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Ratgeber Ernährung

25. Mai 2008, 11:34 Uhr

Wenn die Seele Futter will

Fernfahrter Michael Heinsen speckte 36 Kilo ab© Michael Heinsen

Einfluss der Psyche auf Essgewohnheiten

Fatalerweise fällt den meisten Gebeutelten gleichzeitig eine Diät, der Verzicht also auf die kleinen Glücksbringer, ganz besonders schwer. Eine, die das lernen musste, ist Becks Leidensgenossin Manuela Willmann*. Auch die 37-jährige Callcenter-Telefonistin ist ein Fall von massivem Stress: Sie leidet unter den Belastungen der Schichtarbeit, ihr Chef ist ungeduldig und übellaunig. Noch nie hatte Manuela Willmann eine feste Beziehung, oft fühlt sie sich allein und bedrückt, ein reich gedeckter Tisch ist ihr einziger Ausgleich nach einem nervenraubenden Tag. Als sie 104 Kilo wog und an der Galle operiert worden war, verordnete ihr der Arzt eine Reduktionskost mit nur 1000 Kalorien am Tag, dazu Nordic Walking. Doch Manuela Willmann schaffte das nur wenige Tage. Das magere Putenfleisch und die empfohlenen Gemüseportionen reichten ihr nicht. Sie wurde unruhig, hielt es einfach nicht mehr aus.

Wie stark das Seelenleben auf den Bauchumfang wirkt, belegt eine finnische Studie an eineiigen Zwillingen: Normalerweise ist das Gewicht von genetisch nahezu identischen Geschwistern fast gleich. Doch die finnischen Wissenschaftler fahndeten gezielt nach ungleichen Paaren, bei denen ein Zwilling deutlich korpulenter war als der andere. Sie fanden heraus, dass jeweils der dickere im Gegensatz zum leichteren Zwilling entweder unter psychosozialem Stress, Unzufriedenheit, Depression, Burnout-Syndrom oder Schlafproblemen litt. Die fülligeren, gestressten Zwillinge hatten bis zu dreimal so viel Bauchfett entwickelt.

Weitere aktuelle Untersuchungen belegen, dass belastende Lebenssituationen sogar dann die Fettpolster anschwellen lassen, wenn der Organismus gar nicht mehr Nahrung bekommt. Forscher vermuten, dass das durch die Belastung vermehrt freigesetzte Cortisol den fein austarierten Stoffwechsel verändert. Offenbar bewirkt es eine effektivere Verwertung der Nahrung, die in Zeiten existenziellen Stresses für unsere Vorfahren sogar sinnvoll gewesen sein mag. Heute erzeugt der Speck einfach zusätzlichen Frust.

Coach-Potatoes

In seinem gerade erschienenen Buch "Lizenz zum Essen" beschreibt der Heidelberger Arzt Gunter Frank anonymisiert einen prägnanten Fall aus seiner Praxis, der die Forschungsergebnisse bestätigt: "Der neue Chef von Herrn Rundlich war unberechenbar und wollte, dass dieser bestimmte Mitarbeiter mobbt, damit sie freiwillig die Firma verlassen. Herr Rundlich weigerte sich und bekam dann selbst Schwierigkeiten. In dieser Zeit legte er deutlich an Gewicht zu. Vor allem sein Bauch war angeschwollen, und er wog über 100 Kilo. Ich konnte ihn überzeugen, keine Diät zu machen und stattdessen über berufliche Veränderungen nachzudenken. Erst zwei Jahre später ergab sich für ihn eine andere berufliche Möglichkeit, in der er sich viel wohler fühlte. Nach einem Jahr wog er etwa zehn Kilo weniger, und dieses Gewicht hält er nun, ohne je bewusst irgendwelche Veränderungen am Essverhalten vorgenommen zu haben."

Offenbar ist alles, was Körper und Seele nachhaltig stresst, dazu geeignet, das Gewicht in die Höhe zu treiben. Bei Wilfried Kuhr war es kein Chef, sondern der Job an sich: Die ganze Woche musste er als Fernfahrer unterwegs sein, er schlief wenig, fand auch sonst kaum Ruhe. Sicher, der 188-Kilo-Mann aß viel und falsch. Aber nach allem, was die Wissenschaft heute weiß, dürfte das eben nicht sein einziges Problem gewesen sein. So sind etwa Schichtarbeiter häufiger übergewichtig als Menschen, die ausschließlich tagsüber ihrer Arbeit nachgehen und regelmäßig schlafen - selbst wenn sie nicht mehr essen. Und bei einer Befragung von rund 1000 Personen fand der amerikanische Schlafforscher Robert Daniel Vorona heraus, dass dicke Menschen im Schnitt 16 Minuten weniger schlafen als schlanke. Die zusätzlichen Pfunde seien nicht allein dadurch zu erklären, so Vorona, "dass man mehr isst, wenn man länger aufbleibt". Der Körper scheint bei mangelndem Schlaf leichter Fett anzusetzen, selbst bei gleichbleibender Nährstoffzufuhr.

Genauso sind das ungezügelte Vertilgen von Knabberwaren und Süßigkeiten vor der Mattscheibe und der vermeintliche Bewegungsmangel der Couch-Potatoes nicht allein die Gründe, weshalb Fernsehen unter Experten als Dickmacher Nummer eins gilt. Vielmehr beeinflusst auch der Fernsehkonsum direkt den Stoffwechsel, indem er den Pegel des Stresshormons Cortisol nach oben treibt. Zudem spricht vieles dafür, dass das Dauergeflacker in den Abendstunden die Hirnregion irritieren kann, die über unseren Tag-Nacht-Rhythmus wacht. Es ist derselbe Bereich des Gehirns, in dem auch die Informationen zur Gewichtsregulation zusammenlaufen: der Hypothalamus.

Auswirkungen von Fernsehkonsum

In einem Versuch mit zwei Schulklassen im kalifornischen San José hatten die Forscher der Stanford University BMI, Taillenumfang, Ernährungs- und Fernsehgewohnheiten der Kinder ermittelt. Dann wurden die Schüler einer Klasse dazu angehalten, die Zeit für Fernsehen und Videospiele zu reduzieren. Nach einem halben Jahr hatte eine durchschnittliche Verkürzung der wöchentlichen Fernsehzeit von 15 auf 9 Stunden bei vielen der zurückhaltenden Fernsehgucker zu einer merklichen Abnahme des Körpergewichts und des Taillenumfangs geführt. Der Verzehr von Snacks spielte dabei kaum eine Rolle. Eine der größten amerikanischen Gesundheitsstudien, die Nurses' Health Study, an der mehr als 50.000 Krankenschwestern über einen Zeitraum von sechs Jahren teilnahmen, zeigte nicht nur, dass diejenigen Frauen, die am meisten Zeit vor der Glotze verbrachten, am meisten zunahmen, sondern auch, dass ausgiebiges Fernsehen den größten Einfluss auf die Gewichtszunahme hatte - mehr als Naschen oder Bewegungsmangel.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 21/2008

 
 
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