Forscher haben herausgefunden, dass Bio-Lebensmittel nicht immer, überall und automatisch gesünder sind. Das ist ein gewaltiger Befreiungsschlag in einem erbittert geführten Kulturkampf. Eine Milieubetrachtung von Florian Güßgen

Zugegeben: Auch Bio-Birnen sind nicht immer verschrumpelt© Picture Alliance
Spielen wir das doch mal durch. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie das kleine Wort "Bio" hören? Bei mir sind's kleine, verschrumpelte Äpfel mit dicker, runzliger Schale, Steaks, deren Lebendname auf der Packung steht, und ein besonderer Typus von Mutter, der häufig in Berliner oder Hamburger oder Münchner Szeneviertel anzutreffen ist. Dieser Typus hat den Bio-Fetischismus längst zur Bio-Diktatur erkoren, in der selbst vorsichtige Dissidenten wie Mörder behandelt und mindestens in den Bann geschlagen werden. "Was, die Karotte ist nicht bio? Was soll denn jetzt aus Euren Kindern werden? Hast Du Deinen Job verloren?"
Klischees, sagen Sie? Sicher. Aber das ändert nichts daran, dass das Label "Bio" sich längst vom Wahrzeichen der bewussten Ernährung in ein Lifestyle-Symbol mitsamt Geschäftsmodell entwickelt, ja, es sogar von der Nische in den Mainstream geschafft hat. Nichts gegen bewusste Ernährung. Aber "Bio" steht mittlerweile ebenso für einen gepflegten, neobildungsbürgerlichen Mittelklasse-Status. Wie ein ordentlich teurer Volvo. Das alles wird durch einen leicht schmerzhaften Schuss deutschen Viktualien-Masochismus noch ein bisschen aufregend gemacht, frei nach dem Motto: Schönes Obst kann nie gesund sein, nur Ungespritztes ist rein - das Runzeläpfelchen als postmodern-urbane Version der Kernseifenmentalität der Zurück-zur-Natur-Bewegung. Es ist eine Art Schneewittchen-Komplex, der mittlerweile vorherrscht. Denn lusterte das Königskind in Obhut der Zwerge nicht auch nach dem wunderschönen Apfel der bösen Krämerin und musste für dieses sinnlich-ästhetische Verlangen - zumindest zeitweise - mit dem Leben bezahlen?
Umso schöner, ja befreiender, ist es nun, dass US-Forscher von der Universität Stanford einen Beitrag dazu leisten, den Kulturkampf um "Bio" etwas zu entspannen - und Ernährungskleingeistern wieder etwas Futter für eine Abrechnung mit den Schergen der Bio-Diktatur liefern. Nein, keine Angst, die Amerikaner haben keineswegs den großen Bio-Pfusch enthüllt oder gar einen finster-geheimen Fettmacher in allen Bio-Produkten des Universums entdeckt. Auch haben Sie nicht speziell den deutschen Markt untersucht. Und nein, ganz, hundertprozentig neu ist ihre Erkenntnis auch nicht. Aber die Forscher haben sich viele Studien zum Thema angeguckt und daraus die These destilliert, dass sich die These nicht halten lässt, dass Bioprodukte (organic foods) nahrhafter sind als andere Lebensmittel (conventional Foods). "Manche glauben, dass Bio-Lebensmittel immer gesünder und nahrhafter sind", sagte Crystal Smith-Spangler, eine der an der Studie beteiligten Forscherinnen, einem Online-Bulletin der Universität. "Wir waren ein wenig überrascht, dass wir das Ergebnis nicht bestätigen konnten." Bio, so die ketzerische Lektion, ist nicht automatisch besser - auch wenn es eine wichtige Einschränkung gibt: Der Verbrauch von Bio-Lebensmitteln kann den Kontakt mit Pestiziden oder antibiotikaresistenten Bakterien reduzieren.
So unspektakulär die Studie also auch sein mag, so hat sie doch etwas ungemein Befreiendes. Mehr noch: Sie hat das Zeug, den Schneewittchen-Komplex zu lindern, gar zu heilen, den vergifteten Apfelgrütz, der dem Kind im Halse steckte, gleichsam aus der Luftröhre herauszukatapultieren - und auch "Bio"-Dissidenten und Ignoranten ein neues Lebensrecht zu verschaffen. Bewiesen scheint, hört, hört, dass jene, die bisweilen nach einem schönen Apfel lustern, nicht automatisch schlechte Menschen sind, nicht sofort dem Verderben anheimfallen oder ihre Kinder vernachlässigen. Bewusst essen heißt nicht zwingend, dass alles "Bio" sein muss. In vielerlei Hinsicht ist schon das ein sozialer Durchbruch.