Blähungen, Übelkeit, Durchfall: Hunderttausende Menschen vertragen kein Gluten, das Kleber-Eiweiß aus Getreide. Sie leiden an Zöliakie - oft, ohne es zu wissen.

Weizenbrötchen sind bei Zöliakie kein Genuss© Colourbox
Getreide ist gesund und gehört zu einer ausgewogenen Ernährung. Korn versorgt den Körper mit Kohlenhydraten sowie Vitaminen und liefert Ballaststoffe für die Verdauung. Doch nicht bei jedem Menschen wirken Weizen, Gerste und Co. segensreich, im Gegenteil: Manchem reicht schon ein Bissen Brot, und der Bauch krampft sich zusammen. Danach folgen Übelkeit, Durchfall und Blähungen - typische Zeichen einer Zöliakie, einer schweren allergie-ähnlichen Reaktion im Dünndarm.
Ausgelöst wird sie durch Gluten, ein Kleber-Eiweiß. Es steckt vor allem in Getreiden, aus denen Brot und Nudeln hergestellt werden: zum Beispiel in Weizen, Roggen, Gerste oder Dinkel. Auch Babynahrung oder stark verarbeitete Produkte wie Fertiggerichte, Fruchtjoghurts, Schokolade, Wurst oder Pizza können Gluten enthalten - die Kleber-Eiweiße werden bei der Herstellung beigemischt, in Form von Aromen oder Stabilisatoren.
Gelangt Gluten mit der Nahrung in den Magen und schließlich in den Dünndarm, entzünden sich bei manchen Menschen die Darmzotten, die winzigen Schleimhautfalten, die den Darm von innen auskleiden. Die Zotten filtern alle wichtigen Nährstoffe aus dem Speisebrei heraus und geben sie an das Blut weiter. Alle zwei bis drei Tage erneuern sich die Zellen der Darmschleimhaut, die alten sterben ab und werden in den Dünndarm abgestoßen.
Verträgt ein Mensch kein Gluten, entzünden sich die Schleimhautfalten und werden schon nach etwa sechs Stunden abgestoßen - bevor sie ihre eigentliche Größe erreicht haben. Die Innenseite des Darms wird so allmählich flacher; Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Vitamine oder Mineralstoffe können nicht mehr ausreichend aufgenommen werden. Die Folge: Auf Dauer wird der Körper unterversorgt.
Zöliakie zählt zu den häufigsten nicht-infektiösen Darmkrankheiten und kann sich bereits in den ersten Lebensmonaten zeigen. Treten die Symptome einer Gluten-Unverträglichkeit erst im Erwachsenenalter auf, sprechen Fachleute auch von Sprue. Die Symptome gleichen denen im Kindesalter. Schätzungen zufolge sind hierzulande bis zu 400.000 Erwachsene betroffen, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer.
Zöliakie zählt zu den Autoimmun-Erkrankungen. Sie beruhen auf genetischen Anlagen: Kinder von Betroffenen haben ein zehnfach höheres Risiko, ebenfalls zu erkranken. Daher empfiehlt es sich, ihr Blut auf entsprechende Antikörper untersuchen zu lassen. Denn möglicherweise leidet Ihr Kind unter einer stillen Form der Zöliakie. Das bedeutet, die Anlage ist bereits vorhanden, die Symptome zeigen sich noch nicht.
Viele Betroffene ahnen nichts von ihrer Krankheit. Sie fühlen sich gesund, abgesehen davon, dass ihnen manchmal unwohl ist, sie ab und an keinen Appetit haben oder gelegentlich müde sind. Selbst wenn sie erbrechen, Durchfall haben oder Gewicht verlieren, wird das nur selten mit dem Genuss von Getreide in Verbindung gebracht.
Diese Reaktionen sind typisch für die Zöliakie, eine schwere allergie-ähnliche Reaktion im Dünndarm. Kinder können bereits in den ersten Lebensmonaten unter Zöliakie leiden. Doch nicht alle entwickeln früh genug Symptome, so dass sie rechtzeitig behandelt werden können. Manche Kinder klagen anfangs nur über gelegentliche Bauchschmerzen. Allerdings entwickeln sie sich insgesamt merklich langsamer als ihre Altersgenossen. Dennoch wird die Krankheit oft viel zu spät entdeckt, meist im Kindergarten- oder Schulalter.
Möglicherweise leidet Ihr Säugling oder Ihr Kleinkind unter Zöliakie, wenn sich folgende Symptome zeigen:
Die Darmerkrankung kann sich bereits in den ersten Lebensmonaten entwickeln. Beginnen etwa Eltern zu früh, also vor dem vierten Lebensmonat, ihr Baby an glutenhaltige Breie zu gewöhnen, kann das Kind eine Unverträglichkeit entwickeln. Erkennbar ist das oft an den Symptomen nach der Umstellung von der Muttermilch auf getreidehaltige Breikost: an starkem Durchfall, häufigem Erbrechen, Appetitlosigkeit oder gar einem Blähbauch bei sonst eher magerem Körperbau.
Bei Erwachsenen sind die Beschwerden oft vielfältig. Viele Betroffene klagen über mehrere Symptome gleichzeitig. Daher wird die Krankheit mitunter auch mit dem Reizdarmsyndrom verwechselt, oder sie bleibt unerkannt oder sie wird falsch behandelt.
