Vorrundenfazit aus dem Fernsehsessel

20. Juni 2008, 15:07 Uhr

Ach ja, die Deutschen. Bis gestern galt: Von allen Viertelfinalteilnehmern hatten sie den blassesten Eindruck hinterlassen. Nichts schien übrig geblieben zu sein vom Systemfußball. Befürworter von Bundestrainer Joachim wurden zu Kritikern. Und dann das: 3:2 gegen den Favoriten Portugal. Von Oliver Fritsch

Michael Ballack und Thomas Hitzlsperger freuen sich über den Einzug ins EM-Halbfinale©

Das nenne ich mal eine Leistungssteigerung und die Visitenkarte einer Turniermannschaft. Die Deutschen haben es geschafft, die Portugiesen daran zu hindern, ihre Stärken zu entfalten. Mit der Systemumstellung von dem erstarrten 4-4-2 auf 4-2-3-1 konnten sie die Mitte des Spielfelds zuriegeln und den dribbel- und passstarken Portugiesen den Weg zum Tor verbauen.

Portugal fand kein Mittel gegen Schweinsteiger

"Man of the Match" war Bastian Schweinsteiger: sehr selbstbewusst, mit zwei millimetergenauen, Rasiermesserfreistoßvorlagen und einem Tor, bei dem man ihm ansah, dass er schon drei Sekunden vorher wusste, dass er es macht. Die Portugiesen hatten ihn nie im Griff. Aber auch Michael Ballack und Jens Lehmann fanden wieder zu ihrer Bestform, die "Neuen" Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger harmonierten auf Anhieb - und das in einem sehr wichtigen Mannschaftsteil, dem zentralen Mittelfeld. Allerdings ist die Innenverteidigung mit Per Mertesacker und Christoph Metzelder nach wie vor nicht sattelfest.

Solange die Elf aber mit dem gleichen Mumm und der gleichen Leidenschaft spielt wie gestern, ist alles drin in diesem Turnier. Wer hätte das gedacht? Ich glaube nicht, dass die Mannschaft gegen Kroatien, sollte das der Halbfinalgegner sein, nochmals so schlecht aussehen wird wie in der Vorrunde. Aber die Spieler müssen, wenn sie mehr erreichen wollen, mehr Torchancen herausspielen als in den letzten drei Begegnungen. Vergessen wir nicht, dass drei der letzten vier Tore aus Freistößen resultierten! Also nicht, dass das unbedingt ein schlechtes Zeichen ist, schließlich hatten wir uns noch vor kurzem über die Standardschwäche der Deutschen beschwert. Aber drauf verlassen kann man sich natürlich nicht.

Diese EM ist bislang ein Spektakel. Die meisten Mannschaften spielen mit viel Herz und Mut, und das Schöne ist: Sie haben damit Erfolg. Wir haben spannende, temporeiche, faszinierende Spiele gesehen. Meine persönliche Top Five der Vorrunde in umgekehrter Reihenfolge: Spanien-Russland (4:1), Rumänien-Italien (1:1), Holland-Frankreich (4:1), Tschechien- Türkei (2:3) und Schweiz-Türkei (1:2).

Einschläfer-Teams sind raus

Die Teams, die kontrollierten Fußball spielen, sind zum Großteil ausgeschieden: Die Anti(k)fußballer aus Griechenland stritten sich mit den Schweden darum, wer am einschläferndsten spielt. Das Team von Otto "Zementidis" Rehhagel gewann wenigstens diesen Titel. Die "Grande Nation" Frankreich hat den letzten Trend verschlafen, ihr Trainerdarsteller Raymond Domenech hat auf die satten Alten gesetzt, statt auf die hungrigen Jungen. Zudem fragt man sich, wie sich dieser Esoteriker im Amt halten konnte. Es kursiert das Gerücht, dass er Torjäger David Trezeguet deswegen nicht nominiert habe, weil er das falsche Sternzeichen hat. Das Schlimme ist: Man traut Domenech dieses Auswahlkriterium zu.

Die Rumänen schienen mit Platz 3 in der "Todesgruppe" zufrieden und damit, dass sie von Holland, Frankreich und Italien nicht die Hütte voll bekommen haben. Den Polen ist zu sagen: Ein guter Tormann (Artur Boruc), ein Brasilianer (der eingebürgerte Guerrero) und gute Fans sind zu wenig fürs Viertelfinale. Petr Cech, der tschechische Riese im Tor, schrumpfte leider im entscheidenden Moment auf Zwergengröße.

Den Österreichern hat gar nicht so viel gefehlt, und ihre Understatement-Falle hätte zugeschnappt. Nur drei Gegentore, und zwar einen Elfmeter, ein Abseitstor und Michael Ballacks Freistoß-Rakete - das kann sich sehen lassen. Bloß, im Angriff ist's nicht mehr als Regionalliga-Niveau. Die Schweizer sind zu brav, möchte man meinen und heißt es nun allerorten. Aber das stimmt nur halb. Sie hatten wirklich Pech (Stichwort: Alex Frei), und ihr Auftritt gegen die Türken war zwar fehler-, aber äußerst mannhaft.

Italien stand mit dem Rücken zur Wand

Italien trat zunächst, völlig untypisch, ohne Abwehr an, dafür, gar nicht so untypisch, stürmisch. Luca Toni müsste eigentlich die Torschützenliste anführen. In ihrer Lieblingsposition, mit dem Rücken zur Wand haben sie es gerade noch geschafft, im Turnier zu bleiben, wo sie nun Angst und Schrecken verbreiten. Selbst bei den Spaniern, die gewohnt ballsicher agieren, doch diesmal auch Stürmer dabei haben: Auf David Villa (vier Tore) und Fernando Torres (ein Tor) werden die Italiener im Viertelfinale ein Auge haben müssen. Ein großes Duell steht bevor.

Die Holländer, denen ich "Experte" das Vorrundenaus vorausgesagt hatte, bezaubern den neutralen Fan mit Filetstücken an Konterfußball und Toren vom anderen Stern. Nun fürchten sie selbst, dass ihre Frühform, die viele von uns zu "Gelegenheitsholländern" (Financial Times) macht, ein traditionell schlechtes Zeichen ist. Gegen die Russen sollten sie sich auch hüten. Sie haben im letzten Spiel dank dem ersten Einsatz ihres einzigen Stars Arshawin gegen die Baumstümpfe aus Schweden mit Präzisionsfußball eine Duftmarke gesetzt, mit der nicht unbedingt zu rechnen war.

Die Kroaten haben drei Siege zu verbuchen, ihr Trainer Slaven Bilic scheint eine Einheit geformt zu haben, die in diesem Turnier noch viel erreichen will und keinen Gegner schrecken wird. Nun geht's gegen die Stehaufmännchen aus der Türkei, die ihr Herz in die Hand nehmen können. Am Ende standen nach zwei Adrenalin- oder Wasser-Fights zwei irrationale Last-Minute-Siege, die im modernen Fußball selten geworden sind. Um so schöner für den Zuschauer.

Es ist Viertelfinale, jetzt geht's rund. Ob die Spiele so attraktiv bleiben, ob die Mannschaften weiterhin so stürmen? Spannend wird es, in jedem Fall und in allen ausstehenden Spielen steht's mehr oder weniger fifty-fifty, Stichwort Deutschland. Warum sollen nicht die Russen Europameister werden? Aber Amateure wie ich sollten sich mit Prognosen besser zurückhalten.

Welch ein Fest, welch eine Freude! Es lebe die heilige Europameisterschaft!

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