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Schwul leben, als es noch verboten war

Mehr als 120 Jahre galt der Paragraf 175, nach dem schwule Männer bestraft wurden. Ein 69-Jähriger erzählt aus seiner Vergangenheit, in der nicht nur das Gesetz überholt war.

Von Susanne Baller

  Ernst-August musste 50 Jahre alt werden, bis schwul sein legal wurde. Das Gesetz bekam er persönlich nie zu spüren, aber die gesellschaftliche Ablehnung.

Ernst-August musste 50 Jahre alt werden, bis schwul sein legal wurde. Das Gesetz bekam er persönlich nie zu spüren, aber die gesellschaftliche Ablehnung.

Ernst-August kam 1944 auf die Welt und sagt von sich, er war ein Spätzünder: "Ich muss so zwischen 16 und 18 Jahre alt gewesen sein, da merkte ich mehr und mehr, dass Frauen mich sexuell nicht ansprechen." Erst als Ernst-August fast 50 war, vor genau 20 Jahren, entschied der Bundestag, den § 175 abzuschaffen. Jenen Paragrafen des Strafgesetzbuches, mit dessen Anwendung seit dem 1. Januar 1872 sexuelle Handlungen unter Männern verurteilt worden sind. Je nach dem, welche Verfassung in Deutschland gerade galt, konnten Zuwiderhandelnde zwischen sechs Monaten und zehn Jahren im Gefängnis landen. Unter den Nazis musste es dafür nicht einmal zu Berührungen kommen, es reichte die "Absicht in den Augen". 140.000 Männer wurden allein während der NS-Zeit verurteilt, mit einem rosa Winkel gekennzeichnet und in den meisten Fällen ins KZ gebracht. Für Frauen galt das Gesetz, mit dem bis 1969 auch Sodomie geahndet wurde, nie.

Kleinstadtleben

Über all das wusste Ernst-August, als er jung war, nicht viel. "Heute lernen die Kinder das alles mit 13, 14 in der Schule. Das gab es bei uns nicht", sagt er. Der Teenager wuchs in einer Gesellschaft heran, die das Thema Homosexualität als "auswürfig" abtat, wie er sagt. "Es war eine große Heimlichtuerei, ich komme aus einer Kleinstadt." Wie lernte man denn damals einen homosexuellen Mann kennen? "Wir sagen schwul und lesbisch, wir mögen das Wort homosexuell nicht", unterbricht Ernst-August. Um also einen schwulen Mann kennenzulernen, gab es für ihn nur einen Weg. "Man guckte rechts und links, damit ja keiner was sah, und kaufte sich ein Pornoheft. Einen Schwulenporno, da waren massenhaft Kontakte drin. Es gab ja kein Internet. Und da konnte man drin blättern und was sehen und sich ohne dass einem jemand über die Schulter schaute entscheiden." Hatte er keine Angst erwischt zu werden? "Dass das Gesetz dagegen war, war mir damals gar nicht so geläufig. Ich wusste nicht, dass ich etwas Verbotenes tat. Das habe ich erst später durch Hörensagen erfahren."

"Die bösen Schwulen"

Später, das war, als Ernst-August mit Anfang 20 nach Düsseldorf ging. "Ich bin gelernter Holzbildhauer und gelernter Kaufmann, beides mit Abschluss. Dann habe ich noch etwas Kunst studiert. Von meinem Professor hieß es damals, dass auch er 'zur großen Familie' gehöre, wie wir Schwulen sagen. Aber darauf angesprochen hat ihn natürlich niemand." Mit dem Umzug änderte sich für Ernst-August alles: "In der Großstadt war es zum ersten Mal so, dass man sich kennenlernte, ohne dass eine Kontaktanzeige dazwischen stand. Das war in schwulen Einrichtungen, meistens Bars, wo es dann hieß: 'Geh da mal hin und ab 22 Uhr gehste eine Tür weiter.' Da traf man sich dann zum Reden, Feiern und Kontakte knüpfen, aber nicht, um da frei zu werkeln." So diskret wird das heutzutage selten formuliert.

