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9. Juni 2008, 07:25 Uhr

Bissigkeit im Kollektiv

Der EM-Auftakt für das deutsche Team hätte besser kaum laufen können. Vor allem zwei Erkenntnisse auf dem Weg zum Titel machen Hoffung: Die Sorgenkinder sind keine Sorgenkinder mehr. Außerdem hat die Mannschaft gezeigt, dass sie nicht allein von der Tagesform ihres Kapitäns abhängig ist. Von Klaus Bellstedt, Klagenfurt

Vom Torerfolg überwältigt: Lukas Podolski wird von seinen Mitspielern nach dem erlösenden ersten Treffer gefeiert© Helmut Fohringer/DPA

Die Augen waren alle auf ihn gerichtet: Michael Ballack. Der Mittelfeldstar des FC Chelsea, der sich vielleicht in der Form seines Lebens befindet, sollte dieser deutschen Mannschaft den EM-Auftakt gegen Polen leicht machen. Der "Capitano" sollte dieses Team als Kopf von der ersten Minute an durch das Spiel führen. Den letztlich ungefährdeten 2:0-Erfolg nun aber allein an Ballacks Spielwitz und Klasse festzumachen, wäre gänzlich falsch. Vor allem auch, weil der gar nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Keiner aus dem famosen deutschen Ensemble ragte an diesem kühlen Abend im Klagenfurter Wörthersee-Stadion aus dem Kollektiv heraus - oder eben alle.

Wo soll man anfangen? Wo soll man aufhören? Vielleicht bei Lukas Podolski. Der WM-Held von vor zwei Jahren verdient natürlich besondere Erwähnung. Auch und wegen seiner beiden Tore. Kein Zufall, dass es ausgerechnet der in letzter Sekunde für Bastian Schweinsteiger aus taktischen Gründen in die Startformation gerückte Podolski war, der das 1:0 markierte. Der Bayern-Stürmer, der beim deutschen Meister in der abgelaufenen Saison viel zu oft ein tristes Bankdrückerdasein fristete, ging stets weite Wege, erkämpfte sich die Bälle in der eigenen Hälfte und war omnipräsent - wie sonst eben nur Michael Ballack.

Podolski hatte Tränen in den Augen

Was sich nach dem Tor tief im Inneren des in Polen geborenen Stürmers abgespielt haben muss, davon konnte man sich beim Blick auf die Videoleinwand überzeugen: Der Mann, der als Zweijähriger Polen in Richtung Deutschland verließ, hatte Tränen in den Augen. Die Emotionen übermannten den von den polnischen Fans noch dazu bei jeder Ballberührung gnadenlos ausgepfiffenen Podolski.

Irgendwie passte es zu dieser rührig anmutenden Story, dass es ausgerechnet Podolski vorbehalten war, die nach der Pause kurz aufbegehrenden Polen mit seinem zweiten Treffer endgültig auf die Verliererstraße zu schicken. Und wie er das tat! Eine Traumkombination über den eingewechselten Schweinsteiger schloss der Angreifer - im deutschen EM-Opener gar nicht im Angriff aufgestellt - mit einem staubtrockenen Schuss in den Torgiebel ab. Über eine derartige Präzision und Technik im Abschluss verfügen in Europa nur eine handvoll Spieler. Podolski gehört definitiv dazu.

Es gibt keine Achillesferse Lehmann-Metzelder mehr

Zu den Sorgenkindern im Kader von Trainer Joachim Löw gehörte der Bayern-Profi im Vorfeld dieser kontinentalen Titelkämpfe sicher nicht, umso mehr dafür aber zwei Spieler, die Schlüsselpositionen besetzen, Torwart Jens Lehmann und Innenverteidiger Christoph Metzelder. Keiner, nicht mal die beiden Akteure selbst, wussten wohl, wo genau sie vor der Partie gegen Polen leistungsmäßig stehen würden. Jetzt wissen es alle. Es gibt keine Achillesferse Lehmann-Metzelder mehr.

Lehmann hielt fast so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk, bis auf eine kleine Unsicherheit gleich zu Beginn unterlief dem nach seiner schwachen Vorbereitung schwer unter Beschuss geratenen Neu-Stuttgarter kein einziger Fehler. Für den weiteren Verlauf der Turniers ein ungemein beruhigender Fakt. Genauso wie der ganz klar zu erkennende Formanstieg Metzelders. Es kommt schon einer Art Wunderheilung gleich, die Löws größtes Sorgenkind hinter sich hat. Keine Spur mehr von Antrittsschwäche oder fehlender Spritzigkeit. Da war er wieder, der alte Christoph Metzelder aus den beiden WM-Turnieren 2002 und 2006.

