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Schwule und Lesben sind nicht schlechter - aber auch nicht besser

Die CDU-Politikerin Kramp-Karrenbauer äußert Zweifel an der Homo-Ehe und wird dafür öffentlich verdroschen. Sogar Vergleiche zum Dritten Reich werden gezogen. Das ist gar nicht gut so.

Von Tilman Gerwien

  Mit ihren Äußerungen zur Homo-Ehe hat die saarländische CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer große Empörung ausgelöst

Mit ihren Äußerungen zur Homo-Ehe hat die saarländische CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer große Empörung ausgelöst

Kennen Sie Annegret Kramp-Karrenbauer? Bisher kannten Sie die Dame vermutlich nicht. Macht nichts. Kramp-Karrenbauer ist CDU-Ministerpräsidentin des Saarlandes, eines sicherlich sehr schönen, aber nicht allzu bedeutenden Bundeslandes. Auch für Journalisten war Frau Kramp-Karrenbauer bisher, nun ja: nicht gerade Teil der Champions League der deutschen Politik.

Das hat sich gründlich geändert, seit Kramp-Karrenbauer es in einem Interview wagte, Zweifel an der völligen Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften mit der Ehe zwischen Mann und Frau zu äußern.

Wenn künftig jede "auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft" gleich eine Ehe sei, dränge sich die Frage auf, ob dann nicht auch enge Verwandte oder Menschen in polygamen Lebensformen Anspruch auf den amtlich beurkundeten Bund fürs Leben mit all seinen Privilegien hätten.

Strafanzeige wegen Volksverhetzung

Die Aufregung ist groß: Kramp-Karrenbauer habe Homo-Paare angeblich mit Inzest und Polygamie in Verbindung gebracht. Das gibt ihre Interview-Äußerung zwar kaum her, aber egal. Der Lesben- und Schwulenverband ist auf den Barrikaden, die SPD-Generalsekretärin spricht von einem "Schlag ins Gesicht" Hunderttausender gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Eine Berliner Anwältin hat sogar Strafanzeige wegen Volksverhetzung und Beleidigung erstattet: Kramp-Karrenbauers Äußerungen seien "nicht mehr nur homophob, sondern menschenverachtend und in ihrem Gehalt gleichzusetzen mit den ähnlich verachtenden Äußerungen 1933 – 1945."

Was lernen wir daraus? Irgendwann landet jede deutsche Debatte bei Auschwitz, zumindest aber beim Nationalsozialismus. Darunter macht es das Volk der Täter nicht. Kramp-Karrenbauer in diesen Kontext zu stellen ist allerdings auch wieder eine Beleidigung, doch das nur nebenbei.

Was lernen wir weiter daraus? Die bürgerliche Ehe, von Menschen im linksgrünen Milieu, die sich stets für besonders aufgeklärt halten, immer wieder als Auslaufmodell belächelt und als Inbegriff der Verspießerung diffamiert, ist offenbar genau für diese Menschen eine äußerst erstrebenswerte Lebensform. Wer sie Homosexuellen vorenthalten möchte, kann dafür viele Gründe ins Feld führen - christliche, familienpolitische, gesellschaftspolitische - darauf kommt es im Einzelfall nicht an. Er ist auf alle Fälle Nazi. Während die Homo-Lobby für sich stets Respekt und Toleranz einfordert, hat sie große Mühe, Respekt und Toleranz anderen zu gewähren.

Das Volk denkt widersprüchlich

Was lernen wir Drittens daraus? Auf die CDU, die auf Parteitagen (aber eigentlich auch nur noch dort) gerne ihre "christlichen Wurzeln" in Erinnerung ruft, kommt einiges zu. Denn das Volk denkt widersprüchlich. Laut einer Umfrage der "Bild"-Zeitung befürworten zwei Drittel die Homo-Ehe. Aber 71 Prozent vertreten dennoch stur die Ansicht, dass es für die Entwicklung eines Kindes am besten ist, wenn es mit Mutter und Vater aufwächst.

Beides zusammen kann man aber nicht haben. Eine Homo-Ehe muss auch ein Adoptionsrecht einschließen, sonst verdient sie den Namen nicht. Soviel Spott muss sein: Hier steht Merkels weltanschaulich schon weitgehend entkernte Volkspartei noch vor einer letzten, großen Umerziehungsaufgabe.

In der Republik macht sich neuer Mief breit

Aber, mal ehrlich: Ein bisschen mehr Gelassenheit, Toleranz und, ja, so etwas gibt es: Humor - all das täte der Debatte auch ganz gut. Fast jeder, der Homosexuelle oder sonst abseits des sexuellen Mainstreams lebende Menschen in seinem Bekanntenkreis hat, wird feststellen, dass diese über sich und ihresgleichen oft viel unbefangener Sprüche klopfen, ablästern und Zoten reißen, als es die Auftritte ihrer verkniffen daherkommenden selbsternannten Interessenvertreter erahnen lassen. Sie können im Übrigen auch meistens ganz gut damit leben, wenn nicht jeder zu Ehe, Familie und Kinderkriegen die gleiche Meinung hat wie sie selbst.

Schwule und Lesben sind keine schlechteren Menschen. Aber auch keine besseren. Ihnen und ihren Interessenvertretern steht es genauswenig wie irgendeinem katholischen Bischof zu, Andersdenkende sofort in einen ideologischen Sperrbezirk der Unmenschen zu verbannen. Nicht jede andere Meinung ist automatisch eine Beleidigung. Toleranz gegenüber anderen Lebensformen heißt nicht bedingungslose Unterwerfung unter ihre jeweiligen Wertvorstellungen.

Dass der Mief der Adenauer-Jahre verflogen ist: wunderbar. Jetzt heißt es erneut: die Fenster aufreißen und gut durchlüften, die schöne Frühsommer-Sonne reinlassen in die Republik. Denn derzeit macht sich neuer Mief breit: Der Mief rosa-rot-grüner Selbstgewissheit. Und das ist gar nicht gut so.

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