Menschen, die eine neue Ernährung ausprobieren, haben oft so ein Leuchten in den Augen. Sie spielen, probieren und entdecken, wie gut es tut, sich von ungesunden Gewohnheiten zu verabschieden. Weil nicht jede wohlklingende Diät hält, was sie verspricht, haben wir die populärsten Konzepte einem Check unterzogen.
Ohne Regeln, nur nach Geschmack
Ernährungsberater? Diätkonzepte? Braucht kein Mensch, denn jeder weiß selbst am besten, welches Essen sein Körper verträgt und braucht. So lautet das Credo des Heilbronner Experten Udo Pollmer, das er seit Jahren vehement vertritt. Pauschale Regeln eigneten sich nicht, um den unterschiedlichen Vorlieben und Unverträglichkeiten der Menschen gerecht zu werden, sagt Pollmer. Der täglich empfohlene Apfel etwa sei für Fruktose- Allergiker eine Qual.
Der Lebensmittelchemiker geht hart ins Gericht: Ernährungsberatung bezeichnet er als Gesundheitsrisiko, fettarme Diäten als Fettmacher und einige Vollkornprodukte als für den menschlichen Verzehr ungeeignet. "Esst endlich normal" heißt Pollmers Anti-Diät-Buch, in dem er für eine individuelle Ernährung ohne Regeln plädiert.
Bewertung: erfordert Körpergefühl
Der Grundgedanke ist durchaus richtig - das Konzept der einen gesunden Ernährungsform für alle hat sich nicht bewährt. Zu individuell und unterschiedlich sind Geschmäcker und Gewohnheiten, Nährstoffverwertung, Fettregulation und die emotionale Steuerung des Appetits. Tatsächlich haben viele Menschen ein feines Gespür dafür, welche Ernährung ihnen gut tut und welche Mengen sie vertragen - ein übergestülptes Konzept würde diesen Sinn nur stören.
Doch für einen großen Teil der hiesigen Bevölkerung gilt das nicht: Sie isst zu viel, zu fett, zu süß. Laut der zweiten Nationalen Verzehrsstudie des Bundesverbraucher-Ministeriums sind rund zwei Drittel aller erwachsenen Männer und etwa die Hälfte aller Frauen übergewichtig. Immer häufiger diagnostizieren Ärzte ein so genanntes metabolisches Syndrom: bauchbetontes Übergewicht, erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck und Diabetes Typ 2 in Kombination. Das wiederum begünstigt Arteriosklerose, Schlaganfall und Herzinfarkt.
Erschreckend hoch sind die Zahlen dicker Kinder und Jugendlicher: 18 Prozent der Jungen und 16 Prozent der Mädchen gelten als übergewichtig. Das intuitive Wissen um eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist vielen Menschen offenbar abhanden gekommen, und sie werden ihre schlechten Essgewohnheiten vermutlich ein Leben lang beibehalten. Vor diesem Hintergrund ist es fragwürdig, die Regel "esst, was ihr wollt" zu propagieren.
Praxis-Check: lustbetont
Die Freiheit von Kalorientabellen, Kalziumbeobachtung und Antioxidanz-Terror fühlt sich gut an. Man isst, was schmeckt, weiß, wann genug ist, und beherrscht das, was Ernährungsforscher für einen Schlüssel einer wirksamen Diät halten: flexible Kontrolle. Das heißt: heute schlemmen, morgen Salat. Das Schönste: Nichts ist verboten. Essen ist keine Sünde, sondern Freude. Nie wieder schlechtes Gewissen.
Fazit: nichts für Dicke
Für Gesunde, die sich ausreichend bewegen und intuitiv wissen, wie sie sich ausgewogen ernähren, sicherlich die beste Ernährungsform. Potenziell gefährlich für Menschen, die bereits unter ernährungsbedingten Krankheiten wie Fettsucht, hohem Blutdruck oder Arteriosklerose (Arterienverkalkung) leiden. Sie sind mit einem Ernährungskonzept besser bedient, das auf nachhaltige Veränderung der Essgewohnheiten abzielt.
Jutta von Campenhausen / Sabine Kartte / Kirsten Milhahn