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26. Juni 2008, 07:12 Uhr

Deutschland, ein Rumpelmärchen

Mit einer erschreckend schwachen Vorstellung hat sich Deutschland in letzter Sekunde ins EM-Finale gerettet. Kaum ein Spieler erreichte gegen die B-Elf der Türken Normalform. Die fehlende Konstanz des DFB-Teams lässt einen eher mulmig, anstatt voller Vorfreude nach Wien fahren. Von Klaus Bellstedt, Basel

Als könnten sie es selbst kaum glauben: Die deutschen Spieler nach dem Last-Minute-Sieg, der sie ins EM-Finale nach Wien bringt© Fatih Saribas/Reuters

Circa zwei Stunden vor dem Anpfiff im Glutofen St. Jakob-Park verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer auf der Pressetribüne: Joachim Löw würde exakt die elf Männer ins Match gegen die Türken schicken, die auch schon gegen Portugal begonnen hatten. Und genau so kam es auch: Erneut bot der Bundestrainer die beiden Abräumer Rolfes und Hitzlsperger als doppelte Absicherung hinter Michael Ballack auf, was bedeutete, dass Torsten Frings überraschend doch nur auf der Bank saß. Frings' Miene beim Einlaufen zum Warmmachen sprach Bände, da war jemand richtig angefressen. Apropos Warmmachen: Den Fans in Basel bot sich vor dem Kickoff ein bizarres Bild. Auf der linken Seite schoben sich da 23 deutsche Akteure die Kugel hin und her. Und rechts? Man musste schon zweimal zählen, um ganze 16 Türken auszumachen. Was für eine Misere für den türkischen Coach Fatih Terim.

"Wien ist das Ziel unserer Reise", die beeindruckende Kurvenchoreografie der deutschen Fans gab die Marschroute für dieses EM-Halbfinale vor. Gegen diese ersatzgeschwächte türkische B-Elf musste einfach ein Sieg her. Aber so einfach wie sich das halb Deutschland vorgestellt hatte, wurde es dann noch nicht. Die Männer mit dem roten Halbmond auf dem Trikot trauten sich sehr wohl aus der eigenen Hälfte. Von wegen Einigeltaktik, die ersten Offensivaktionen gingen vom Underdog aus. Und wäre Jens Lehmann in der achten Minute nach einem Altintop-Durchbruch nicht voll auf der Höhe gewesen, wäre das DFB-Team hier wegen einer Unaufmerksamkeit früh einem Rückstand hinterhergelaufen.

Kaum zu überbietende Schläfrigkeit

Wer nun geglaubt hatte, dass die Deutschen nach diesem Warnschuss endgültig aus ihrer Lethargie erwachten, sah sich getäuscht. Wie in Trance schlichen Ballack und Co. in der ersten Viertelstunde über den Platz und überließen völlig unverständlicherweise dem Gegner den Raum. Die Folge: Ein Lattenkracher von Kazim Kazim und ein weitere große Einschussgelegenheit durch Semih Sentürk. Wo war bloß der Zauberfußball aus dem Portugal-Spiel hin? Nichts, aber auch gar nichts passte im deutschen Spiel. Symptomatisch für das Dilemma, wie dann die verdiente Führung für die Türkei fiel. In kaum zu überbietender Schläfrigkeit sah die deutsche Hintermannschaft zu, wie sich der Kontrahent in aller Seelenruhe die Kugel zuschob und nach einem erneuten Lattentreffer Ugur in bester Torjägermanier zum 0:1 abstaubte (22.).

Dass Schweinsteiger nur wenig später den völlig überraschenden Ausgleich markieren konnte, lag einzig und allein an der Klasse des Bayern-Profis, der eine Hereingabe von Podolski gekonnt verwertete. Zu diesem Zeitpunkt konnte man aus deutscher Sicht tatsächlich nur mit dem Ergebnis zufrieden sein, und sogar das war schmeichelhaft. Joachim Löws Taktik schien dieses Mal überhaupt nicht aufzugehen und bedurfte gegen diese ballsicheren und handfesten Türken eigentlich schon jetzt einer Korrektur. Zudem schoss die Innenverteidigung bestehend aus Mertesacker und Metzelder auch nach dem Ausgleich einen Bock nach dem nächsten.

