Tricksen bei der Lebensmittel-Kennzeichnung: Eine Untersuchung der Verbraucherzentralen hat aufgedeckt, dass Hersteller mit wichtigen Infos über ihre Produkte geizen - vor allem bei zucker- und fettreichen Lebensmitteln ist das der Fall. Markenartikel schnitten besonders schlecht ab. Von Christine Kirchhoff

Viele Lebensmittelhersteller verschweigen den Verbrauchern Kalorien- und Nährwertangaben ihrer Produkte© DPA
Lecker, leicht, gesund - Schlagworte, die uns vor allem beim Süßigkeiten-Kauf verlocken. Doch wie es wirklich um das Innenleben der leckeren Naschereien bestellt ist, darüber schweigen sich die Hersteller aus. Dies zeigt nun eine bundesweite Untersuchung der Verbraucherzentralen, die im August insgesamt 3500 Lebensmittel von mehr als 50 Herstellern auf ihre Nährwertkennzeichnung überprüft haben. Bei über der Hälfte aller untersuchten Produkte fehlen demnach die Angaben zu den enthaltenen Nährwerten - wie bei diesen zwölf bekannten Lebensmitteln.
Betroffen sind vor allem Konfitüren, Schokolade, Süßwaren sowie Chips und andere Knabberartikel. Insgesamt kennzeichnen 33 der 50 untersuchten Hersteller - das sind 66 Prozent - ihre Produkte unbefriedigend. "Wichtige Informationen wie Angaben zum Zucker- und Fettgehalt werden dem Verbraucher einfach verschwiegen", kritisiert Armin Valet von der Verbraucherzentrale in Hamburg.
Vor allem Markenartikel schnitten bei der Untersuchung der Verbraucherschützer schlecht ab: Von 36 Produkten kennzeichnet Ferrero beispielsweise nur eines mit Angaben zum Zuckergehalt. Zu den Verlierern des Tests gehört auch die Firma Ritter Sport - die Verbraucherzentrale fand hier kein einziges Produkt, das mit Nährwertangaben versehen ist. Auch das Vanilleeis von Häagen-Dazs ist ähnlich schlecht gekennzeichnet. Laut aktuellem Vanilleeistest der Stiftung Warentest enthält diese Eissorte im Vergleich zu anderen besonders viel Fett - eine Nährwerttabelle suchen Verbraucher aber vergeblich.
"Dass solch angepriesenen Produkte oft einen höheren Zucker- oder Fettgehalt haben als gewöhnliche Süßigkeiten, legen Hersteller nicht gerne offen", sagt Armin Valet. So bewirbt Ferrero seinen Schokoriegel "Yogurette" mit dem Slogan. „…schmeckt joghurt-leicht“ - tatsächlich handelt es sich aber um eine echte Kalorienbombe. "Dies durch Nährwerttabellen zu kennzeichnen, wäre natürlich kontraproduktiv für das Geschäft der Hersteller", so Valet. Die Verbraucherschützter stellten fest, dass gerade bei fett- und zuckerreichen Produkte solche Angaben fehlen. So wird beispielsweise die Leberwurst von Herta ohne Kennzeichnung angeboten, der fettarme Schinken dagegen ist mit Nährstoffen ausgezeichnet. "Auch der Zuckergehalt wird beispielsweise immer noch hinter den Kohlenhydraten versteckt, was vielen Verbrauchern so nicht klar ist", sagt Valet. Dies sei eine reine Verkaufstaktik der Hersteller.
Schon seit langem fordern die Verbraucherschützer eine Kennzeichnung der wichtigsten acht Nährwerte, auch "Big-Eight" genannt. Darunter fallen Energiegehalt, Zucker, Eiweiß, Kohlenhydrate, Fette, gesättigte Fettsäuren, Ballaststoffe und Natrium beziehungsweise Salz. Denn nur so hätten Konsumenten die Chance, Dickmacher zu entlarven. Einige der untersuchten Lebensmittel waren zumindest mit den vier Nährwerten - "Big-Four" genannt - versehen: Verbraucher werden so über Energiehaushalt, Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate informiert.
Ein eingeschränktes Platzangebot auf der Verpackung ließ bislang eine Nährwertkennzeichnung nicht zu, heißt es bei Häagen-Dazs. Im Internet habe man interessierten Verbrauchern jedoch die "Big-Four" des kompletten Sortiments zur Verfügung gestellt. Im Laufe des kommenden Jahres werde man aber die "Big-Eight" auf allen 500 Milliliter-Verpackungen anbringen, heißt es aus dem Konzern.
Auch bei Ferrero gelobt man Besserung. Gerade befinde man sich in einer Umstellungsphase. "Spätestens ab Oktober werden die "Big-Eight" auf einem Großteil der Produkte zu finden sein", sagt eine Sprecherin.
Klare Sieger der Untersuchung sind Discounter, die offensichtlich großen Wert auf die Nährwertkennzeichnung legen. Aldi ist dabei Spitzenreiter: Nur sechs Prozent der Produkte waren der Untersuchung zufolge nicht mit den "Big-Eight" gekennzeichnet. "Toffifee beispielsweise ist bei Aldi mit allen acht Angaben versehen, in anderen Supermärkten jedoch nur mit den "Big-Four"-Kennzeichnungen", sagt Armin Valet. Auch einige Produkte des Süßwarenherstellers Haribo waren nur bei Aldi mit den wichtigen Nährwerten gekennzeichnet.
Die Folgerung der Verbraucherschützer: Händler haben bei der Nährwertkennzeichnung anscheinend mehr Einfluss als vermutet. "Sie können auf die Hersteller Druck ausüben und so eine bessere Nährwertkennzeichnung erreichen", so Valet.
Die Untersuchung der Verbraucherzentrale brachte aber auch positive Beispiele zu Tage: Danone, Zentis und Iglo gehören zu den 18 Prozent der Hersteller, deren Lebensmittel-Kennzeichnung die Verbraucherzentrale als "gut" bezeichnet.
Den Verbraucherzentralen ist dies nicht genug: Sie fordern eine obligatorische Ampelkennzeichnung für alle Fertigpackungen. Verbraucher hätten bei solch gemischten Produkten keine Chance zu durchblicken, was enthalten ist, sagt Valet. Bislang ist die Firma Frosta der einzige deutsche Hersteller, der vier seiner Produkte freiwillig mit der umstrittenen Nährwert-Ampel kennzeichnet. Handel und Markenverband sind gegen die Kennzeichnung, weil sie die Lebensmittel nicht kennzeichne, sondern werte.