Das Fleisch von Nachkommen geklonter Tiere soll in Europa künftig nach einem einheitlichen Zulassungsverfahren vermarktet werden können. Darauf haben sich die EU-Landwirtschaftsminister verständigt. Ob das geklonte Schnitzel gefährlich für die Gesundheit ist, erklärt Veterinärmediziner Heiner Niemann im Interview mit stern.de.

Verbraucher würden beim Kauf gentechnikfreie Produkte bevorzugen, wie eine GfK-Umfrage ergab© Thomas Kienzle/AP
Es schmeckt wie normales Fleisch, es sieht aus wie normales Fleisch und doch liegt allein die Vorstellung von Klonfleisch vielen Verbrauchern schwer im Magen, wie eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag von Greenpeace aus dem Jahr 2008 zeigt. Knapp 65 Prozent der Befragten würden demnach beim Kauf von Fleisch- und Milchprodukten bevorzugt zu einem als "gentechnikfrei" ausgewiesenen Produkt greifen.
Auch in der EU soll der Verkauf von Fleisch und Milch von Nachkommen geklonter Tiere in Zukunft nach einem strengen Zulassungsverfahren erlaubt werden. Einen entsprechenden Beschluss fällten die EU-Landwirtschaftsminister am Montag in Luxemburg einstimmig. Das letzte Wort ist damit aber noch nicht gesprochen, denn das Europaparlament muss den Plänen erst noch zustimmen.
In den Vereinigten Staaten hat die Lebensmittelaufsicht FDA den Verkauf von Klonfleisch bereits seit 2008 genehmigt. Doch wie gefährlich ist geklontes Fleisch für den Verbraucher? Bevor es in Europa in die Kühlregale kommt, wird das noch die EU-Lebensmittelagentur Efsa prüfen. Falls das Fleisch als unschädlich eingestuft wird, muss die Kommission es zulassen. Wissenschaftler wie Heiner Niemann, Klon-Experte des Friedrich-Loeffler-Instituts in Mariensee bei Hannover, halten das gentechnisch veränderte Fleisch für unbedenklich.
Für den Verbraucher besteht kein Risiko. Es stimmt zwar, dass kurz nach der Geburt und in der frühen Entwicklungsphase einige der geklonten Tiere sterben und die Verluste noch höher sind als nach geschlechtlicher Vermehrung. Aber alle Tiere, die über ein halbes Jahr alt sind, sind unbedenklich und nicht von einem konventionell produzierten Tier zu unterscheiden. Von daher ist die Datenlage so, dass man mit gutem Wissen sagen kann, dass es keine neuen Risiken gibt, die durch das Klonen selbst verursacht werden.
Das ist eine Meinung, die ich nicht unbedingt teile. Es gibt genug Daten und Fleisch und Milch wurden im Detail und wiederholt molekularbiologisch und biochemisch untersucht. Die amerikanische Behörde für Lebensmittelaufsicht FDA hat schon vor einigen Jahren in einer Risikobewertung darauf hingewiesen, dass Milch und Fleisch von geklonten Tieren keine biologisch relevanten Unterschiede aufweisen und auch keine mutagene Wirkung haben, das Erbgut also nicht verändert ist. Da die Technologie noch sehr jung ist, kann man aber noch nicht sagen, ob die geklonten Tiere genauso lang leben wie konventionelle. Das ist zurzeit noch in Prüfung.
Risiken könnten sich durch eine unvollständige Reprogrammierung des Spenderkerns ergeben. Das ist jedoch eher eine theoretische Vorstellung, denn es geht nicht in erster Linie darum, noch einmal ein paar Liter Milch oder ein paar Kilo Fleisch mehr zu erhalten. Das Klonen dient hauptsächlich dazu, wertvolles Erbgut weiterzugeben. Wenn ein Bulle neben erstklassiger Fleischqualität auch eine erstklassige Fruchtbarkeit und Gesundheit mitvererbt, ist das ein Kandidat für das Klonen. Nur das Fleisch seiner Nachkommen würde dann in die Nahrungsmittelkette gelangen. Nicht der direkte Klon würde verwendet, sondern die Nachkommen, die auf konventionelle Weise entstanden sind. Diese Produkte kämen dann in den Handel, das geklonte Erbgut wäre also noch einmal durch die Keimbahn gelaufen.