Auch wenn die gesetzliche Verurteilung für Erni, so nennen ihn seine Freunde, keine Bedrohung darstellte, war die gesellschaftliche Ächtung noch lange zu spüren. "Als ich mir vor über 30 Jahren mit meinem Lebenspartner eine Eigentumswohnung gekauft habe, gab es ein Nachbar-Ehepaar, die haben uns gar nicht angeguckt. 'Um Gottes willen, das sind ja die bösen Schwulen!', hieß es da. Mit allen anderen haben wir uns gut verstanden, wir wurden geachtet, nicht nur geduldet. Man hat sich gegenseitig die Schlüssel anvertraut für Urlaubszeiten, zum Blumengießen und so." Das Verhalten des einen Nachbarpaars änderte sich erst später: "Da war Alkohol im Spiel", erzählt Ernst-August. "Es war bei einer Silvesterfeier. Wir kamen um 24 Uhr zum Anstoßen in den Partykeller im Nachbarhaus, da sagte die Frau plötzlich zu ihrem Mann: 'Ach, guck mal, die duzen sich ja mit fast allen aus dem Haus, dann wollen wir das auch!' Sie war damals so um die 50 und hatte schon reichlich Alkohol genossen." Was an dem Abend noch nach einer endgültigen Überwindung von Vorurteilen aussah, stellte sich Neujahr eher als besäuseltes Verhalten unter Gruppendruck dar. "Am nächsten Tag war es dann ganz ganz schlimm. Da wusste keiner, wie er den anderen anreden sollte. Da wurde in dritter Person gesprochen! Das war schon fast beleidigend." Erni erinnert sich immer noch mit Grausen an diese Zeit. "Nach ein paar Wochen war der Bann dann endlich gebrochen, von da an hatten wir bis zum Ende ein gutes Verhältnis zueinander." Die beiden sind inzwischen mit über 80 Jahren verstorben.

Coming-out in den 60ern

Wenn es selbst in den Achtzigern noch passieren konnte, dass einem offene Ablehnung entgegenschlägt, wie hat dann die Familie reagiert? Es war Anfang der sechziger Jahre, als dem jungen Mann klar wurde, dass er Männer liebt. "Das war nicht so, dass wir uns alle an einen Tisch gesetzt und darüber geredet haben", sagt Ernst-August. "Wenn man sich unter uns Schwulen so umhört, haben über 80 Prozent der Mütter lange bevor es mal ausgesprochen war gewusst, dass ihre Söhne schwul sind. Auch wenn meine Mutter eigentlich nichts übers Schwulsein wusste." Und was hat der Rest gesagt? "Mein Vater ist sehr früh verunglückt, ich lebte mit meiner Mutter und meinen Brüdern zusammen. Wir waren vier Jungs. Der zweite, der nach mir kam, mit dem konnte ich gar nicht darüber sprechen. Das war ein totaler Gegner davon. Wir hatten nie die heißen Bande zueinander, aber die anderen Brüder zu ihm auch nicht. Der gehörte gar nicht mit in unser Nest, wie man so schön sagt." Ernst-August erzählt, dass die meisten Schwulen, die er kennt, Ärger mit ihren Vätern hatten.

"Ich hatte zu fast 100 Prozent in meinem Leben keine Schwierigkeiten mit dem Schwulsein. Ich bin nur zweimal vor die Wand gefahren worden." Einmal in den 70er Jahren, als Ernst-Augusts Arbeitgeber einen Vorwand suchte, um ihn zu entlassen, weil er wegen einer Rücken-OP für sechs Wochen krankgeschrieben war. Und das zweite Mal auch im Job. Als Küchendesigner hatte Ernst-August in seiner Abteilung ausschließlich weibliche Kolleginnen. Als seine Chefin bemerkte, dass diese über ihn munkelten, schlug sie sich jedoch auf seine Seite und drohte den Damen damit, dass Ernst-August ihnen ja mal ein Aufklärungsseminar geben könne, wenn sie Verständnisschwierigkeiten hätten. "Das tat so gut!", lacht Ernst-August heute noch. "Danach war es mucksmäuschenstill!"

Das Unverständnis in der Gesellschaft für Beziehungen von gleichgeschlechtlichen Paaren hielt lange an, existiert zum Teil noch heute. Je kleiner die Stadt, je unaufgekärter die Menschen, desto größer die Vorbehalte. Während "homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen" in der DDR bereits seit Ende der 50er Jahre straffrei blieben (weil sie den Sozialismus nicht gefährdeten, so die offizielle Erklärung), kam der schon lange umstrittene Paragraf in der BRD je nach Bundesland und Richter weiterhin zum Einsatz. Nach der Entscheidung am 10. März wurde § 175 am 11. Juni 1994 ersatzlos aufgehoben. Inzwischen wird der 17. Mai (17.5.) als Internationaler Tag gegen Homophobie begangen.

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