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17. Juni 2008, 12:35 Uhr

Kakerlaken und der Schrei nach Wodka

Da gewinnt die deutsche Mannschaft das Prestige-Duell gegen Österreich, und was macht unser EM-Reporter in der Nacht danach in Wien? Er schlägt Kakerlaken tot, versucht sich mit slawischem Bier zu betäuben – und verzweifelt vor einer gähnend leeren Minibar. Von Klaus Bellstedt

Die Nationalspieler wohnen natürlich in einem der besten Häuser am Platz. Unser WM-Reporter hatte leider nicht so viel Glück...© Roland Schlager/EPA

Ich will mich jetzt nicht schon wieder über mein zu kurzes Hotelbett beschweren. Damit hab ich mich doch längst abgefunden. Dann hängen die Beine eben mal auf dem Boden. Pah!

Aber was mir letzte Nacht nach dem spielerisch so wahnsinnig glanzvollen Sieg gegen die Österreicher in Wien passiert ist, muss einfach aufgeschrieben werden. Und wehe, Sie denken jetzt, ich sei ein komplettes Weichei. Schon am Nachmittag beim Einchecken war mir das Hotel suspekt. Die Lobby vom kroatischen Portier zugeraucht, mein Zimmer im Keller, deshalb ohne Tageslicht und das Bett leicht schmuddelig, sodass man sich am liebsten angezogen in selbiges legen möchte - wenn man denn muss.

Ich mache mir Mut. Gut, dass ich erst spät in der Nacht nach dem Spiel hier endgültig mein müdes Haupt auf das von Brandflecken übersäte Kissen legen werde. Gegen 1 Uhr betrete ich also erneut das Hotel, schleiche mich vorbei am 100-jährigen Nachtportier, öffne die Tür, putze meine Zähne, blicke in die Dusche und zucke. Warum ich zucke? Weil ich zwei dicke, fette Kakerlaken erblicke, die ich - wie es scheint - auch noch beim Paarungsakt störe.

Diese Nacht werde ich nicht hier verbringen! In Sekundenschnelle reift in mir dieser Entschluss, wohl wissend, dass ich natürlich doch hier pennen muss, weil ganz Wien in dieser Nacht hoffungslos überbucht ist. Was gilt es jetzt zu tun? Ich werde panisch. Zunächst die Kakerlaken totschlagen, dann nach weiteren Haustieren suchen und im Anschluss in irgendeine Kneipe und mich mit Bier betäuben.

Exzellenter Plan. Teil 1 und 2 des Plans werden direkt in die Tat umgesetzt, Teil 3 erweist sich als schwierig. Zumindest in der Nachtjackengegend, in der ich in Wien untergekommen bin, sind alle Pinten ab 1 Uhr dicht. Großer Sport! Frustriert trete ich den Heimweg an.

Na gut, dann muss halt der Nachtportier-Greis aus seinem Schlaf geholt werden. Der muss mir jetzt ein Bier aus der Hotelbar besorgen. Besser noch zwei. Am liebsten vielleicht sogar acht. Das hier ist schließlich ein echter Notfall. Der alte Mann schleppt sich also zur Bar rüber, wühlt im Kühlschrank und kramt eine herrlich kühle Flasche Pils hervor. Bingo! Jetzt kann der Abend beginnen, denke ich. Und einen neuen Kumpel hab ich auch.

Der Portier köpft sich gleich seine eigene Flasche. Der erste Schluck ist immer der Schönste, vor Freude exxe ich die Kanne fast vollständig. Aber was sind das für komische pelzige Stücke auf meiner Zunge? Irgendwie schmeckt der Gerstensaft anders als das Becks zu Hause. Ich blicke auf das Etikett, entdecke slawische Schriftzeichen, drehe die Flasche, betrachte das Haltbarkeitsdatum. 13.10.2006. Mein Trinkkumpan will schon die nächste Flasche killen. Ich lehne frustriert ab und mache mich auf Kakerlaken-Suite.

Letzte Rettung Minibar! Ja gut, Sie ahnen schon, was kommt. Das hochtourig laufende Teil ist gähnend leer. Auch die einschläfernde Wodka-Spülung fällt aus. Liebe Änni (das ist unsere liebe Redaktionsassistentin), das hier geht an Dich! Du bist immer so gut zu mir. Hast alles toll für mich organisiert, aber bitte: Buche mir in Wien nie wieder dieses Hotel in der Wallstraße! Vielen herzlichen Dank.

Von Klaus Bellstedt
 
 
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