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Ratgeber Ernährung

22. Februar 2009, 03:31 Uhr

Einkehr für die Seele

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Nichts zu essen bedeutet zwar Verzicht. Doch wer fastet, fühlt sich glücklicher, stärker und augeglichener. Dabei fallen durchaus ein paar Kilos. Vor allem aber verliert der Fastende psychischen Ballast - ob im Kloster, in der Kur oder zu Hause. Von Astrid Viciano

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Franz Friczewski, 69 Jahre, Soziologe und Coach, Hannover. Methode: buddhistisches Fasten© Regina Recht

Wenn nur der Geruch nicht wäre. Richtig feiner Bratengeruch, der aus der Klosterküche durch das Haus wabert. "Hach", seufzt Michael Vögele, "wie das duftet!" Genüsslich saugt er Luft in die Nase, schließt die Augen und faltet die Hände über dem Bauch. Seine Gedanken kreisen häufig ums Essen, seit er vor fünf Tagen zum Seminar ins Kloster Plankstetten bei Regensburg kam. In seinem Gästezimmer liest er die Geschichte eines Mönchs, der im 18. Jahrhundert durch Italien reiste und schlemmte. In seiner Seminargruppe tauscht er Kochrezepte aus. Oder malt sich im Geiste die geräucherte Wildsau aus, die auf einen Teilnehmer zu Hause wartet. Nur essen wird der 45-Jährige nicht.

Michael Vögele fastet. Zum zweiten Mal findet der Steuerberater aus Nürnberg Zuflucht in den Gemäuern der Benediktinerabtei. "Nur hier kriege ich den Kopf wieder frei", sagt er. Ohne feste Nahrung, ohne Fernsehen, ohne Anrufe. Die Sehnsucht nach einer Auszeit von den Strapazen des Alltags - sie führt viele zum Fasten. Der Wunsch auch, mit sich ins Reine zu kommen, mit schlechten Gewohnheiten zu brechen, Verzicht zu üben. Als Sieg über die Schwächen, als Befreiung aus dem Wahnsinn des allgegenwärtigen Konsums. Oder gar als Zäsur, um das Leben fortan komplett zu ändern. "Ich möchte ein anderer Mensch werden", verkündet ein Seminarteilnehmer im Kloster Plankstetten.

Keine Diät

Drei Millionen Menschen in Deutschland legen regelmäßig eine Fastenperiode ein; fast ein Viertel der Bevölkerung über 16 Jahre hält Fasten für wichtig, um gesund zu bleiben, so das Ergebnis des "MLP Gesundheitsreports 2006", einer repräsentativen Umfrage. Viele verwechseln den Nahrungsverzicht allerdings mit einer Diät, wollen jenseits der geistigen Erfahrung mithilfe der radikalen Kur rasch ein paar Kilo abspecken. "Das verlorene Gewicht nehmen die meisten jedoch gleich wieder zu - wenn sie, zurück im Alltag, ihre Ernährung nicht umstellen", warnt Hans Hauner, Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin in München.

Etwa zwei Drittel der Fastenden sind Frauen, und die meisten von ihnen sammeln ihre ersten Erfahrungen mit etwa 45 Jahren, in einer Zeit des Umbruchs, wenn die Kinder groß sind und die Karriere gemacht ist und es gilt, neue Schwerpunkte im Leben zu setzen. Aus einer Vielzahl von Angeboten wählen sie aus: Sie fasten beim Wandern oder beim Meditieren, lassen sich in einer kuscheligen Wellnessklinik verwöhnen oder darben tapfer daheim. Die Zeit des Verzichts, so die Überzeugung, ist Nahrung für die Seele.

Das war nicht immer so. In den 50er Jahren etwa dachte niemand im Traum daran, sich freiwillig so zu kasteien: Nach dem Krieg schlemmten sich die Deutschen durch das Wirtschaftswunder, wollten endlich wieder Fleisch essen, Butter und Sahne. Die Fresswelle schwappte über das Land. Und die Bäuche bald über die Hosengürtel. Erst in den 70er Jahren kehrten Gedanken an Askese und Verzicht in die Köpfe der Deutschen zurück. Die erste Nulldiät kam auf, und der Wunsch nach neuen spirituellen Erfahrungen wuchs. "Wie neugeboren durch Fasten" lautete der Titel des Buchs, das im Jahr 1976 anlässlich einer Fastenwoche im Bayerischen Rundfunk erschien und sofort zum Bestseller avancierte. Es sollte der Anfang sein eines bis heute ungebrochenen Trends.

