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11. Juni 2008, 07:33 Uhr

Europameister des Grauens

Für Griechenland sollte das Spiel gegen Schweden der erste Schritt zur Titelverteidigung werden. Es wurde ein Katastrophen-Kick, den die Elf von Otto Rehhagel völlig verdient mit 0:2 verlor. Der Europameister spielte Fußball zum Abgewöhnen. Trainer-Guru "Rehakles" muss jetzt reagieren, aber kann er das auch? Von Klaus Bellstedt, Salzburg

Otto Rehhagel versucht vergeblich, seinen Spielern Anweisungen zu geben© Frank Augstein/AP

Als im Salzburger EM-Stadion Wals-Siezenheim die griechische Nationalhymne abgespielt wurde, schien es so, als würde selbst Trainerfuchs Otto Rehhagel auf seine alten Tage noch mal Gefühle zeigen. "König Rehakles" musste ein-, zweimal gehörig schlucken, um dann schnell die Hymne weiter mitzusummen. Vielleicht lag es aber auch an der überwältigen, Gänsehaut erzeugenden Unterstützung durch die "Hellas"-Fans, die trotz numerischer Unterzahl die gelbe Armada aus Schweden rein gesangstechnisch klar in den Schatten stellte. Dann nahm Otto Platz auf der Bank, fast schon majestätisch anmutend. Aber Rehhagel darf das alles. Er ist amtierender Europameister und nicht nur in Griechenland bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende.

Was ihm in der Folge von seinem Team auf dem Rasen geboten wurde, dürfte Rehhagel zunächst gar nicht gefallen haben. Es waren die Schweden, die die Anfangsminuten beherrschten: in der Defensive gnadenlos kompromisslos, im Mittelfeld kompakt stehend und vorne mit den beiden Superstars Ibrahimovic und Henrik Larsson permanent rotierend. Einzig Angelos Charisteas, EM-Held von 2004, konnte mit einem schönen Alleingang für ein wenig Gefahr sorgen (7.). Aber sonst?

Die Spieler hörten nicht auf Rehhagel

Überraschungstaktiker Rehhagel, der in der Defensive tatsächlich phasenweise mit fünf (!) Mann auf einer Linie agieren ließ, konnte das viel zu harmlose Spiel seiner Männer nicht gefallen. Und so erhob er sich von der Bank, zupfte seinen Übersetzer vor Aufregung immer wieder heftig am Ärmel und exerzierte in Richtung seiner Schlüsselspieler Kapitän Basinas und Stürmer Charisteas diese merkwürdige Pfeiftechnik mit dem angewinkelten kleinen Finger im Mund. Rehhagel wollte damit Signale setzen, aber seine Spieler wollten ihm einfach nicht gehorchen.

Wobei - vielleicht gab Rehhagel durch die Pfeiferei doch ein Signal. Nämlich das, sich fortan gar nicht mehr über die Mittellinie zu trauen. Die stickige und gewittrige Luft im Stadion schien die eigentlich so Hitze gewohnten Griechen zusätzlich zu lähmen. Lediglich dank des schwedischen Unvermögens stand es zur Pause 0:0 - für Griechenland pures Glück.

Die Griechen lieferten Fußball des Grauens

Und so rannte Otto Rehhagel, an diesem Abend permanent in Alarmbereitschaft, noch vor seinen Spielern in die Kabine. So, als müsse er dort noch schnell etwas vorbereiten, möglicherweise das Anmischen eines Aufwachtranks. Die griechischen Herzblutfans hätten sich nichts sehnlicher gewünscht, allein, es blieb ein kühner Wunsch. Denn wer geglaubt hatte, dass sich das Spiel des Europameisters mit Beginn der zweiten Hälfte und einsetzenden Gewitter-Böen verbessern würde, sah sich getäuscht. Die weißen Mitglieder des eisernen Abwehrbollwerks schoben sich unter dem gellenden Pfeifkonzert der Zuschauer die Kugel immer gemächlicher hin und her. Ein Bild des Grauens.

Es war symptomatisch für das gesamte Spiel der Griechen, dass sich die beste Chance der Partie für sie durch ein Fast-Eigentor von Schwedens Verteidiger Petter Hansson ergab. Dass der Fußballgott schließlich doch noch ein Einsehen mit den schwedischen Fans (und dem neutralen Fußballfreund) hatte, lag dann einzig und allein an der Klasse des Superstars der "Tre Kroners", Zlatan Ibrahimovic. Es war zum Zungeschnalzen, wie der Mann von Inter Mailand, der im Trikot der Schweden seit drei Jahren nicht mehr getroffen hatte, das 1:0 per Vollspannschuss in den linken Torwinkel erzielte (67.). Fünf Minuten später war der Drops endgültig gelutscht, als Hansson mit gütiger Mithilfe von Seitaridis und Keeper Nikopolidis das 2:0 für Schweden markierte.

Uninspirierter Fußball zum Abgewöhnen

HB-Männchen Rehhagel saß da schon lange wieder wie festgewurzelt auf der Bank. Was "König Otto" in den letzten Minuten dieser Partie durch den Kopf gegangen sein muss, kann man nur erahnen. Aussprechen wird er es wohl nie. Dass er sein Europameister-Team bei diesem Auftaktmatch viel zu defensiv eingestellt hat, muss sich Rehhagel in jedem Fall vorwerfen lassen. Mit diesem uninspirierten Fußball zum Abgewöhnen wird Griechenland bei dieser EM jedenfalls nicht mal Blumentöpfe gewinnen. Es wird Zeit für Otto Rehhagel, sich etwas einfallen zu lassen. Höchste Zeit.