Wenn das geklonte Erbgut einmal durch die Keimbahnen gegangen ist, also durch sexuelle Reproduktion vervielfältigt wurde, werden eventuell vorhandene Reprogrammierungsfehler im Erbgut gelöscht. Wobei man auch davon ausgehen muss, dass bei einem geklonten Tier, das ein paar Jahre alt ist, das Genom vollständig reprogrammiert wurde. Ansonsten würde dieses Tier nicht existieren.
Wir müssen das auch in einem ökonomischen Rahmen sehen. Diese Entwicklung ist nicht von selbst gekommen, sondern sie hängt auch damit zusammen, dass es jeder für selbstverständlich erachtet, dass er das beste Stück Fleisch oder beste Milch und Milchprodukte zu einem akzeptablen Preis bekommt. Der Landwirt, der es produziert, muss natürlich auch noch etwas daran verdienen. Die Tierproduktion steht daher im Spannungsfeld zwischen der ökonomischen Fragen und dem, was wir als natürlich oder artgerecht sehen. Klonen wird in Zukunft ein Instrument sein, um effektive Tierzucht zu betreiben und bestimmte Genotypen zu multiplizieren.
Wir haben in Deutschland ungefähr viereinhalb Millionen Milchkühe und insgesamt vielleicht 15 Millionen Rindviecher, davon sind 30 bis 35 geklont, die ausschließlich für Versuchszwecke verwendet werden. Weltweit gibt es schätzungsweise 4000 geklonte Rinder. Das Verfahren, das kaum in der Breite zum Einsatz kommen wird, ist immer noch eine große Herausforderung.
Ein Klon kostet bis zu 30.000 Dollar. Bei diesen Kosten muss man sich auch marktwirtschaftlich überlegen, ob es das Tier wert ist, das heißt, ob durch eine verbesserte Fleischqualität in der Zucht tatsächlich das Geld wieder hereinkommt. Insofern ist es eine Technologie, die nur bei wenigen und sehr wertvollen Tieren zum Einsatz kommt.
Aus wissenschaftlicher Sicht nicht, denn es gibt keine zusätzlichen Risiken. Was ich verstehen kann, ist, dass damit eine ethische Diskussion in Gang gekommen ist. Die Vorstellung, dass man nach Tieren auch irgendwann vielleicht einmal Menschen klont, löst verständlicherweise Bedenken aus. Da müssen klare gesetzliche Grenzen gezogen werden.
Das stimmt. Um einen Bullen, der gesund ist, zu bekommen, müsste man bis zu fünf geklonte Embryonen auf Empfängertiere übertragen. Allerdings ist die Trächtigkeitsrate auch in der normalen Fortpflanzung nie hundert Prozent. Bei der Besamung liegt sie bei 50 Prozent. Sie haben immer einen relativ hohen Anteil an embryonaler Sterblichkeit. Dieser Anteil ist zwar beim Klonen noch einmal erhöht, aber es ist kein Phänomen, das nur dort vorkommt.
Ich gehe davon aus, dass es gekennzeichnet wird, wenn es in Deutschland auf den Markt kommt. Jedenfalls wäre es wünschenswert, denn nur so hat der Verbraucher Entscheidungsfreiheit. Im Nachhinein ist es auch schwer nachzuvollziehen oder zu überprüfen, ob das Produkt von einem geklonten Tier stammt.
Da bin ich skeptisch. Es wird noch dauern, bis sich die EU festlegt.
Ich habe kein Problem damit. Die Produkte sind völlig ungefährlich.
Klonen von Tieren Beim Klonen von Tieren wird eine Tier erzeugt, das im Wesentlichen eine Kopie des Ausgangstiers ist. Die am häufigsten verwendete Methode ist der somatische Zellkerntransfer. Dabei wird einem ausgewachsenen Tier eine Körperzelle (somatische Zelle) entnommen und der Zellkern isoliert. Dieser wird in die entkernte Eizelle eines weiblichen Tieres übertragen. Damit daraus ein lebensfähiger Embryo entstehen kann, ist eine vollständige Reprogrammierung des Erbmaterials nötig. Durch die Reprogrammierung wird die DNA der differenzierten Zelle in einen embryonalen Zustand zurückversetzt. Der Embryo wird in ein Ersatzmuttertier eingesetzt; dieses trägt das geklonte Tier aus. Das bekannteste Beispiel für ein geklontes Tier ist das Bergschaf "Dolly", das erste Säugetier, das 1996 dupliziert wurde.