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10. Juni 2008, 15:06 Uhr

"Ein Desaster an allen Fronten"

Italien reibt sich ungläubig die Augen: Sind wir noch Weltmeister? Am Tag nach der herben Niederlage gegen Holland plagt sich die Fußballnation mit Selbstzweifeln und Selbstkritik. Von Luisa Brandl

Enttäuscht schlägt Luca Toni die Hände fürs Gesicht. Für die Italiener war die 0:3-Niederlage gegen Holland eine Schmach

Für die Azzurri war das 0:3 am Montag die größte EM-Pleite aller Zeiten. Der Vorwurf: der dreifache Weltmeister Italien habe sich auf seinen Lorbeeren ausgeruht und seine Gegner unterschätzt. Und das Schlimmste: Die Qualifizierung fürs Viertelfinale hängt nun am seidenen Faden.

"Italien humpelt

Nach dem „bösen Erwachen“ ("La Repubblica") gehen die italienischen Kommentatoren mit der Nationalelf hart ins Gericht. „Italien humpelte wie sein großer Kapitän Cannavaro“, schreibt die "Gazzetta dello Sport". Wegen einer Verletzung fällt der Kapitän für das Turnier aus, und die daraufhin neu formierte Abwehr scheiterte an der Offensive der Oranjes.

„Wir haben nicht zusammen gespielt, unser Spiel geriet zufällig, falsch und leichtsinnig“, kritisierte der "Corriere della Sera". Ohne Cannavaro habe jeglicher Zusammenhalt gefehlt. Barzagli, Materazzi und selbst Buffon hätten sich gegenseitig darin übertroffen, den Mitspielern Aufgaben zu überlassen, die sie nicht bewältigen konnten, so die Mailänder Zeitung.

Die Azzurri hätten wie benebelt gewirkt, so als würden sie in Gedanken noch auf dem Dach des Mannschaftsbusses ihren WM-Sieg feiern. Diese schwerfällige Mannschaft habe ihr Unglück verdient, urteilt der "Corriere".

"Albtraum-Montag"

Nicht nur die Strategie der Spieler gerät in die Kritik, auch deren athletische Leistung lässt in den Augen der Beobachter zu wünschen übrig. Top-Torjäger Luca Toni etwa sei nicht in seiner gewohnten Form gewesen, er habe den Ball nicht halten können, mäkelt die "Repubblica".

Für die "Gazzetta" sei der Stürmer jedoch zu sehr auf sich allein gestellt gewesen. An diesem „Albtraum-Montag“ ("La Stampa") habe die Squadra Azzurra hilflos, verwirrt und lahm gewirkt. „Ein Desaster an allen Fronten“ ("Corriere dello Sport") hat den Italienern die erste Niederlage gegen Holland in 30 Jahren eingebracht. Drei Toren fielen in diesem ersten EM-Spiel - so viele hatten die Azzurri während der ganzen WM 2006 nicht kassiert.

"Wir haben uns naiv angestellt

Da kam auch Trainer Roberto Donadoni um ein mea culpa nicht herum: „Wir haben dumme Tore kassiert und haben uns ziemlich naiv angestellt. Dafür haben wir teuer bezahlt.

Doch auch der Coach muss sich einige Vorwürfe anhören. So wird ihm vorgehalten, den besten italienischen Mittelfeld-Spieler De Rossi draußen gelassen zu haben. Ein schlimmer Fehler, so der "Corriere della Sera", gerade weil die Verteidigung schwächelte. Viel zu spät seien die letzten beiden Hoffnungsträger del Piero und Cassano eingewechselt worden, kritisiert "La Repubblica". Da hätten sie auch nichts mehr retten können.

Anerkennung findet Donadoni bei einigen Beobachtern immerhin dafür, dass er bei dem ersten umstrittenen Tor im Gegensatz zu manchen anderen dem Schiedsrichter gegenüber die Contenance bewahrt habe. Ob es nun Abseits war oder nicht, darüber gehen die Meinungen in Italien auseinander. Viele empfinden es aber als ungerecht, dass ein verletzter Panucci am Boden auf der Linie hinterm Tor noch als aktiver Verteidiger durchgeht.

Kapitän Buffon entschuldigt sich bei den Italienern

Doch die Italiener müssen zugeben, dass das strittige Tor nichts am Spielergebnis geändert hätte. Dem neuen Kapitän Buffon blieb da nichts übrig, als sich für die Schlappe seiner Mannschaft bei den Italienern öffentlich zu entschuldigen. Schon fragen sich die Kommentatoren, wie es für die Azzurri weitergeht. Werden sie in wenigen Tagen ihre verlorene Sicherheit zurückgewinnen? fragt etwa "La Repubblica". Denn die Lektion sei hart gewesen. Und kommt mit der Sicherheit dann auch die Spielfertigkeit wieder, die am Montag fehlte? Ganz Italien bangt um den Einzug ins Viertelfinale.

Von Luisa Brandl
 
 
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