Der Kapitän war gefordert. Und er handelte. In einer Spielunterbrechung stauchte Ballack das Duo dermaßen zusammen, dass man es noch auf der Pressetribüne hören konnte. Besserung trat danach freilich auch nicht ein. Die Türken stürzten die deutsche Nationalmannschaft mit ihren überfallartigen Angriffen von einer Verlegenheit in die nächste. Löw musste zur Halbzeit dringend etwas ändern. Er handelte auch und brachte Frings für Rolfes, behielt das System mit der Doppel 6 aber komischerweise bei.

"Wir wollen euch kämpfen sehen"

Das Spiel blieb mies, und jetzt kam auch noch Gift mit in die Partie. Nach einem elfmeterwürdigen Foul an Lahm, dass der Schiedsrichter nicht ahndete, kochten die Emotionen auf der deutschen Bank über. Aber anstatt mit Wut im Bauch eine Reaktion auf die Fehlentscheidung des Unparteiischen zu reagieren, ging das Gegurke weiter. "Wir wollen euch kämpfen sehen", skandierten die deutschen Fans zu Recht. Denn angefangen zu kämpfen, hatten sie noch nicht. Einer, der kämpfen kann, wäre Torsten Frings gewesen, aber man merkte dem Werder-Spieler an, dass sein Rippenbruch ihn daran hinderte, gewohnt robust in die Zweikämpfe zu gehen. Eine Fehlentscheidung auch von Löw, in solch einem wichtigen Spiel auf einen angeschlagenen Spieler zu setzen.

Und Michael Ballack, der Motor des deutschen Spiels? Auch bei ihm war nichts zu sehen von der Spielfreude und Torgefährlichkeit, die ihn noch im Portugal-Match ausgezeichnet hatte. Oben auf der Tribüne putzte sich die Kanzlerin zum x-ten Mal verwundert die Brille. Wahrscheinlich griff Angela Merkel nach dem Glückstor von Miroslav Klose aus der 79. Minute ein weiteres Mal zum Reinemachtuch. Denn was da im türkischen Strafraum passierte, war an Dilettantismus nicht zu überbieten. Eine eigentlich harmlose Flanke von Lahm wollte Keeper Rüstü herausboxen. Dafür stürmte er völlig übermotiviert aus seinem Kasten und segelte prompt am Ball vorbei. Klose nahm die Einladung zum Führungstreffer dankend an. Wie die Jungfrau zum Kinde kam die deutsche Elf zu diesem Tor, und das Glück sollte ihr auch nach dem 2:2 durch Semih treu bleiben. Denn als sich alles schon auf eine Verlängerung eingestellt hatte, wurschtelte sich auf der linken Seite Philipp Lahm eigentlich zum ersten Mal in diesem Spiel durch und vollendete zum 3:2. Der Rest war Zittern.

"Gnadenlos unverdienter Sieg"

Der Sieg der Deutschen, er war gnadenlos unverdient. Bis auf Thomas Hitzlsperger erreichte kein Spieler aus dem Aufgebot von Joachim Löw Normalform. Warum ausgerechnet in einem EM-Halbfinale die Leistungskurve nach dem tollen Sieg gegen die Portugal so rapide abstürzen konnte, bleibt rätselhaft. Für das Finale, ob nun gegen Spanien oder Russland, macht die Fast-Blamage von Basel wenig Mut. Was fehlt, ist die Konstanz im deutschen Spiel. Ein Vorwurf, den sich Joachim Löw machen lassen muss. Man kann die Reise nach Wien vielleicht aufrecht antreten, aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Eine Steigerung um fast 100 Prozent wird im Finale nötig sein, sonst gibt es ein böses Erwachen. Es passte irgendwie ins Bild an diesem schwülen Abend in Basel, dass Bastian Schweinsteiger allein mit Deutschland-Flagge und Hut leicht in sich gekehrt und mit krummen Rücken als letzter Spieler den Rasen verließ. Zum ausgelassenen Feiern war nicht mal ihm zumute.

