Ratgeber Ernährung

11. März 2013, 18:23 Uhr

"Eine Geliebte, die man nicht los wird"

39 Kilo bei 1,82 Meter - fast wäre Christian Frommert verhungert. Er leidet an Magersucht. Im Interview erklärt der 46-Jährige, warum er seinen körperlichen Verfall sogar als schön empfindet.

Zur Person Christian Frommert, Jahrgang 1967, ist der ehemalige Leiter der Sponsoring-Kommunikation der Deutschen Telekom AG. Es war Frommert, der 2006 einen Tag vor dem Start der Tour de France die Suspendierung von T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich wegen dessen Verwicklung in die Fuentes-Affäre bekannt gab. Heute ist der 46-Jährige selbständiger Kommunikationsberater. Unter anderem arbeitet er mit DFB-Manager Oliver Bierhoff zusammen. Frommert leidet seit Jahren massiv unter Magersucht. Am 11. März erscheint sein Buch "Dann iss' halt was - Meine Magersucht: Wie ich gekämpft habe – wie ich überlebe", Mosaik-Verlag, 19,99 Euro.

Herr Frommert, wie geht's Ihnen zurzeit?

Es ist nicht leicht. Der Körper ist schon etwas weiter als der Kopf. Es gibt immer noch Tage, an denen ich mich nach "Anna" sehne und mich gerne anlehnen möchte.

Sie nennen Ihre Krankheit Anna, wie eine Geliebte. Sie wollten mit der Anorexie, also Magersucht, Schluss machen, aber sie lässt sich nicht abschütteln, richtig?

Es ist eine Hassliebe. Die Anorexie ist eine Geliebte, die man nicht los wird. Sie redet ständig auf mich ein. Ich versuche, Kompromisse einzugehen - und am Ende gewinnt sie immer.

Warum lieben Sie etwas, das Ihnen schadet?

Das ist nicht so einfach zu erklären. Das versuche ich in meinem Buch zu ergründen. Anna gibt mir Ruhe. Wenn ich auf sie höre, habe ich kein schlechtes Gewissen. Sobald ich aber von meinen Essens-Ritualen abweiche, werde ich unruhig. Diese innere Stimme ist ständig da. Ich stehe beispielsweise vor dem Kühlschrank und will einen Joghurt herausnehmen, 50 Gramm. Anna sagt dann: Nimm 5, ich sage, ich nehme 20, und am Ende esse ich nur 10 Gramm. Und so geht das ständig.

Magersucht gilt als Mädchenkrankheit. Warum wird sie nicht als bedrohlich wahrgenommen?

Weil die Magersucht die einzige Sucht ist, bei der man nichts im Übermaß zu sich nimmt. Wenn jemand zu viel Alkohol trinkt, sagt jeder sofort: Der ist süchtig. Raucht jemand im Übermaß, merkt man schnell, der kann nicht ohne. Aber nicht essen? Das verstehen die Leute nicht: Wie kann man denn nichts essen? Und jeder sagt: "Dann iss halt was!"

Wie erklären Sie den Leuten, dass Sie sich fast zu Tode gehungert hätten?

Bei der Magersucht willst du nichts in deinen Körper reinlassen. Du guckst an dir herunter und siehst nur Fett. Ich halte mich nach wie vor für dick. Leute sagten früher ständig, dass ich nicht mehr gesund aussehe und dass ich viel zu dünn sei. Ich antwortete immer: So ein Quatsch. Heute weiß ich, dass es stimmt, aber trotzdem habe ich Probleme. Wenn du eine Ess-Störung hast, wirst du sie nie los. Du wirst nie ein normales Verhältnis zum Essen haben.

2006 waren Sie Leiter der Sponsoring-Kommunikation der Deutschen Telekom und verkündeten die Suspendierung von Jan Ullrich, der wegen Dopings nicht an der Tour de France teilnehmen durfte. Sie standen unter Druck, aber auch im Scheinwerferlicht. Hat Ihnen das gefallen?

Einerseits war es berauschend und toll. Die Kameras sind auf dich gerichtet. Du stehst mit dem "Morgenmagazin" auf und gehst mit den "Tagesthemen" ins Bett. Du fühlst dich wichtig, anerkannt und auch irgendwie mächtig. Du denkst, du könntest ein bisschen mit am großen Rad drehen.

Und andererseits?

War es eine enorme Last. Der Druck wurde immer stärker. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt, ich musste da ohne Netz und doppelten Boden agieren. Was gerne übersehen wird: Den Fall Jan Ullrich zu moderieren und zu kommentieren war nicht so schwierig. Viel schlimmer war das Folgejahr, als T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz des Dopings überführt wurde, und ARD und ZDF aus der Berichterstattung der Tour de France ausstiegen. Aber wissen Sie, was das Schlimmste ist?

Was denn?

Wenn die Öffentlichkeit weg ist. Wenn keine Sau mehr was von dir wissen will. Die Stille danach. Da fühlst du dich als Versager.

Bei Ess-Störungen wie Magersucht oder Bulimie ist das Ess-Verhalten nur das Symptom. Welche Gründe haben Sie denn für sich bislang ausmachen können?

