Cerealien sind gesund - damit werben die Hersteller der Flakes. Die Verbraucherschützer von Foodwatch halten dagegen: Cerealien sind meist überzuckert, und wenn "30 Prozent Vollkorn" garantiert werden, esse man kein echtes Vollkornprodukt. Was an den Vorwürfen dran ist, und was zu einem gesunden Frühstück gehört. Von Nina Bublitz und Yamina Merabet

In Kombination mit Milch und Obst sind Flakes nicht schlecht, ein normales Müsli wäre aber besser, meint Ernährungsexpertin Wahrburg© Picture-Alliance/Chromorange
"Gesund und genussvoll in den Tag starten" - das soll man mit Cerealien, vorzugsweise in der Vollkornvariante. In der Werbung für geröstete Getreideflocken wird in der Regel der Anschein erweckt, es handele sich um gesunde Lebensmittel. Für die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch ist das ein klarer Fall von Etikettenschwindel. In ihrer aktuellen Kampagne "abgespeist" nehmen sie sich "Fitness & Fruits" von Nestlé vor - mit Früchten versetzte Vollkornflocken.
Dass diese nicht viel mit Fitness zu tun haben, zeigt in erster Linie der Zuckergehalt: In 100 Gramm "Fitness & Fruits" stecken rund 35 Gramm Zucker. Das ist ungefähr so viel, wie in einer Tafel Vollmilchschokolade steckt. Auch andere Cerealien enthalten ähnliche Mengen an Zucker. Die Folge: Nach dem Essen von stark gezuckerten Cerealien steigt der Blutzuckerspiegel rasch und steil an. "Das wirkt sich ungünstig auf die Sättigung aus", erklärt Ernährungsexpertin Ursel Wahrburg von der Fachhochschule Münster. "Denn nach kurzer Zeit fällt der Blutzuckerspiegel wieder ab. Dann ist man wieder hungrig und isst leicht zu schnell und zu viel." Nestlé-Pressesprecherin Elke Schmidt verteidigt das Produkt: "Wir brauchen Zucker zum Frühstück, damit das Gehirn in Gang kommt." Der größte Teil des Zuckers stamme aus den Trockenfrüchten. Und wegen der in den Flakes und Früchten enthaltenen Ballaststoffe, sei kein rapider Absturz des Blutzuckerspiegels zu befürchten.
Nestlé orientiert sich an einer Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation WHO, laut der Menschen zehn Prozent ihres Energiebedarfs über Zucker decken können. Wer morgens 40 Gramm Fitness & Fruits isst, nimmt rund 14 Gramm Zucker zu sich, was 16 Prozent des Tagesbedarfs entspricht.
Foodwatch bemängelt zudem, dass die Flakes mit "garantiert 30 Prozent Vollkorn" angepriesen werden. Für ein "echtes" Vollkornprodukt sei dies zu wenig, ein Vollkornbrot etwa müsse zu mindestens 90 Prozent aus Vollkorn bestehen. Elke Schmidt von Nestlé betont, dass sie die Menge an Vollkorn korrekt kennzeichnen - und die Flocken durch den Vollkornanteil mehr Ballaststoffe enthalten.
Laut Nestlé sollen Cerealien einen Beitrag zur Gesundheit leisten, weil man sie mit Milch und frischen Früchten verzehrt. Ob aber jeder, der die Flakes in die Schale schüttet, gleich Obst mit hinein schneidet, ist fraglich. Und ein Müsli, das nicht zusätzlich gesüßt wurde, wäre mit derselben Menge Obst und Milch immer noch die bessere Wahl.
Wer annimmt, sein Früchstück allein durch Flocken gesünder zu gestalten, liegt jedenfalls falsch. Genau das kritisiert Foodwatch. "Die Werbung spricht gezielt Menschen an, die sich gesund ernähren wollen, dabei handelt es sich bei Nestlé Fitness Fruits um ein völlig überzuckertes Produkt", sagt Anne Markwardt von Foodwatch. "Das zeigt uns, dass die Verantwortung, die die Hersteller angeblich übernehmen wollen, nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ist."
Eine Lebensmittelkennzeichnung mit Ampelfarben nach britischem Vorbild könnte an dieser Stelle helfen: In England kennzeichnen rote, gelbe und grüne Punkte oder Streifen den Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker. Rote und gelbe Punkte auf der Cerealien-Packung würden dem Verbraucher klar aufzeigen, dass die die vermeintlich gesunden Flocken überzuckert sind. Bundesverbraucherminister Horst Seehofer kündigte vor kurzem an, mit der Industrie über eine Ampel-Angabe zu beraten - allerdings nur über freiwillige Angaben. Dabei würden die roten, gelben und grünen Punkte vielen Einkäufern nicht nur vor dem Cerealien-Regal helfen.
Dass Cerealien gesundheitsbewusste Erwachsene ansprechen sollen, ist ein relativ neuer Trend. Als Frühstücksprodukt für Kinder werden sie deutlich länger angepriesen. Schon 2004 bemängelte die Stiftung Warentest Getreideflocken, als sie spezielle Kinderlebensmittel prüfte. "Gletscherkrone Nut Crips Vollkornflakes, Knusperone Honey Wheat, Kellog's Froot Loops und Kölln Zauberfleks: Auf allen Packungen wird auf die eine oder andere Weise betont, wie wichtig Getreide für die Ernährung ist. Dass überreichlich Zucker dabei ist, wird nicht betont: Wir fanden bis zu 42 Prozent", war das Fazit der Warentester damals. In den USA drohten dem Kellog-Konzern sogar schon Klagen von Gesundheitsaktivisten. Aufgrund des massiven Drucks von Verbraucherschützern bewirbt das Unternehmen einen Teil seiner Produkte nicht mehr bei Kindern.
Aber wie sieht ein gesundes Frühstück nun aus? "Da gibt es viele Möglichkeiten", sagt Wahrburg. "Es muss nicht immer Müsli sein. In unserer Kultur und Esstradition sind Getreideprodukte der wichtigste Bestandteil zum Frühstück - es kann auch Vollkornbrot oder ein Mischbrot sein als Basis. Dazu ein nicht zu fettreicher Belag." Idealerweise sollten laut Wahrburg verschiedene Lebensmittelanteile immer dabei sein: ein Getreideprodukt wie Brot oder Müsli, ein wenig Milchprodukt wie ein Käsebelag, Milch oder Joghurt und schließlich etwas aus dem Bereich Obst und Gemüse dazu. Das kann ins Müsli geschnittenes Obst sein, ein frisch gepresster Orangensaft oder eine Tomate zum Brot.
"abgespeist"-Kampagne Was steckt hinter den Versprechen der Lebensmittelindustrie? Dieser Frage geht foodwatch bei seiner Kampagne "abgespeist" nach. Die Verbraucherschutzorganisation will freche Werbelügen und leere Versprechungen aufdecken. Weitere Informationen zur aktuellen Kampagne gegen Nestlé und zu bisherigen Aktionen gibt es auf der Internetseite www.abgespeist.de. Dort können Verbraucher auch weitere Produkte vorschlagen, wenn ihnen mögliche Werbelügen auffallen.