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Zweifel am Turbo-Abi

Nur 12 Jahre Schule bis zum Abi - mit diesem Gedanken liebäugeln zurzeit fast alle Bundesländer. Bei Lehrern, Eltern und Schülern aber überwiegen Befürchtungen darüber, was alles zu kurz kommen könnte.

Deutschlands Gymnasien müssen derzeit Federn lassen. Der Trend, die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zu verkürzen, hat mittlerweile fast alle Bundesländer erreicht. Lediglich in Brandenburg und Schleswig-Holstein haben die Landesregierungen bislang offiziell noch keine derartigen Pläne. Rheinland-Pfalz versucht es mit 12,5 Jahren Schule.

Nur scheinbar hat dieser Trend etwas mit Parteipolitik zu tun. Denn sogar im traditionell roten Nordrhein-Westfalen hat die rot-grüne Regierung das verkürzte Abitur im so genannten Düsseldorfer Signal, das im vergangenen Sommer eine Koalitionskrise beendete, verankert. Und mit Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind sogar die einzigen rot-roten Landesregierungen in dieser Frage umgeschwenkt. Allerdings ist das Vorhaben für die PDS ein Herzensanliegen, geht es doch um eine Rückkehr zu einer "positiven Errungenschaft der DDR", wie Gregor Gysi sagt.

Ausbildungszeit zu lang

Die Befürworter des Abiturs nach zwölf Jahren, zu denen sich zuletzt die bayerische Staatsregierung gesellte, führen vor allem die zu langen Ausbildungszeiten in Deutschland ins Feld. So will die CSU-Regierung in Bayern Kinder schon vor dem sechsten Geburtstag einschulen und damit nicht nur den Berufseinstieg vorziehen, sondern auch die Rentenkassen entlasten. Applaus kommt von der Wirtschaft - vor allem die Industrie- und Handelskammern setzen sich schon lange für kürzere Schulzeiten ein.

Angst vor Bildungskürzung

Bei den Betroffenen - Lehrern wie Schülern - überwiegt dagegen die Kritik. Zwar sind sich spätestens seit den Pisa-Studien alle einig, dass das Schulwesen hier zu Lande reformbedürftig ist. Kritiker befürchten aber, dass hinter der Schulzeitverkürzung eine Bildungskürzung steckt. Denn das fehlende Schuljahr muss mit einem Mehr an Wochenstunden ausgeglichen werden. Schon jetzt liegt diese Zahl in Deutschland um rund 1.500 niedriger als der Industriestaaten-Durchschnitt von 12.000, da fast alle anderen Länder Ganztagsschulen haben. Wie der nötige Kraftakt bewältigt werden soll, ist unklar.

Die Ganztagsschule, die zusätzlich dem Arbeitsmarkt hoch qualifizierte Mütter zurückgeben könnte, wird zwar allseits gefordert, das nötige Kleingeld ist jedoch angesichts leerer Kassen kaum vorhanden. Der Philologenverband spricht deshalb von einer "Mogelpackung". Für eine flächendeckende Ganztagsversorgung müssten allein in Bayern in der gymnasialen Mittelstufe 1.500 neue Lehrer eingestellt werden, sagt Verbandschef Heinz-Peter Meidinger.

GEW und Lehrerverband: Benachteiligung schwächerer Schüler

Deshalb befürchten der Deutsche Lehrerverband und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dass die in Deutschland ohnehin zu niedrige Abiturientenquote weiter sinkt. Vor allem die schwächeren Schüler werden bei einem höheren Lerntempo benachteiligt, argumentiert Lehrerverbandspräsident Josef Kraus. Weil sie die Mehrbelastung scheuen, werden viele Eltern ihre Kinder dann nicht aufs Gymnasium schicken, prognostiziert Kraus. Die GEW-Schulexpertin Marianne Demmer befürchtet deshalb einen weiteren Selektionsschub.

Mehr individuelle Förderung statt Lernverdichtung

Selbst Schülervertreter sind skeptisch. "Eigentlich klingt das verkürzte Gymnasium ja positiv, weil Schule nicht so viel Spaß macht", sagt Vincent Steinl, Bezirksschülersprecher im bayerischen Unterfranken. Aber mit intensiverem Unterricht werde die schon jetzt zu kurz kommende Vermittlung sozialer Kompetenzen weiter zurückgehen, befürchtet er.

Überhaupt werde die Zeit nicht in der Schule, sondern danach vertrödelt, argumentieren die Kritiker. Meidinger etwa zitiert eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, wonach Gymnasiasten die Verkürzung so wenig nutzten, dass am Ende nur wenige Monate Zeitersparnis stünden. Und Lehrerverbandschef Kraus betont, dass ein schneller Hochschulabschluss schon heute möglich sei - sein Sohn sei mit 23 Jahren bereits Volljurist.

Kompromissbereitschaft

Doch es herrscht auch Kompromissbereitschaft. Mit deutlich mehr individueller Förderung statt nur Lernverdichtung kann sich GEW-Vertreterin Demmer ein zwölfjähriges Gymnasium durchaus vorstellen. "Menschen lernen unterschiedlich schnell", betont sie. Auch im Philologenverband können sich laut Meidinger einige ein "schlankeres und anspruchsvolleres Gymnasium" vorstellen. Und Schülervertreter Steinl befürwortet in jedem Fall die Entschlackung der Lehrpläne. "Da ist durchaus Potenzial", sagt er.

Nikolaus von Twickel, AP/AP

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