Viele Methoden

Meist folgen Fastenwillige strengen Regeln, was sie essen dürfen, worauf sie unbedingt verzichten sollen, entscheiden sich oft nach Gefühl für eine bestimmte Kur. Manche richten sich etwa nach dem österreichischen Arzt Franz Xaver Mayr und beschränken sich vor allem auf trockene Brötchen und Milch. Andere fasten nach der umstrittenen Schroth-Kur, die einst von dem gleichnamigen Fuhrmann erfunden wurde und periodische Wechsel von Trocken- und Trinktagen vorschreibt, dabei auch Wein als Getränk ausdrücklich erlaubt. Vor allem aber folgen sie den Weisungen des Otto Buchinger, eines ehemaligen Sanitätsoffiziers der Kaiserlichen Marine. Ihn, so heißt es, soll sein Fasten für immer von schwerem Gelenkrheuma geheilt haben. Nach dem Abführen mittels Einlauf oder Glaubersalz schreibt die Buchinger-Methode morgens und abends frische Säfte vor, zwischendurch Tee oder Wasser und mittags eine Gemüsebrühe. Und notfalls ein wenig Honig. Der steht auch im Kloster Plankstetten bereit.

Es ist zwölf Uhr, die Fastengruppe trifft sich im Gemeinschaftsraum Sankt Nikolaus zum Mittagessen. Der helle Holztisch ist gedeckt, an der weißen Wand hängt ein Kreuz, die Küchenhilfe bringt Gemüsesuppe in einer Blechschüssel. Sobald die Suppe verteilt ist, verfallen die Kursteilnehmer in Schweigen und beginnen zu essen, sehr bedächtig, manche legen zwischendurch den Löffel zur Seite und setzen ein zweites oder drittes Mal an. "Das schmeckt unwahrscheinlich intensiv", wird Vögele später sagen. Auch wenn die Suppe so fein püriert ist, dass darin kein einziges Stück Gemüse mehr schwimmt.

Die ersten zwei Fastentage waren nicht leicht. Seitdem aber spürt Vögele keinen Hunger mehr. Nun nämlich sinkt beim Fastenden die Konzentration der Stresshormone Adrenalin und Cortisol im Körper, die des Botenstoffs Serotonin im Hirn dagegen steigt. Glück, Harmonie, Euphorie sollten die Abstinenzler daher spüren, manche berichten gar von einer Bewusstseinserweiterung. Michael Vögele sagt: "Ich fühle mich einfach wohl."

Schwieriger Anfang

Jetzt kontert sein Körper die spärliche Nahrungsaufnahme, indem er aus eigenen Reserven zu schöpfen beginnt. Die Leber etwa leert in den ersten 48 Stunden des Fastens ihre Kohlenhydratspeicher. Dann wird Eiweiß aus den Muskeln und vor allem Fett aus den Depots an Bauch und Hüfte verbrannt: Ohne Wasser kann ein Mensch wenige Tage überleben, ohne Essen dagegen reichen die Reserven bei normalem Körpergewicht rund 40 Tage. Zusätzlich drosselt der Organismus nämlich seinen Energieverbrauch.

Oft muss sich der Blutkreislauf erst an das Fasten gewöhnen, Michael Vögele wurde es im vergangenen Jahr, als Fastenanfänger, zunächst furchtbar schwindelig. Andere frieren, weil ihre Körpertemperatur sinkt. Oder sie fühlen sich schlapp und müde. "Ein gesunder Mensch verkraftet das aber problemlos", sagt Andreas Michalsen, Professor für Naturheilkunde an der Charité in Berlin. Chronisch Kranke dagegen sollten unter medizinischer Aufsicht stehen, denn das Fasten kann den Blutdruck verändern, Medikamente können in ihrer Wirkung verstärkt oder abgeschwächt werden. Und die Elektrolyte können aus dem Gleichgewicht geraten. Auch Kopfschmerzen kommen vor - angeblich durch Giftstoffe ausgelöst, die beim Fasten ausgeschwemmt werden, wie viele Fastenkursleiter behaupten.