Von Klaus Bellstedt, Salzburg
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Malt (11.06.2008, 12:26 Uhr)
@choco1968
Stimmt, die Griechen mit den Italienern zu vergleichen wäre unfair. Und weil die Italiener so begeisternden Angriffsfussball gespielt haben, haben Sie auch verdient 3:0 gegen Holland verloren, ne? Ich kann ruebesamen nur recht geben: endlich, endlich bekommen diese Anti-Fussballer was sie verdienen! Und an deiner Stelle würde ich mal die Azur-Blaue Brille abnehmen, denn wer hier von Fußball keine Ahnung hat, kann jeder an deinen Kommentaren ablesen...
petermeyer (11.06.2008, 12:08 Uhr)
könig otto
hat immerhin jede menge erfolge vorzuweisen , das kann man von so manch modernem trainer -löw, klopp etc ja nicht behaupten.
ich sehe mir auch lieber ein mitreisendes 5:5 an , als ottos mauertaktik aber wie hier auf die griechen eingedroschen wird - zufallseuropameister usw-ist schon schamlos.
Sublucem (11.06.2008, 11:52 Uhr)
Fußball ist Krieg der Nationen
Ganz einfach, so kommt es einem zumindest vor. Lest euch nur die Kommentare im Netz durch - "die Italiener sind alles Schauspieler", "die Türken wissen nicht mal wie Fairness geschrieben wird"... es hört nicht auf.
Aber solange es auf dem Spielfeld bleibt kann's mir recht sein - da kann man a) die Menschen besser abschätzen, mit denen man nichts mehr zu tun haben möchte und b) besser einen Bogen um sie machen.
choco1968 (11.06.2008, 11:28 Uhr)
@ruebesamen
Dein Kommentar ist etwas fehl am Platze, die Italiener mit den Griechen zu vergleichen, absolut schwachsinnig, da sagen doch meist die die vom Fussball keinen blassen Schimmer haben, eben wie Du....ich sage es immer wieder, die Fairness ist nicht da wo sie sein sollte, ...weil die Italiener bei der WM 2006 die Deutschen...blablabla...alte Kamellen, echt ätzend
nightmare_online (11.06.2008, 11:05 Uhr)
Neutral? Zeitweise
Eigentlich wars mir - vor dem Spiel - völlig egal wer das Spiel gewinnt. Ich bin allerdings nach Anpfiff selten in so kurzer Zeit "Fan" einer Mannschaft gewesen, wie gestern der Schwedischen. Was Griechenland gezeigt hat, war ein beispielhaft gelungenes Vorführen von Antifussball. Rehagel begann mit 7 (!) defensiven Feldspielern. Gegen Schweden. Was plant der Mann gegen Spanien? Nur Verteidiger spielen lassen? Das Spiel war von Seite Griechenlands eine Zumutung, nichts anderes. Sowas hat auf einer EM schlicht und ergreifend nichts zu suchen.
Intercity (11.06.2008, 10:17 Uhr)
Zweimal überlistet............
Dieser Kommentar sagt in wenigen Zeilen alles was zu diesem Thema zu sagen ist.
Sehr gut !!!
Badmax (11.06.2008, 08:59 Uhr)
Gut so.
Auch wenn ich Griechenland besonders gut leiden kann, si müssen wir alle froh sein, das sich dieser Standfußball nach dieser Partie hoffentlich Richtung "Es wa einmal..." verabschieden wird. Man stelle sich nur mal vor, alle Mannschaften würden auf diesen Zug "Stehe rum und warte auf Gelegenheit" aufspringen. Das währe das Ende dieser Sportart. Man war diese Partie in der ersten Hälfte langweillig.
ruebesamen (11.06.2008, 08:39 Uhr)
Endlich
Griechenland hätten nie Europameister werden dürfen, Italien nie Weltmeister. Diese Erstrundenergebnisse sind eine wohltuende, wenn auch späte Rückkehr zur Wahrheit.
Sublucem (11.06.2008, 08:28 Uhr)
Fußballgott
Himmel, ich mag diese Begrifflichkeiten. Die Kirche des Fußballs - ich kringel mich gleich aus dem Fenster *rofl*
AchazIII. (11.06.2008, 08:19 Uhr)
Zweimal überlistet man den Fußballgott nicht
Rehagel hat 2004 zugegebenermaßen Fußball Europa überrascht. Mit ener Mauertaktik und Toren durch Standardsituationen bei 1:0-Siegen ließ sich mit einer Durchschnittsmannschaft ein EM-Titel ergattern.
Es war unverständlich, warum Rehagel, damals wahrlich schon kein Jüngling mehr, nicht anschließend seinen Abschied genommen hat. Die Griechen hätten ihm ein Denkmal gesetzt und er wäre unsterblich. Nein - er musste weitermachen. Schon die verpasste WM-Qualifikation 2006 kratzte an Ottos Ansehen.
Warum tut er sich nun diese EM noch an?
Er hätte es wissen müssen, dass er sich mit dieser Truppe nur blamieren kann.
Wie auch sonst im Leben, gelingt einem eine Überraschung nur einmal - beim zweiten Versuch kann es kein Überraschungsmoment mehr geben.
Und wer sich den leidenden Otto (70) auf der Trainerbank so ansieht, der fragt sich, ob denn seine bisherige (gute) Beraterin, nämlich Ehefrau Beate, denn nicht mehr bei ihm lebt......
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