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Ratgeber Ernährung

30. April 2008, 15:15 Uhr

Das Hirn isst mit

Diäten zum Abnehmen schlagen meist fehl: Steht das Gehirn unter Stress, fordert es Nahrung an - und der Körper gehorcht. Der Schaltzentrale ist es dabei egal, ob sich das Fett an den Hüften türmt. Hauptsache, der Zuckergehalt im Oberstübchen stimmt.

Stress macht dick - Schuld daran ist unser zuckersüchtiges Gehirn© Getty Images

Menschen, die eine Diät gemacht haben, sind nach fünf Jahren genau so dick wie zuvor. Viele haben sogar noch zugelegt. Das belegen Statistiken. Warum so viele Menschen immer wieder den Kampf gegen ihre alten Ess-Gewohnheiten verlieren, hat nun ein interdisziplinäres Wissenschaftlerteam unter der Leitung des Lübecker Diabetologen Achim Peters herausgefunden: Störungen im Hirnstoffwechsel könnten Ursache für ungezügeltes Essverhalten sein.

Das Team aus Internisten, Hirnforscherinnen und Psychiatern beobachtete mehrere Jahre lang 50 Normal-und Übergewichtige. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie der Magnet-Resonanz-Tomografie maßen die Wissenschaftler während verschiedener Belastungssituationen die Energieversorgung im Gehirn und verglichen sie mit der des restlichen Körpers. Dabei konnten sie zeigen, dass das Gehirn immer zuerst die eigene Energieversorgung sicherstellt. Erst danach teilt es Muskeln, Organen oder dem Fettgewebe etwas zu. Es steuert also den Stoffwechsel zu seinen Gunsten, weshalb die Forscher vom "´selfish Brain" sprechen, vom "selbstsüchtigen Gehirn". Kein anderer Bereich des menschlichen Organismus ist so gefräßig wie das Gehirn. Obwohl es bei Erwachsenen nur etwa zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, verbraucht es fast 40 Prozent der aus Kohlenhydraten stammenden Energie.

Stress steigert das Verlangen nach Essen

Nach Ansicht der Forscher manipuliert das Gehirn den Energiestoffwechsel. Wenn es dem Gehirn nicht gelingt, ausreichend Energie für sich aus dem Körper anzufordern, gleicht es die Unterversorgung einfach aus. Es steigert die Nahrungsaufnahme und überlässt dem Körper den Energieüberschuss. Auf diese Weise kann langfristig eine Übergewicht entstehen. Denn der Organismus wird durch diese Strategie des Gehirns gezwungen, mehr energiereiche Nahrung aufzunehmen, als gut für ihn ist.

Der zentrale Mechanismus für den Energiestoffwechsel ist aus der Sicht der Forscher das Stress-System des Menschen. Befindet es sich über einen längeren Zeitraum im Ungleichgewicht, zum Beispiel durch eine Depression oder chronischen Stress, könne das den Appetit über die Maßen steigern.

Essen als Trost in einer trostlosen Gesellschaft

Denn viele Menschen empfinden Essen als tröstlich oder entspannend. Vor allem süße Speisen mildern nachweislich die Stressreaktion und wirken stimmungsaufhellend. Wer solch ein Trost-Essen über Jahre hinweg praktiziert, sorgt unweigerlich dafür, dass sich diese positive Verknüpfung in sein Hirn eingräbt.

Gleichzeitig mit dem Anwachsen der Fettpolster sinkt die Bereitschaft zu körperlicher Aktivität, der Mensch wird träge. Bewegung wird körperlich als unangenehm empfunden, wenn in unserem Gehirn der Zucker knapp wird. Das macht sich durch Unlust oder durch Erschöpfungssymptome wie schwere Beine oder knappen Atem bemerkbar.

Forscher vermuten, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Industriegesellschaften mitverantwortlich sind dafür, dass es immer mehr dicke Menschen gibt. Konkurrenzdruck, Hektik, Schichtarbeit und das Zusammenleben auf engstem Raum machen Stress.

Rüdiger Braun

 
 
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