Ein Sieg des Kollektivs

Lahm, Frings, Fritz, Mertesacker, Jansen, Ballack, Gomez, Klose, Schweinsteiger, Hitzlsperger, ja selbst der kurz vor Ende eingewechselte Kuranyi: der Vollständigkeit halber müssen auch alle anderen eingesetzten Spieler dieses Auftaktmatches genannt werden. Weil sie dazu beitrugen, dass es auch ein Sieg des Kollektivs wurde. Jeder rannte für den anderen, grätschte wenn nötig, und das alles ohne das spielerische Element jemals aus den Augen zu verlieren.

Wie sagte Joachim Löw nach dem Spiel doch so schön: "Wir waren voll fokussiert auf diesen Moment. Die Mannschaft hat heute ihre ganze Willenstärke demonstriert." Der Name Michael Ballack fiel auf der Pressekonferenz übrigens kein einziges Mal. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn allein mit ihrem - vor allem was die Präsenz auf dem Platz betrifft - alles überstrahlenden Superstars wird dieses deutsche Team den EM-Titel nicht über die Alpen zurück in die Heimat tragen können. Die wichtigste Erkenntnis aus dem Spiel gegen Polen scheint also diese: Die DFB-Elf braucht ihren Kopf, aber sie funktioniert auch ohne dessen Geistesblitze - dank Podolski, Lehmann, Metzelder und Co. Das macht Hoffung auf mehr.