Hartnäckig hält sich der Glaube, dass sich beim Fasten nicht nur die Brennstofflager leeren. Dass daneben auch "Schlacke" entsorgt wird. Dass der Körper gereinigt, schlechtes Essverhalten der vergangenen Monate in ein paar Tagen gesühnt werden kann. Wasser und Tee sollen die "Schlacke" aus dem Darm spülen, wie Schmutz aus einem alten Ofenrohr. "Es existiert im Körper jedoch keine Schlacke", erklärt Susanne Klaus, Professorin für die Physiologie des Energiestoffwechsels am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam. Die Darmschleimhaut zum Beispiel erneuere sich ständig, da lagere sich nichts ab, was ausgeschieden werden müsse. "Ich sehe das Fasten als psychische Reinigung", sagt die Biologin.

Die Kraft in der Stille

Steuerberater Vögele möchte durchaus Seelenballast abwerfen. Er leitet eine Kanzlei in Nürnberg, eine 60- bis 70-Stunden-Woche sei für ihn normal, samstags arbeite er fast immer, manchmal auch am Sonntag. An vier bis fünf Wochenenden im Jahr fährt er Autorennen, das letzte der Saison 2008 auf dem Hockenheimring. "Da geht es darum: Wer ist schneller, wer kommt am besten um die Kurve, wer bremst als Letzter. Da ist viel Adrenalin im Spiel", sagt Vögele. Sein schwarzer Porsche Cayenne wartet auf ihn vor dem Klostertor.

Die Freunde verstehen nicht, warum er nach Plankstetten geht. "Das passt nicht zum Vögele", sagen sie. Und doch ist er wiedergekommen: "Erst hier gelingt mir, was ich im Alltag nicht kann: In mich hineinzuhorchen und zu sehen, was ich gerade brauche." Wenn er am Morgen mit seiner Gruppe schweigend den schmalen Weg durch das verschneite Tal zum Main-Donau-Kanal hinabläuft, wenn er sich in eine Kapelle des Klosters setzt, wenn er abends im Innenhof der Abtei den Sternenhimmel betrachtet.

Die Stille in der Benediktinerabtei gibt Vögele Kraft, das bemerkte der Nürnberger schon bei seinem ersten Fastenseminar im Januar 2008. Zum Abnehmen war er damals ins Kloster gekommen. Doch spürte er bald, dass die Umgebung ihn veränderte, dass er endlich einmal zur Ruhe kam, fernab vom Alltag. Hier kann er tun, was immer er möchte. Hier muss er sich keinen Wecker stellen, diesmal hat er in den ersten zwei Nächten je zehn Stunden geschlafen, doppelt so viel wie sonst.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 08/2009

Mehr Infos Bücher und Adressen zum Thema, mehr Erfahrungsberichte und skurrile Fakten unter www.stern.de/abnehmen-serie

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Dirk_37 (26.02.2009, 05:58 Uhr)
@onkel.erwin
Haben Ihnen zu viele Kamellen im Magen die Durchblutung zwischen den Ohren erschwert?
...
Ein Artikel zum Thema Fasten zu Beginn der christlichen Fastenzeit ist eigentlich zeitnah und logisch. Natürlich nur, wenn man das neutral so sehen kann und nicht sofort wieder irgendwelchen Unsinn hinein interpretiert. Der Artikel war interessant zu lesen, brachte mir als Fitness-Fan allerdings nichts wirklich Neues,mfG Dirk
gmathol (25.02.2009, 22:36 Uhr)
Hartz IV Empfaenger fasten taeglich...
...sind sie deshalb gluecklicher oder ausgeglichener.
Wer arbeitet und eine Kollegin oder Kollegen hat die fasten kann manchmal sein blaues Wunder erleben unter Stress und Last muss man leider manchmal auch ein paar Kalorien einwerfen.
onkel.erwin (25.02.2009, 22:24 Uhr)
Nichts liegt näher
als in Zeiten der Rezession für das Fasten, den Konsumverzicht und die innere Einkehr einzutreten. Jede Zeit braucht die Mode, die ihr entspricht. Manchem H4-Empfänger bleibt auch gar nichts anderes übrig, als von den Segnungen des Fastens Gebrauch zu machen. Kleiner machen, Leute! Geht nämlich gar nicht mehr anders. Und damit es nicht unangenehm auffällt, wird das ganze flugs zum neuen Trend deklariert. Wir sind ja alle auf einmal sooo vernünftig! Neue Innerlichkeit ist angesagt, nicht mehr einen auf dicke Hose. Schön, dass uns der STERN sagt, wo es ab heute lang geht. Kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte...
arniston (23.02.2009, 05:59 Uhr)
herr astrid viciano, fasten ?
wer mir der chipstüte am tv erzogen wird,
bleibt so , wie sonnenuntergang...
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