Es ist eine Summe aus vielen Teilen: Als Kind war ich sehr dick und habe negative Erfahrungen gemacht, die ich nie aufgearbeitet habe. Dann bin ich einer Sport-Anorexie verfallen – Laufen und Fahrradfahren – das extreme Sporttreiben hat mir das Abnehmen leicht gemacht. Ich bin ein absoluter Perfektionist. Wenn ich mir sage: Jetzt lass' mal Fünfe gerade sein, kommt die andere Seite und sagt: Ja, aber Fünfe ist nicht gerade! Ich glaube, immer funktionieren zu müssen. Ich habe das Gefühl, immer etwas tun zu müssen, damit man mich mag.

Wann haben Sie geahnt, dass Sie krank sind?

Es war ein schleichender Prozess. Bereits als Kind hatte kein gesundes Verhältnis zum Essen. Ich war 15 Jahre lang Redakteur bei der "Frankfurter Rundschau". Schon in der Zeit habe ich mir verboten, Essen zu genießen. Ich habe tagelang nur Joghurt gegessen und überhaupt keine warme Mahlzeiten zu mir genommen. Manchmal hatte ich Phasen, in denen ich mir am Wochenende was gegönnt habe – ein ausgiebiges Frühstück, ein Besuch bei McDonald's – und in der Woche habe ich komplett auf Essen verzichtet.

Sie haben die ganze Woche nichts gegessen?

Nein, gar nichts. Fünf Tage lang.

Was hat die Magersucht für Auswirkungen auf Ihren Körper?

Alles, was man haben kann: Ödeme in den Füßen, ständig kalte Hände und Füße, die Haut wird rissig, die Haare fallen aus, ich muss ständig auf die Toilette, kam nicht mehr die Treppe hoch, meine Zähne haben angefangen, sich abzunutzen, weil sie kaum noch gebraucht wurden. Ich stand sogar kurz vor dem Multi-Organ-Versagen. Du kannst dem körperlichen Verfall zugucken – aber ich sehe ihn nicht. Ich empfinde ihn als schön. Wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich nur: An dieser Stelle können auch noch drei Gramm weg.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert? Hat keiner das Gespräch gesucht?

Natürlich, aber ich habe alle weggebissen. Ich war das personifizierte Arschloch. Das, was früher meine große Stärke war: Langmut, Geduld, Gutmütigkeit – alles weg. Mein Nervenkostüm wurde immer dünner – und zwar im wahrsten Wortsinn. Wenn einer ein falsches Wort gesagt hat, war ich sofort auf 180.

Haben sich viele von Ihnen abgewendet?

Natürlich. Ich habe ja alles dafür getan, dass sie es tun. Einige sagten später: Wir kamen nicht mehr an dich ran. Wir wussten nicht, was wir machen sollen. Es waren aber auch welche, die geblieben sind. Meine Schwester und mein Schwager haben mich sogar beim Vormundschaftsgericht angezeigt. Die wollten mich entmündigen.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich war außer mir, ich habe gesagt: Nie mehr rede ich ein Wort mit euch. Aber da sieht man mal, welche brachialen Methoden aufgefahren werden mussten, damit ich es einsehe. Die haben gedacht, ich verhungere. Und wer weiß, vielleicht wäre es auch so gekommen. Ich habe es dann irgendwie geschafft, keinen Vormund zu bekommen, habe mich aber zum ersten Mal auf eine Therapie eingelassen.

Was hat Sie endgültig aufgerüttelt?

Weihnachten 2009. Ich kam nicht mehr in meine Wohnung, die im zweiten Stock liegt. Ich wog nur 39 Kilo und schaffte die 28 Treppen einfach nicht mehr.

Wie meistern Sie heute Ihren Alltag?

Ich habe immer noch meine Rituale. Jeden Morgen raus und Sport machen 1,5 bis 2 Stunden. Worauf ich stark achte, sind strikte Essenszeiten. Meine Therapeutin sagt: Geben Sie nicht alle Rituale auf, Sie brauchen ein Gerüst. Wenn man alles auf einmal anders macht, ist es so, als würde man in kaltes Wasser geschmissen werden, ohne schwimmen zu können. So hat man seine Rituale, seine Bojen, an die man sich klammern kann. Und ab und zu wählt man einen anderen Weg und steuert eine andere Boje an. Ich sage dann: Okay, ich esse mal wieder eine Möhre, gönne mir einen Fisch oder scheiß doch der Hund drauf: Dann isst du halt erst um 21 Uhr. Diese Ausreißversuche wage ich hin und wieder, aber gelassen bin ich dabei nicht.

Sie bringen ein Buch über all Ihre Erlebnisse, Gedanken und Erfahrungen heraus – und zwar während ihrer Krankheit und nicht, wie es viele machen, nach der Heilung. Hat das Schreiben Ihnen geholfen?

Absolut. Du wirst dir über alle Dinge klar. Wenn du deine Empfindungen aufschreibst, kannst du Gedanken besser ordnen und leichter abhaken. Du willst dich ja mitteilen, gerade weil immer jemand sagt: Halt bloß den Mund, wir bleiben hier eingeschlossen. Diese Stimme in deinem Kopf ist immer da. Jetzt muss ich lernen wegzuhören.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ganz banale Dinge: Abends ins Bett gehen und schlafen, aufstehen und sich auf den Tag freuen. Locker sein. Fünfe gerade sein lassen. Ich kann das nicht, ich bin immer getrieben. Ich möchte einfach wieder mal genießen können.

Interview: Frank Joung
 
 
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