Erschwerend hinzu kam für die deutsche Elf, dass der überfordert wirkende Schiedsrichter Gonzalez kurz vor der Halbzeitpause Joachim Löw per Sofortdekret auf die Tribüne beförderte. Ganz offensichtlich hatte Löw zu heftig an der Seitenlinie lamentiert. Österreichs Coach Josef Hickersberger ereilte übrigens das gleiche Schicksal. Zuspruch erhielt der ungläubig dreinblickende Löw dann von höchster Stelle. Die Kanzlerin, Angela Merkel, gab ihm hoch oben auf der Ehrentribüne einen aufmunternden Klaps. Unten übernahm fortan der unbeschriebene Hansi Flick das Kommando. Wer zur Pause ganz genau in die Gesichter der deutschen Fans und der Pressevertreter schaute, der sah Skepsis.
Eine Skepsis, die der Chef dann höchstpersönlich kurz nach Wiederanpfiff endgültig beiseite räumte. Michael Ballacks traumhafter Freistoßtreffer aus der 49. Minute hatte etwas von Neuvilles Befreiungstor gegen die Polen während der WM 2006. Und es war symptomatisch, dass es ausgerechnet Ballack war, der das Tor zum Viertelfinale aufstieß. Nachdem der "Capitano" in den ersten beiden Gruppenspielen gegen Polen und Kroatien eher wie ein Mitläufer und nicht wie der Leader wirkte, war Ballack gegen Österreich wach, bissig und stets anspielbereit. Er war eben der Kopf dieser Mannschaft. Im EM-Quartier in Tenero hatte Ballack ja schon vor dem Spiel den teilweise zu laschen Kollegen kräftig die Leviten gelesen. Die Ansprache verfehlte nicht ihre Wirkung. Und wenn Ballack selbst dann auch noch auf dem Platz Taten folgen lässt, wird eben auch ein international bestenfalls zweitklassiges Team wie Österreich alles in allem mühelos bezwungen.
Wenn Deutschland allerdings am Donnerstag gegen einen der Topfavoriten dieses Turniers, Portugal, überhaupt eine Chance haben will, dann müssen sich aber auch die anderen Mitglieder dieses Teams steigern. Sich allein auf die Geistesblitze ihres Kapitäns zu verlassen, wird gegen Weltklasse-Spieler wie Carvalho, Ferreira, Ronaldo oder auch Nuno Gomez kaum reichen. Womit wir wieder bei der Abhängigkeit der Mannschaft von Michael Ballack angelangt wären. Der Sturm, mal abgesehen von Quasi-Stürmer Lukas Podolski, ist immer noch stumpf, das Mittelfeld wirkt keineswegs eingespielt und die Abwehr wackelt immer noch manches Mal bedenklich. Dazu kommt ganz offensichtlich ein konditionelles Problem. Wie anders ließe sich der gefährliche Rückfall in die Lethargie in der letzten Viertelstunde gegen Österreich erklären?
Gegen Österreich ist man noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Aber spätestens jetzt sollte allen im DFB-Aufgebot klar sein, dass die Schonzeit endgültig vorbei ist. Gegen Portugal muss (noch einmal) ein Ruck durch die Mannschaft gehen. Wenn ihr das gelingt - und wirklich erst dann -, wissen wir, wo Deutschland bei dieser EM steht. Eines steht jedenfalls fest: Der Kapitän scheint bereit für größere Taten. Nach dem Schlusspfiff ging sein Blick hoch zu seinem Chef. Löw erwiderte seinen Blick und beide nickten sich kurz zu. Ohne zu lächeln. So als wollten sie sagen: "Auftrag erfüllt, jetzt muss der nächste Schritt folgen."