Vitaminpräparate stehen seit geraumer Zeit in der Kritik. Bis jetzt gibt es keinen Beweis, dass die Einnahme hilft. Trotzdem werben Hersteller damit, dass die Vitaminpillen vor allem gegen schädliche Radikale wirken. Wissenschaftlich ist dies umstritten.

Für eine gesunde Ernährung muss man auch mal wieder selber schnippeln© Colourbox
Selten verraten Fachwörter so viel wie in diesem Fall. "Radikale", "Zellgifte", "oxidativer Stress" - die Begriffe meinen dasselbe und in jedem Fall nichts Gutes. Radikale sind hochreaktive Stoffe im Körper, die die Haut angreifen, ebenso die Zellen und das Erbgut. Sie machen alt und krank. Bei Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Alzheimer spielen sie übel mit. Kein Wunder, dass Hersteller von Kosmetika und Vitaminpillen damit werben, dass sogenannte Antioxidantien in ihren Produkten die gefährlichen Stoffe aus dem Körper ziehen oder von ihm fern halten. Doch das Bild von den guten Vitaminen und den schlechten Radikalen wankt.
"Vitaminpräparate steigern das Diabetes-Risiko", vermeldete im Mai dieses Jahres die Universität Jena. Ein Team um den Ernährungswissenschaftler Michael Ristow ließ 39 junge Männer täglich trainieren, weil sich Bewegung bekanntermaßen günstig auf den Zuckerstoffwechsel auswirkt und vor Diabetes schützt. Die Hälfte der Teilnehmer schluckte zusätzlich Vitamin E und C. Doppelt gut, sollte man meinen. Doch die Forscher stellten fest, dass die Pillen die positive Wirkung des Sports vollends zunichte machen. "Wir müssen sogar davon ausgehen, dass Antioxidantien das Diabetes-Risiko eventuell erhöhen", schließt Ristow. Und damit noch nicht genug. Erst zwei Jahre zuvor teilte sein Team mit, dass Vitamine und andere Antioxidantien womöglich die Lebenserwartung vermindern.
Andernorts ist man zaghafter in der Formulierung, ähnlich in der Tendenz. Ende 2008 brach das amerikanische National Cancer Institute eine Studie mit 35.000 Teilnehmern überraschend ab. Sie hatten wahlweise Vitamin E oder den antioxidativen Mineralstoff Selen gegen Prostatakrebs genommen. Doch in der Vitamin-E-Gruppe fand man den gefürchteten Tumor sogar häufiger. Die Patienten, die Selen einnahmen, wurden dagegen häufiger zuckerkrank.
Es ist nicht das erste Mal, dass auch in Pillen eingenommenes Selen negativ auffällt. So kann zu viel des Minerals das Risiko für Diabetes um 57 Prozent emporschnellen lassen, wie Forscher 2007 beobachteten. In einer anderen Erhebung wurden fast dreimal mehr Menschen zuckerkrank. Allerdings bietet die Fachliteratur, wie bei allen Vitamin- und Mineralstoffen, auch Widersprüchliches. Eine Studie fand keinen Einfluss von Selen auf die Gesundheit, eine andere einen positiven Effekt.
So viel ist zumindest gewiss: "Bis jetzt hat man keinen Beweis, dass isolierte Vitaminpräparate eine eindeutig positive Wirkung haben", meint Andrea Hartwig vom Institut für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie an der Technischen Universität Berlin. "Die zusätzlichen Vitamine bringen nicht das, was viele erwarten", pflichtet Matthias Blüher von der Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universität Leipzig bei, der an Ristows Studie beteiligt war.
In dem Maße, wie sich das Bild der Antioxidantien eintrübt, wird deutlich, dass man die Radikale zu Unrecht pauschal verunglimpft hat. So wurde in der Jenaer Studie bei den Sportlern ein doppelt so hoher Wert an hochreaktiven Stoffen gemessen, wenn sie keine Pillen schluckten. Die Bewegung kurbelt den Stoffwechsel der Zellen an. Sie produzieren dadurch mehr Zellgifte. Doch dieser kurzzeitige Schub an Radikalen wirkt sich nachgerade günstig auf den Stoffwechsel aus und beugt einer Zuckerkrankheit vor. Ristow vermutet, dass er einer Impfung gleichkommt, die die körpereigene Abwehr gegen Radikale mobilisiert. Die vorübergehende Schwemme an Radikalen würde - dieser dieser Logik folgend - helfen, oxidativen Dauerstress zu vermeiden.