Von Klaus Bellstedt, Basel
 
 
KOMMENTARE (10 von 103)
 
chatahootchee (26.06.2008, 22:45 Uhr)
@evitaevita
Ja, wo bleiben sie denn, die Russen? Fussball ist vorbei, Kaffeesatzleserei kann wieder beginnen.
Ich jedenfalls halte mir den Sonntag frei fuer ESPN/ABC und freue mich auf einen Sieg von Deutschland.
evitaevita (26.06.2008, 20:11 Uhr)
Party statt Panik! Im Finale warten die...
Russen! Denn die Spanier scheiden heute leider aus, weil ein gewisser Don Quichote Ihnen unerlaubte Hilfe leisten will...das alles und noch viel mehr auf www.comedycontainer.de
piet82 (26.06.2008, 20:05 Uhr)
das ganz grosse problem..
..ist, das zur wm bzw em alle denken sie verstünden was von fussball..
da kommen sie alle aus ihren löchern gekrochen und wollen uns fussball-lebenden erzählen wie schlecht unsere mannschaft gestern gewonnen hat :) hahaha, es ist doch nur noch lächerlich, was wollt ihr bitte? sollen wir uns schämen wenn wir europameister werden?
übrigens fussball ist so facettenreich da gehört nen zittersieg genauso dazu (und ist vom emotionalen standpunkt fast noch schöner)wie ein schön herausgespielter sieg.
solche zittersiege hats immer, zu jeder zeit, von jeder nation gegeben und sowas gehört zu einem turnier dazu, wie langweilig wär es sonst bitte?? aber die leute die hier rumstänkern haben zum grossteil selbst nie aufm platz gestanden, schon gar nicht bei 30 grad hitze!!!
was ihr immer alle sehen wollt von unserer mannschaft ist lächerlich und stellt euch selbst ein fusballerisches armutszeugnis aus!
und wenn ich dieses gerede über ballack höre, wird mir ganz schlecht... er leiste zuwenig für einen superstar.. wo waren denn die anderen superstars in diesem turnier???
btw gab es schon immer schönspielende nationen bei grossen turnieren die sang und klanglos ausgeschieden sind, erfolgreich waren eigtl nur die brasilianer mit schönspielerei, und die kommen mit nem fussball am fuss zur welt :) ,das ist ne ganz andere geschichte..
verdient unverdient sind immer so sprüche die die realität wieder ins erträgliche verzerren sollen, beim fussball gibts aber ne ganz einfache grundregel die man schon in der f-jugend eingeimpft bekommt :
es bringt nichts 3 tore zu schiessen wenn man selber 4 reinbekommt!
ihr experten...
chatahootchee (26.06.2008, 18:34 Uhr)
@NIGHTMARE ...
1. D hat nicht verloren. Punkt.
2. D ist im Finale. Noch'n Punkt.
3. Es ist nicht wie Eiskunstlaufen, wo am Ende Noten vergeben werden.
4. Fuer so etwas hat man die Kaesten am Spielfeldende aufgestellt. Und dann ist es die Aufgabe der Spieler, den Ball irgendwie 'reinzukriegen. Nur das wird gezaehlt.
5. Und wenn sie verloren haetten, dann auch verdient - so wie der SIEG verdient war.
6. Zusammengefasst an alle Miesmacher und Besserwisser: D ist im Finale.
schroettel (26.06.2008, 16:28 Uhr)
kein edit?
ich meinte natürlich WM 2010...
schroettel (26.06.2008, 16:27 Uhr)
@Prato61
" Mit einem Volkan im Tor, einem Servet in der Abwehr und einem Nihat im STurm hätten uns die Türken gestern brutal aus dem Stadion gefegt. Bitte nicht falsch verstehen, ich will kein Miesmacher sein, aber Realität ist nun mal Realität. "
