Lange galt Vitamin D als der Stoff, der Oma vor dem Beinbruch und Kinder vor Rachitis schützt. Neue Daten zeigen: Es kann auch Krebs und Herzinfarkten vorbeugen. Von Nicole Heißmann

Sonne, Fisch und Brausetabletten: Im Sommer kann der Körper seine Vitamin-D-Bestände auch beim Nichtstun auffüllen© Arno Burgi/dpa
Quadratschädel, O-Beine, eingefallener Brustkorb. Wer als Kind eine Rachitis überlebt, bleibt sein Leben lang gezeichnet. Häufigste Ursache dieser Wachstumsstörung der Knochen ist ein massiver Mangel an Vitamin D, der in dieser Form jedoch in Deutschland kaum noch vorkommt.
Seit Langem ist bekannt, dass das Vitamin die Calciumaufnahme aus der Nahrung und den Einbau des Minerals in die Knochen fördert. Den größten Teil des wichtigen Nährstoffes bildet der Körper praktischerweise selbst in der Haut. Dafür ist allerdings kurzwellige UV-B-Strahlung aus dem Sonnenlicht nötig. Babys und Kleinkindern, die nicht der direkten Sonne ausgesetzt sein sollen, werden daher prophylaktisch kleine, weiße Tabletten in den Mund geschoben. Und auch alte Leute schlucken Vitamin D, da es Osteoporose vorbeugen kann.
Doch anscheinend bewirkt das Vitamin noch viel mehr. Wissenschaftler glauben inzwischen, dass es im Körper als eine Art chemischer Zentralschalter dient. Vitamin D ist verwandt mit hochwirksamen Hormonen wie Testosteron oder Östrogen. In mehr als 30 Geweben wurden Rezeptoren gefunden, an die das Vitamin andockt, um chemische Botschaften zu übertragen.
Mehr als 1000 Gene sind bekannt, die von Vitamin D aktiviert werden, um dann ihrerseits wieder unzählige Proteine herzustellen. So kann Vitamin D zum Beispiel Abwehrzellen des Immunsystems so beeinflussen, dass sie verstärkt körpereigene Antibiotika gegen Bakterien produzieren. Gleichzeitig mehren sich Hinweise, dass eine Unterversorgung mit dem Vitamin das Risiko für schwere Krankheiten steigern kann. Erst vor wenigen Wochen wurden zwei Studien aus Österreich und den USA veröffentlicht, denen zufolge ein niedriger Blutspiegel an Vitamin D das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.
Andere Untersuchungen belegen einen Zusammenhang zwischen zu wenig Vitamin D im Blut und Tumoren in Brust, Prostata oder Darm. Jörg Reichrath, Leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie am Uniklinikum des Saarlandes, erforscht mit seinen Kollegen die Antikrebswirkung des Stoffs an Zellkulturen und im Tierversuch: "Der Effekt beruht höchstwahrscheinlich darauf, dass Vitamin D die un- kontrollierte Zellteilung hemmt und dadurch der Entstehung von Krebszellen entgegenwirkt." Einen weiteren Mechanismus halten Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungs-zentrum in Heidelberg für plausibel: Möglicherweise sei das Vitamin ein wirksamer Gegenspieler des Hormons Östrogen, das bei vielen Brustkrebs-patientinnen das Tumorwachstum verstärkt.
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Ausgabe 30/2008