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Schmutzige Geschäfte mit dem Tod

Täglich sterben in Deutschland über 2000 Menschen, um deren Überreste sich rund 4000 Bestatter balgen. Der Autor Michael Schomers hat verdeckt bei Bestattern gearbeitet - und haarsträubende Beispiele die Abzocke der Branche gefunden.

Von Georg Wedemeyer

Sterben ist bestimmt nicht leicht. Aber tot sein hat auch seine Tücken. Vor allem ist es teuer, wenn man auf die Tricks der Bestattungsmafia hereinfällt. Und man muss höllisch aufpassen, dass der Oma nicht Müll statt Blumenschmuck in den Sarg gelegt wird. Keiner weiß das so gut, wie der Journalist Michael Schomers. Der 58-Jährige hat ein halbes Jahr lang verdeckt in der Bestattungsbranche recherchiert und über seine Erfahrungen jetzt ein Buch geschrieben.

Kostenvoranschlag war oft Makkulatur

Undercover hat Schomers bei vier verschiedenen Firmen als Bestatter angeheuert. Hat Leichen gewaschen, Tote in Särge gehievt, Krematorien besucht und sogar mehrmals seine eigene Mutter sterben lassen - beinahe. Immer wieder holte er von verschiedenen Bestattungsinstituten zum Schein Angebote ein, wie die angeblich todkranke 81-jährige würdevoll aber preisgünstig unter die Erde gebracht werden könnte.

Das Ergebnis war im Grunde immer gleich. Egal wie günstig das Lockangebot am Anfang auch war ("pauschale Erdbestattung für 680 Euro"), am Ende kamen mit allen "Zusatzkosten" immer mehr als 2000 Euro heraus. Wer ahnt schon, dass bei der Pauschale keinerlei Blumen dabei sind, und das billigste Blumenarrangement dann immerhin 130 Euro kostet "zuzüglich An- und Abfahrt des Floristen".

Hausmüll als Grabbeilage?

Natürlich sind auch noch keine Friedhofsgebühren dabei (450 - 1000 Euro), keine Leichenschau (100 Euro), keine Grabmiete (180 - 2500 Euro), kein Trauerredner (180 Euro), keine Sargträger (150 Euro), keine "Feierbetreung" (38 Euro), keine "Hausabholung mit Kühlkosten" (280 Euro plus 60 Euro je Tag) und so weiter. So läppert sich das bei den Billiganbietern ("Bestattungs-Discount") schnell auf die gleiche oder sogar eine höhere Summe zusammen, wie bei der angeblich teuren Konkurrenz. Michael Schomers Rat: "Immer einen ganz genauen Kostenvoranschlag machen lassen."

Als Leichenwäscher und Einsarger machte Schomers ähnlich unerfreuliche Erfahrungen. Gang und gäbe ist es, die Gummihandschuhe, mit denen die Leichen angefasst werden, mit ihnen zusammen zu beerdigen. Auch Plastikfolien, in die die Leichen in Kühlkammern eingewickelt sind, werden einfach unter die Toten im Sarg geschoben. Mit alten Kleidern und Nachthemden werden die Seiten gepolstert, das Verpackungsmaterial des Totenhemdes findet regelmäßig auch noch Platz. Sogar normaler Hausmüll soll schon als Grabbeigabe gedient haben, was Schomers allerdings nicht selbst erlebt hat.

Verdient wird am Sarg

Verdient wird im Bestattungsgeschäft besonders an den Särgen. Sie kosten die Beerdigungsprofis im Einkauf meist nur ein Zehntel des Verkaufspreises und wer Pech hat, zahlt zwar gute Eiche, bekommt aber nur billige Kiefer. Der Umtausch von teuer gegen billig kurz vor der Überführung ins Krematorium wird von vielen Insidern bestätigt.

Weil es auch anderen nicht verborgenen geblieben ist, wie viel Geld mit Hingeschiedenen zu machen ist und weil der Konkurrenzkampf um die letzte Ruhe immer härter wird, wird in dem Gewerbe auch kräftig geschmiert. Schließlich sterben in Deutschland jeden Tag rund 2000 Menschen, um deren Überreste sich rund 4000 Bestatter balgen. Da wird es tunlichst nicht dem Zufall überlassen, welchen Weg eine Leiche als lukratives Beerdigungsobjekt nimmt.

Vermittlungsgebühr für Amtsleichen

So manche Nachtschwester im Krankenhaus bekommt Geld, je nachdem welchen Bestatter sie anruft. So manche Pflegerin im Altenheim macht es genauso. Sogar Kriminaler haben schon für die Vermittlung von "Amtsleichen" die Hand aufgehalten. Manchmal schließen die Bestatter auch gleich Provisionsverträge für das "Leichenhandling" mit den Häusern ab. Der Bestatter selbst kassiert mitunter vom Krematorium, das er vorschlägt. Oder vom Floristen. Oder vom Drucker der Todesanzeigen. Dreimal darf man raten, wer den Ringelreihen der gegenseitigen Begünstigungen am Ende bezahlen muss.

Letztlich aber will Michael Schomers nicht eine ganze Branche verteufeln. Es gebe dort auch gute Dienstleistung, die eben auch gutes Geld koste. Er will Mut machen zu einer neuen Bestattungskultur. "Lassen wir uns das nicht mehr gefallen, wenn uns dubiose Bestatter pompöse Särge aufschwatzen und uns Behörden vorschreiben wollen, wie wir zu trauern haben", lautet der letzte Satz seines Buches.

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