Irrtum. "Hätte" ist Konjunktiv, Deutschland IST im Finale. Das ist Realität.
Volkan hatte aber bereits Koller "brutal aus dem Stadion gefegt" und damit seine Mannschaft im Stich gelassen.
Sehen wir uns genüsslich die Qualifikation der Türkei für die WM 2008 an und schauen wir mal, wen sie alles vom Platz fegen. (oder prügeln)
Prato61 (26.06.2008, 15:59 Uhr)
sauberXL
Ich habe mich in Sachen Ballack nur auf seine Einsätze in der EM 2008 beschränkt, gebe Ihnen aber recht, dass das Länderspiel gegen Serbien eines seiner besseren war.
Als Münchner hatte ich öfters Gelegenheit Herrn Ballacks Fußballkünste live zu erleben (übrigens auch beim legendären Spiel Leverkusen gegen Unterhaching), musste aber jedes Mal feststellen, dass er gemessen, an dem war er kann, viel zu wenig macht. Er ist ein begnadeter Fußballspieler, aber er ist alles andere als ein Leader.
Ein Effenberg beispielsweise war ein Leader, hatte aber bei weitem nicht die technischen Fähigkeiten eines Ballack. Ich erwarte mir einfach von ihm, dass er Rückgrat zeigt, wenn man beispielsweise vom Gegner zurückgedrängt wird. Bei ihm sieht man kein Aufbäumen, vielmehr reiht er sich in die Abwehr ein und knallt/köpft die Bälle genauso unkontrolliert aus dem Strafraum, wie derzeit alle unser Abwehrspieler. Bei Lothar Matthäus wurde so ein Verhalten als Feigheit bezeichnet, bei Ballack spricht man davon, dass er sich nicht zu schade sei, Drecksarbeit zu verrichten. Kurz und gut, bei seinen Ansprüchen finde ich es einfach zu wenig was er zeigt. Und genau dieses Verhalten begleitet bisher seine ganze Karriere.
nightmare_online (26.06.2008, 15:57 Uhr)
@insane
Ich gehe mal davon aus das Sie Bayern-Fan sind?!
El_Torello (26.06.2008, 15:57 Uhr)
Unfassbar
Kann mich insane nur anschliessen. Wir sind im Finale, punkt. Selbst die Türken haben uns nicht so zerfleischt wie das in der deutschen Presse der Fall ist. Denkt mal darüber nach. Unglaublich wie viele hier unterwegs sind. Und dem Autor des Artikels empfehle ich sich nen neuen Job zu suchen. Irgendetwas womit er sich auskennt.
nightmare_online (26.06.2008, 15:56 Uhr)
@Malt
Spannung ist ein vollkommen anderes Kriterium. Spannend ist ein EM-Halbfinale (zumal mit deutscher Beteiligung) per definitionem immer.
Aber wenn Sie das gestern unterhaltsamer fanden als z.B. Russland - Niederlande, dann haben Sie sicherlich eine andere Definition für ein "gutes Spiel" wie ich.
Im Übrigen glaube ich Ihnen schlicht nicht. Sonst hätten Sie nämlich auch den ersten Teil der Frage beantwortet.
Demnach gehe ich mal davon aus das auch Ihnen die Qualität des deutschen Spiels gestern genauso wenig gefallen hat wie mir. Zumal diese Mannschaft ja schon gegen Portugal den Beweis geliefert hat das sie es kann.
Das alles ändert - beiläufig gesagt - ja nichts daran, das ich mich freue das die deutsche Mannschaft gewonnen hat.
Nur ändert eben die Tatsache das sie gewonnen hat, nichts daran das sie schlecht gespielt hat.
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