Wenn es bei Ihnen im Darm rumort, kann der Arzt auf verschiedene Weise die Ursache dafür herausfinden. Er nimmt Ihnen zunächst Blut ab und lässt es im Labor untersuchen. Schwimmen darin Antikörper gegen Gliadin, einen Bestandteil des Glutens, leiden Sie an einer Unverträglichkeit. Bei Kindern unter zwei Jahren ist ein solcher Antikörpertest aber nur bedingt geeignet.
Die zweite Möglichkeit ist die Dünndarmbiopsie. Der Arzt entnimmt dabei eine Schleimhautprobe aus der Darmwand. Das macht er natürlich unter örtlicher Betäubung, so dass Sie keine Schmerzen haben. Sie schlucken zuerst einen kleinen Schlauch, an dem eine Kapsel hängt. Der Arzt schiebt diesen Schlauch langsam über die Speiseröhre in den Magen und von dort aus weiter zum Dünndarm. Dort nimmt er die Probe. Das winzige Stück Gewebe untersucht er dann unter dem Mikroskop, um zu erkennen, ob der Darm entzündet ist.
Heilbar ist die Zöliakie bislang nicht. Betroffene sollten auf Lebensmittel mit Gluten verzichten, damit sich die Darmschleimhaut regenerieren kann. Mit einer solchen Diät lassen sich die Symptome in den Griff bekommen. Dennoch ist das nicht so einfach: Gluten muss zwar seit 2005 auf dem Lebensmittel-Etikett angegeben werden, das gilt aber nur für abgepackte Waren.
Bleibt die Krankheit unerkannt, können schwere Mangelerscheinungen die Folge sein. Möglich ist auch, dass sich eine Osteoporose, eine chronische Hepatitis oder - bei Kindern - Wachstumsstörungen entwickeln. Zudem steigt das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken.
Verzichten Sie lebenslang auf Gluten. Vermeiden Sie vor allem die Getreidesorten Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen, Gerste, Grünkern. Essen Sie keine Produkte, in denen Gluten enthalten ist, wie etwa: Nudeln, Gnocchi, Schokolade, Pudding, Fruchtjoghurt, Wurst, Pizza, Brot oder Brötchen, Bier, Malzbier, Kuchen, Kekse, Knabbergebäck.
Greifen Sie nur zu Produkten, die einwandfrei als glutenfrei gekennzeichnet sind. Garantiert kein Gluten enthalten: Obst, Gemüse, Salat, Reis, Mais, Kartoffeln, Fleisch, Fisch, Milch, Pflanzenöle, Nüsse, Hülsenfrüchte, Butter, Naturkäse, Wein und Sekt.
Alternativ zu herkömmlichem Getreide können Sie Soja, Hirse, Buchweizen oder Kastanien- und Johannisbrotmehl verwenden. Für Körnerfans bieten Naturkostläden Alternativen: etwa Amarant, der viel leicht verwertbares Eiweiß und wichtige Aminosäuren enthält. Garantiert glutenfrei sind auch Quinoa, Buchweizen oder Hirse, deren hoher Eisen- und Magnesiumgehalt sie besonders wertvoll für den Körper macht.

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Professor Andreas Stallmach, Internist und Gastroenterologe vom Universitätsklinikum in Jena, antwortet
Können Eltern verhindern, dass ihre Kinder eine Zöliakie entwickeln?
Das ist eine schwierige Frage. Die Zöliakie entsteht bei Menschen, die aufgrund ihrer Gene dazu veranlagt sind. Sind Vater oder Mutter betroffen, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind erkrankt, bei zehn Prozent. Muttermilch jedoch vermindert offenbar das Risiko, dass sich diese Unverträglichkeit auch manifestiert. So ist es besonders wichtig, ein Kind in den ersten sechs Monaten zu stillen und möglichst keine Getreideprodukte zuzufüttern. Denn gerade in den ersten Lebensmonaten ist die Darmschleimhaut des Babys noch sehr durchlässig. Nahrungsbestandteile dringen auf diese Weise leicht in die Schleimhaut ein und sensibilisieren das Immunsystem. Erst nach etwa einem halben Jahr ist die Schleimhaut so dicht, dass sich eine Unverträglichkeit aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr äußert.
Wie können Betroffene mit der Krankheit umgehen? Wer an Zöliakie leidet, dem hilft nur eines: lebenslang streng Gluten-Diät zu halten. Das ist nicht immer leicht. In vielen Lebensmitteln aus dem Supermarkt ist Gluten versteckt. Beispielsweise wird es zum Andicken von Fertigprodukten und Soßen verwendet. Auch im Restaurant kann es mitunter problematisch werden. Nudeln, Soßen und viele Süßspeisen sind passé. Fleisch darf nur unpaniert und Gemüse nur ohne Zusätze verzehrt werden. Betroffene sollten sich daher gut informieren. Das macht schon die halbe Vorsorge aus. Gute Orientierung gibt die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG), die auch im Internet zu finden ist.
Sind regelmäßig Arztbesuche notwendig? Ja, einmal im Jahr. Dabei wird der Patient zuerst gewogen, anschließend wird ihm Blut abgenommen. Der Arzt prüft damit sowohl den Hämoglobinwert als Maß für den roten Blutfarbstoff. Zudem testet er die Konzentrationen fett- und wasserlöslicher Vitamine wie Vitamin D und B12 im Blut. Damit will er herausfinden, wie gut der Patient diese Stoffe über die Darmschleimhaut aufnimmt. Unnötig ist dagegen, regelmäßig beim Gastroenterologen eine Magen-Darmspiegelung durchführen zu lassen.
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