Von Klaus Bellstedt, Klagenfurt
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
kuki83 (09.06.2008, 14:32 Uhr)
Ballack
Ich denke nicht, dass Ballack bei schlechten Spielen nicht kritisiert wird. Er spielt einfach nicht so oft schlecht. Auch das Spiel gestern war nicht schlecht. Sicherlich hat er auch noch Luft nach oben und es zählt nicht zu seinen besten Spielen. Aber man kann auch nicht in jedem Spiel ein Tor per Kopf, per Freistoss und/oder per Elfmeter erwarten. Und ganz ehrlich: die meisten Ballack-Kritiker haben vom Fussball nicht wirklich viel Ahnung und sind nur Marionetten ihrer eigenen Vereinsliebe. Entweder sie mögen den Ballack nicht weil er zu den Bayern ging bzw weil er von den Bayern weg ging. Zweitere sind logischerweise die Bayernfans. Große Spieler entscheiden wichtige Spiele. Das Spiel gestern war gut. Die erste halbe Stunde sogar sehr gut. Schaut man sich die anderen Teams in unserer Turnierbaumhälfte an muss uns auch nicht bange werden. Die so gelobten Portugiesen hatten mit der Türkei einen äußerst schwachen Gegner erwischt. Aber das wollen die unbelehrbaren Dauernörgler gar nicht erst sehen.
Daniel-Duesentrieb (09.06.2008, 13:43 Uhr)
Auftaktspiel WM 2006
Im ersten WM Spiel haben wir, wenn ich mich recht erinnere, 4:2 gespielt. Also zwei gegentore kassiert. Somit können wir hoffen, dass unsere Abwehr noch besser wird. Ballack finde ich wird oft viel zu viel gelobt. Klar macht er manchmal gute Spiele aber manchmal auch nicht. Aber selbst in schlechten wird er nicht kritisiert. Der Ballack von gestern war eindeutig noch steigerungfähig. Podolski fand ich gestern wirklich gut, auch Fritz fand ich gut. Den hätte ich auch lieber drin gelassen, auch wenn Schweini am Tor beteilig war. Schweine ist eindeutig schlechter als Fritz im Moment. Ecken sind bei dem generell zu weit geschossesn. Langsam sollte er es mal lernen. Ich will Pander Präzision ;)
Da kann sogar Poldi besser schießen.
Wenn die so wie in der ersten halben Stunde auch gegen die großen spielen, dann können wir es schaffen.
Hoffen wir es geht so weiter!
rued (09.06.2008, 11:07 Uhr)
Verbesserungswürdig
Naja, also ich habe Deutschland immer noch als Turniermannschaft in Erinnerung. Eigentlich haben wir am Anfang eines Turniers schon immer Grund zur Sorge gehabt, wurden dann später allerdings eines besseren belehrt.
Also ich für meinen Teil habe gestern ein starkes Spiel gesehen, voller Kampfgeist und Teamwork.
Vor diesem Hintergrund war ich schwer begeistert und bin auch zuversichtlich das sich der eine oder andere noch steigert.
Das manche Spieler nach ewigen Verletzungspausen noch nicht auf einem Weltklasseniveau sind finde ich nicht verwunderlich, aber ich denke wenn sich die Mannschaft wieder gegenseitig anheizt und wir auch noch nen bischen nachhelfen werden wir die EM schon nach Hause holen.
In diesem Sinne wünsche ich auch unserern allgegenwärtigen Misepetern ne schöne EM.
PS: geht doch mal zum Public Viewing, da fühlt man sich als Teil von etwas und wir leicht mitgerissen, ist auf jeden Fall besser als im Keller sitzen und schmollen bis wieder alles vorbei ist :D
vegefranz (09.06.2008, 11:06 Uhr)
Mensch Bellstedt ....
... seit wann bist Du so ein Jubelperser. Klar, das war ein anständiges Spiel. Allerdings waren die Polen auch wirklich schwach. Das sollte man mal deutlich sagen
H.P. (09.06.2008, 11:01 Uhr)
@elliottsmith
@Aber es ist doch auch viel schöner lachend dem Untergang entgegenzugehen.;-)
Bestimmt ist es viel schöner, lachend dem Untergang entgegenzugehen.:-)
Ich stehe ich voll hinter jedem, der sich über die Spiele freut und dem Sports- und Kampfgeist folgt und nicht dem Geschäft und dem Missbrauch dahinter.
schreibtherapie (09.06.2008, 10:50 Uhr)
Na ja
Ich fand es gar nicht mal soooo schlecht. Podolski hat mir gut gefallen, ich glaube auch das erste Mal überhaupt. Fritz war auch unglaublich stark. Warum er dann ausgerechnet für Schweinsteiger ausgewechselt wurde, habe ich nicht verstanden. Schweinsteiger kann immer noch keine Standards und auch sonst ist er eher peinlich. Die einzige gute Szene hatte er beim Tor, wo er sich den Ball erkämpft hat. Das war schon ganz gut.
Ballack, Klose, Gomez, von denen sah man recht wenig. Wenn Gomez wirklich ein "Top-Stürmer" werden will, muss er solche Dinger reinmachen. Zwei 100% Chancen und die versemmelt er, schade. Lehmann hatte jetzt auch nicht viel zu tun und Metzelder kann sich auch noch locker steigern. Jansen ist für mich auch noch ein Sicherheitsrisiko, aber er ist ja auch noch jung.
Klar, 82 Millionen Bundestrainer gibt es, aber für das Gehalt, was die verdienen, will ich schon etwas sehen ;)
moranet (09.06.2008, 10:47 Uhr)
aufpassen vor den Ösi !!
Jungs, Ihr müsst aufpassen vor den össis, die haben ihr Hotel bis zum Endspiel gebucht. Da geht noch was !!!
elliottsmith (09.06.2008, 10:43 Uhr)
@H.P.
Ich stimme Ihnen vollkommen zu und das kann man absolut unkritisch so betrachten. Ich selbst finde Fussball super, würde mich aber nicht als einen dieser "Bundestrainer" hier im Forum sehen.;-) Die Sache ist die, das es selbstverständlich dringendere Probleme in Deutschland gibt, die jetzt erstmal für drei Wochen in der Wahrnehmung ausgeblendet werden. Aber es ist doch auch viel schöner lachend dem Untergang entgegenzugehen.;-)
whismerh2 (09.06.2008, 10:36 Uhr)
@H.P.
Mag ja was drann sein an dem Spruch
Brot und Spiele,
aber solange es so hochgeistige Sendungen wie DSDS und ähnliches gibt, und davon haben wir reichlich
Finde ich nichts verwerflich drann
schön in der Gemeinschaft von der Glotze zu sitzen und mitzufiebern.
Macht auf jedenfall mehr Sinn wie sich diesen anderen Müll anzuschauen
und dabei auch noch Emotionen zu fühlen.
H.P. (09.06.2008, 10:24 Uhr)
@whismerh2
@Schon mal darüber nachgedacht das Fussball auch Menschen im positiven Sinne zusammen bringen kann.
Es kann bestimmt Menschen zusammenbringen, so wie jede Vereinstätigkeit, ich bin also kein Feind des Fußballs, obwohl ich kein großes Interesse daran habe, was ich ehrlich zugebe.
Leider ist Fußball auch eine berauschende Droge und ein Geschäft. Wird gewonnen, wird überall gefeiert und man ist Stolz auf seine Nation und Nationalspieler, wird verloren, wird kritisiert und der Nationalsegen hängt schief. :-) Aber wie gesagt, jeder soll seinen Spaß haben, wenn er damit glücklich wird und dabei noch Menschen zusammenkommen. Besser feiern als sich zu bekriegen.
Doch ganz so dumm war unser lieber Cäsar bestimmt nicht mit diesem Spruch, um das zu verstehen muss man bestimmt keine intellektuelle Leuchte sein :-)
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