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18. August 2004, 17:58 Uhr

Ullrich hat ausgeträumt

Trotz für ihn optimaler Verhältnisse brach Topfavorit Jan Ullrich auch beim Einzeilzeitfahren völlig ein und landete nur auf Rang sieben. Tyler Hamilton gewinnt auf der Straße Gold.

Jan Ullrich: Desater für die deutschen Radsportler© Peter Grimm/DPA

In Athen erlebte Jan Ullrich sein griechisches Drama. Trotz für ihn optimaler Verhältnisse brach der Topfavorit auch auf seiner Spezialstrecke völlig ein und fuhr am Mittwoch im olympischen Zeitfahren über 48 km an der fest eingeplanten Goldmedaille mit Riesenabstand vorbei. Vier Tage nach Platz 19 im Straßenrennen blieb dem Olympiasieger von Sydney nach 59:02 Minuten nur Rang sieben. Auch der zweite deutsche Starter Michael Rich aus Emmendingen, blieb unter seinen Möglichkeiten und wurde nach 58:09 Minuten Fünfter.

So endete das geplante Medaillen-Festival der deutschen Radsportler am Mittwoch in einem Desaster, denn auch Judith Arndt war vorher ohne Medaille geblieben. Neuer Olympiasieger vor 36 Konkurrenten wurde der bei der Tour de France frühzeitig ausgeschiedene Amerikaner Tyler Hamilton nach 57:31. Der 39 Jahre alte Sieger von Sydney 2000, Wjatscheslaw Jekimow aus Russland, holte Silber vor Ullrichs ehemaligem Team-Kollegen Bobby Julich aus den USA.

Ullrich von der Rolle

Ullrich, der trotz moralischer Unterstützung vom Straßenrand durch seinen kurzfristig angereisten Betreuer Rudy Pevenage wie im Straßenrennen scheiterte, war auf dem heißen Asphalt auf dem Küstenkurs in Vouliagmeni völlig von der Rolle. Genau wie Judith Arndt: Die ebenfalls mit großen Hoffnungen ins Rennen gegangene Silbermedaillen-Gewinnerin des Straßenrennens fand über die halb so lange Distanz ebenfalls nicht den richtigen Tritt und musste mit Rang elf zufrieden sein. Gold ging an die Titelverteidigerin Leontien van Moorsel (Niederlande), die in Sydney dreifache Olympiasiegerin geworden war.

Nach bisher wenig überzeugendem Saison-Verlauf, in dem nur der Gewinn der Tour de Suisse herausragte, sorgte Ullrich als Silbermedaillen-Gewinner von Sydney in dieser Disziplin für ein weiteres negatives Ausrufezeichen. Im Zeitfahren war der Toursieger von 1997 vor dem Start auf dem Papier scheinbar unschlagbar, zumal zwei Experten im Kampf gegen die Uhr fehlten: Der am Grünen Tisch entthronte Zeitfahr-Weltmeister David Millar (Schottland) wurde des Dopings überführt und für zwei Jahre gesperrt. Der sechsfache Toursieger Lance Armstrong, Gewinner der beiden Tour-Zeitfahren im Juli, zeigte Athen die kalte Schulter. Aber alle Experten - inklusive Pevenage, der Ullrich Gold zugetraut hatte - irrten sich gewaltig.

Nach der ersten Zwischenzeit nach 12 km hinkte Ullrich, dessen Trinkbehälter auf dem Rücken unter dem Trikot befestigt war, um 14 Sekunden hinter der Bestzeit hinterher. Je länger die Distanz wurde, desto größer war sein Rückstand. Rich fand als erster eine Entschuldigung für den unerwarteten Untergang des Toursiegers von 1997: "Man muss bei Ullrich auch bedenken, dass er sich im Gegegensatz zu vielen anderen Fahrern, die heute am Start waren, im Straßenrennen nicht geschont hat. Das steckte ihm noch in den Knochen". Der zweifache Vize-Weltmeister Rich war mit seiner Leistung halbwegs zufrieden: "Bei Olympia unter die ersten Fünf zu kommen, ist nicht schlecht, auch wenn ich natürlich eine Medaille wollte."

Eine Nachricht aus Deutschland wird Ullrich am Mittwoch nur mäßig getröstet haben: Die 3. Zivilkammer des Landgerichts Duisburg sprach ihm in der juristischen Auseinandersetzung gegen seinen früheren Rennstall Coast das Recht zu, 1,4 Millionen Euro Gehaltsnachzahlungen und Schadenersatz zu fordern.

Interview Wie tief sitzt bei Ihnen die Enttäuschung darüber, dass Sie die ersehnte Goldmedaille klar verpasst haben? Ullrich: "Natürlich tut es erst einmal weh, aber es tut auch wieder nicht so weh, weil ich ja schon Olympiasieger bin. Natürlich sind dies die letzten Olympischen Spiele für mich, aber ich habe schon zwei Medaillen - das ist okay. Manchmal kriegt man wie in Sydney eine Medaille, wenn man nicht damit rechnet. Manchmal läuft es umgekehrt. Jetzt ist es Platz sieben geworden - das bringt mich auch nicht um."

Sie sind als Favorit ins Rennen gegangen. Woran hat es gelegen, dass es nur zu Platz sieben gereicht hat? Ullrich: "Die ersten Drei von heute haben sich in den letzten Wochen erholt. Tyler Hamilton hat sich nach 10 Tagen bei der Tour rausgenommen, andere haben danach Pause gemacht und sich in Ruhe vorbereitet. Man sieht, es hat sich für sie gelohnt. Ich habe dagegen weiter das volle Programm mitgemacht. Heute habe ich gekämpft und alles gegeben, aber es sollte nicht sein. Im Nachhinein bin ich klüger."

In Boulevardzeitungen wurden Sie in den letzten Tagen fast als feiernder Olympia-Tourist dargestellt. Wie reagieren Sie darauf? Ullrich: "Ich habe mit Erik Zabel am Samstag im Deutschen Haus auf dessen vierten Platz angestoßen. Mehr nicht. Und dann wird noch 60 Prozent erfunden. Ich werde daraus meine Konsequenzen ziehen. Schade, wie man in Deutschland mit seinen so genannten Stars umgeht."

Andreas Zellmer und Thomas Prüfer/DPA