dieses Archiv abonnieren." - "Und woher wissen die das alles?"

Einer, der viel wissen will

Er selbst ist einer, der viel wissen will. 1000 Bücher habe er gelesen, berichtete ein Boulevard-Blatt, und natürlich wird das übertrieben sein. Doch tatsächlich liest Rolfes viel, Biographien, Thriller, auch Werke, die von Trainingsmethoden handeln. Er ist ein Musterschüler, aber er hat nichts Anbiederndes.

Am Ende des Gesprächs bittet Simon Rolfes um eine Kopie des mehrseitigen Archiv-Eintrags. Er setzt sich einen Tisch weiter, bestellt noch eine Apfelschorle und liest den Text. Später kommt er noch einmal vorbei, beeindruckt. „Unglaublich“, sagt er, „das stimmt wirklich alles.“

Womöglich muss Simon Rolfes nun, im Halbfinale gegen die Türkei, erst mal wieder auf die Bank, wenn Frings zurückkehrt. Er würde nicht aufbegehren, wenn es dazu käme, ebensowenig wie Hitzlsperger, wenn es den träfe. Dazu staunt Rolfes noch immer viel zu sehr über sich selbst.

Von Wigbert Löer, Tenero
 
 
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