Sollen Kunden an den Farben Rot, Gelb und Grün erkennen, ob sie gerade ein gesundes oder ein ungesundes Lebensmittel kaufen? In Deutschland wehren sich bisher Industrie und Politik dagegen. Jetzt wagt sich Frosta vor - allerdings sehr zaghaft. Von Annette Berger

Die Lebensmittel-Ampel zeigt, wieviel Zucker, Salz, gesättigten Fettsäuren und Fette in einem Produkt stecken© Rainer Jensen/DPA
Der Tiefkühlkost-Spezialist Frosta kennzeichnet einige seiner Produkte ab diesem Sommer mit einer Lebensmittelampel. Frosta sei damit der erste deutsche Hersteller, der die hierzulande umstrittene Farbskala auf seine Packungen aufdrucke, teilten der AOK-Bundesverband, der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) sowie die Nichtregierungsorganisation Foodwatch mit. Allerdings wird die Ampel bei Frosta nur einige Produkte kennzeichnen - nämlich 4 der insgesamt rund 50 Gerichte, sagte Vorstand Felix Ahlers. Ab August gehe es los. Sollte es aber ein Alleingang bleiben - und es keine gesetzliche Regelung geben - werde Frosta nach einigen Monaten prüfen, die Kennzeichnung wieder zu kippen, fügte der Manager hinzu.
Mit Frosta macht jetzt eine Firma den Anfang, die bereits seit mehreren Jahren auf Öko-Werbung setzt und mit der Ampel vermutlich ihr Image polieren will. Seit 2003 gilt bei dem börsennotierten Tiefkühlkosthersteller aus Bremerhaven ein selbst auferlegtes "Reinheitsgebot": Verzichtet wird auf künstliche Aromen, Farbstoffe oder Geschmacksverstärker.
AOK, Verbraucherzentralen und Foodwatch forderten am Mittwoch außerdem, die Ampelkennzeichnung sowohl Deutschland als auch EU-weit zur gesetzlichen Pflicht zu machen. "Es kann nicht sein, dass die Bundesregierung und die Lebensmittelindustrie die Rechnerei den Verbrauchern überlässt", sagte VZBV-Vorstand Gerd Billen. Zwar werde eine Nährwertampel nicht alle Ernährungsprobleme lösen, sagte Billen. "Aber sie wird für diejenigen, die darauf achten und die auf eine schnelle Information angewiesen sind - und das sind besonders Familien, die auch für die Kinder einkaufen -, doch eine erhebliche Erleichterung beim Einkauf darstellen."
Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode kritisierte die Lebensmittelindustrie als verantwortungslos. "Nestlé, Unilever & Co. verkaufen verfettete und überzuckerte Produkte, verschleiern den Nährwertgehalt und bieten als Alibi Yoga-Kurse an, damit die Kunden ihre überzähligen Pfunde wieder loswerden."
Wer in den letzen Monaten in Großbritannien eingekauft hat, kennt die Nährwertampel: Auf Lebensmittelpackungen prangen drei Punkte in den Farben Rot, Gelb und Grün. Überwiegt Rot, ist das Produkt sehr fetthaltig, salzig oder süß - und damit eher ungesund. Gelb bedeutet mittelprächtig, und grün heißt: Es sind wenig Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker oder Salz enthalten. Zusätzlich wird der Anteil dieser Stoffe pro 100 Gramm angegeben. Das soll die Produkte vergleichbar machen. Zwar ist die Ampel in Großbritannien nicht per Gesetz vorgeschrieben, sondern wird freiwillig von der Industrie verwendet. Die drei Punkte zieren aber inzwischen sehr viele Verpackungen in britischen Lebensmittelgeschäften und werden laut Umfragen von den Kunden als Orientierung geschätzt.
In Deutschland dagegen wehrt sich die Wirtschaft hartnäckig - sie fürchtet um das Image ihrer Produkte und führt immer wieder das Argument an, entscheidend sei bei der Ernährung die Menge. Am Mittwoch teilte der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde - eine Lobbygruppe der Industrie - in Bonn mit: "Eine gute Ernährung bedeutet immer eine Zusammenstellung verschiedenster Lebensmittel." Das Ampel-System lasse außer Acht, dass Lebensmittel eine Kombination aus rot, gelb und grün seien. Die Branche plädierte erneut für freiwillige Kennzeichnungen.
CSU-Chef Horst Seehofer schlug in der Vergangenheit, als er noch Bundesverbraucherminister war, gern in dieselbe Kerbe. Sein Lieblingsbeispiel: die Schweinshaxe, die etwas "durchaus Positives" habe. Man dürfe eben nur nicht ständig Haxen essen.
Seine Nachfolgerin auf dem Ministersessel, Parteifreundin Ilse Aigner, erklärte im Februar die Kennzeichnung mit Ampelfarben für vorerst gescheitert. "Es kann in Deutschland jetzt nur eine freiwillige Lösung geben, während das Verfahren auf europäischer Ebene läuft", sagte sie damals.
Doch gerade dies könnte jetzt wieder in Gang kommen. So werde sich das Europäische Parlament nach der Europawahl am 7. Juni mit dem Thema befassen, erinnerte der AOK-Bundesverband, die Verbraucherzentralen und Foodwatch bei ihrer Pressekonferenz in Berlin die Politik. Aus dem Landwirtschaftsministerium in Berlin hieß es dagegen, diese Debatte sei auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben worden.
Die Verbraucherpolitiker der SPD-Fraktion forderten am Mittwoch, Aigner müsse das Ampel-System in Europa voranbringen. Auch Vertreter von Grünen und Linken sprachen sich nach Angaben der Nachrichtenagentur AP für die Ampel aus. Die FDP ist dagegen der Ansicht, das Ampelsystem leite Kunden irre: "Wir lehnen eine Verbots- und Symbolpolitik, die die Verbraucher bevormundet, strikt ab", sagte Hans Michael Goldmann, ernährungs- und verbraucherpolitischer Sprecher seiner Fraktion.
An diesem Donnerstag wollte Aigner ursprünglich bei einem Runden Tisch mit der Wirtschaft über eine vereinfachte Kennzeichnung beraten. Doch der Termin wurde abgesagt - aus Termingründen, wie es am Mittwoch hieß. Das Gespräch sei allerdings bereits vergangene Woche gekippt worden, sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Ein Ersatztermin stehe noch nicht fest.
Aigner ist zwar offenbar weiter gegen die Ampel, ließ jedoch mitteilen, sie prüfe eine verbesserte Kennzeichnung. Es gehe dabei um eine andere optische Darstellung. Geprüft werde auch, ob sich mit der Industrie ein Kompromiss bei den Portionsgrößen erzielen lasse.
Verbraucherschützer kritisieren die Lebensmittel-Hersteller, weil sie zwar Nährwertdaten auf ihre Packungen drucken - diese aber schwer verständlich und kaum vergleichbar sind. Die Bezugsgrößen erscheinen oftmals willkürlich - etwa wenn bei Tiefkühl-Pizzen nicht auf den gesamten Inhalt Bezug genommen wird, sondern nur auf einen Teil.
Auch steht auf Verpackungen in Deutschland oft, wie viel Prozent eines bestimmten Tagesbedarfs durch das Lebensmittel gedeckt werden. Um solche Informationen zu nutzen, müssten Kunden ständig Kalorien berechnen.