Die Figur hat sehr viel mehr mit dem Gefühlsleben zu tun, als Forscher lange dachten: Stress ist ein machtvoller Dickmacher - und der richtige Umgang mit Belastungen kann helfen, endlich schlank zu werden. Von Rüdiger Braun

Christiane Schmidt-Rabeler hat 11 Kilo abgenommen© Michael Heinsen
Fünfter Anlauf! Seit mehr als einer Stunde versuchte Krankenschwester Kerstin Schmidt, endlich Zeit für eine Kaffeepause zu finden. Doch immer wenn sie gerade auf dem Weg ins Schwesternzimmer war, klingelte das Telefon. Oder ein Kollege fragte nach der Dosis für ein Medikament. Oder ein Patient drückte die Ruftaste. Die 79-jährige Schlaganfallpatientin aus Zimmer 17 hatte heute Morgen schon dreimal geläutet, nur um immer wieder dieselbe Frage zu stellen: "Werde ich wieder laufen können?" Jetzt also noch einmal das Telefon.
Ehe Kerstin Schmidt nach dem Hörer griff, angelte sie sich eine Waffel mit Nussfüllung aus einer Schale voller Süßigkeiten. Nusswaffeln halfen. Schokoplätzchen, Vanillekipferl und Trüffelpralinen halfen, Mars und Snickers, Milka und Marzipan waren freundliche Tupfer im wirbelnden Alltag. Seelentröster, die für den Augenblick entspannten. Kerstin Schmidt ahnte, dass dies einer der Gründe sein mochte, weshalb sie aus der Form geraten war. Viele Jahre lang hatte sie ihren Speckpolstern immer aufs Neue den Kampf angesagt, Diäten probiert, aber am Ende doch nur zugenommen. Richtig schlimm wurde es, als sie die Leitung eines Pflegeteams übernahm, inzwischen wog sie 142 Kilo. Dabei war Kerstin Schmidt durchaus willensstark: Mit dem Rauchen konnte sie von einem Tag auf den anderen aufhören. Warum ging das nicht mit den Nusswaffeln? Mit den Schokoplätzchen und Kipferln?
Eine Frage, die auch die Wissenschaft beschäftigt. Wie kommt es, dass selbst disziplinierte Leute es oft nicht schaffen, ihr Gewicht auf Dauer im Griff zu behalten? Wie ist es möglich, dass uns die Lust auf Essen treibt - selbst, wenn wir keinen Hunger haben? In jüngerer Zeit ist es vor allem die Hirnforschung, die neue Antworten auf diese Fragen sucht und die damit Millionen von Diätgeplagten wieder Hoffnung schenken könnte: Übergewicht, so zeigen aktuelle Untersuchungen immer deutlicher, hat sehr viel mehr mit unserem Gefühlsleben zu tun als Forscher lange dachten. Stress und Frust sind potente Dickmacher. Und umgekehrt gilt: Der richtige Umgang mit ihnen hilft, aus langjährigen Pummeln wieder Schlanke zu machen.
Schon bei ausgeglichenen Normalgewichtigen ist die Steuerung von Appetit und Sättigung ein diffiziles Zusammenspiel von Sinnen und Organen mit vielfältigen Auswirkungen auf die Psyche: Mehr als 100 Signalstoffe sorgen für die Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Rest des Körpers, wenn wir Appetit auf ein Schokotörtchen bekommen oder spontan ein Käsebrötchen kaufen. Am Anfang steht ein Mangel von frei verfügbaren Nährstoffen im Organismus, vor allem von Glukose und Fett. Das Gehirn registriert den Nachschubbedarf, während gleichzeitig vom Magen die ermunternde Nachricht eingeht, dass er völlig leer ist - Platz für neue Energiespender! Damit wir tun, was der Erhaltung unseres Körpers dient, erzeugen verschiedene Substanzen im Hirn nun im Zusammenspiel mit unserem Nervennetzwerk ein angenehm drängendes Gefühl: Appetit - in süddeutschen Dialekten treffend und lustbetont "Glust" oder "Gluschd" genannt - entfaltet sich in Lecker-Fantasien und Schlemm-Visionen. Schon die Vorstellung vom Schokotörtchen genügt bei den meisten Menschen, damit ihnen jetzt das Wasser im Munde zusammenläuft. Das Belohnungssystem des Gehirns wird in Erwartung des realen Törtchens aktiviert, der Stoffwechsel wegen anstehender Verdauung hochgefahren. Wenn das Objekt der Begierde schließlich greifbar wird, duftend und hübsch arrangiert, gibt es kein Halten mehr. Und was dann folgt, bildet den Kern der verführerischen Macht des Essens: Die Nahrungszufuhr dämpft das Stresssystem, Belohnungs-Callzentren im Gehirn schütten Glückshormone aus, die Stimmung färbt sich warm und wohlig, Bedrohungsgefühle schrumpfen zusammen. Besonders wirkungsvoll in dieser Hinsicht ist die kalorienreichste kulinarische Kombination: Fett plus Zucker. Schokolade kommt dem idealen Wohlfühlmix sehr nahe.
Das wäre alles in Ordnung - wenn die Zufuhr tröstender Törtchen gewichtsneutral geregelt würde. Doch leider ist, das können Forscher zuverlässig zeigen, die filigrane Botenstoffbalance keineswegs stabil. Und es sind die ohnehin Geplagten und Gestressten, die darunter ganz besonders leiden. Druck im Job oder eben kein Job, eine schwierige Partnerschaft, fortdauernde Sorge um die Kinder, die alten Eltern, den Kredit - all das kann nicht nur aufs Gemüt gehen, sondern auch auf die Hüften. Denn viel mehr als ausgeglichenere Zeitgenossen sehnen sich die Belasteten nach den guten Gefühlen, die Schokoriegel, Butterhörnchen und Vier-Käse-Pizza spenden können.
Bei Thomas Beck waren es zwei klassische Stressfaktoren, die die Lust aufs Essen befeuerten: Arbeitslosigkeit und der Tod der Mutter. Häufig lud er Gäste ein. Aber es gab auch die vielen einsamen Tage, die vielen schlechten Gefühle. "Ich habe angefangen, aus Langeweile und Frust zu essen", sagt der 31-jährige Bürokaufmann. "Gummibärchen, Schokolade, Chips, was ich kriegen konnte, vor allem vor dem Fernseher." Wer solch ein Trostessen über Jahre hinweg praktiziert, sorgt dafür, dass die positive Verknüpfung in seiner Steuerzentrale immer stärker wird. Er isst immer mehr - und wird immer dicker.
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Ausgabe 21/2008