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Damals hieß es "mittelgradiger Schwachsinn"

Eberhard wurde 1935 als geistig behindertes Kind geboren. Er ist Autist, wie man heute weiß. Der NS-Euthanasie entging er in der Obhut seiner Familie, die immer für ihn da war. Noch heute lebt er zusammen mit seiner 86-jährigen Schwester Jutta.

Von Sonja Richter

Jutta und Eberhard am Gartentisch

Liebevoll streicht Jutta ihrem Bruder über den Kopf. Aktuell bereitet sie die Feier für Eberhards Geburtstag vor, er wird am 13. Juli 80.

Sechseinhalb ist Jutta Richter, als ihr im Juli 1935 ein zweites Brüderchen geschenkt wird. Freudig stehen sie und Bruder Fritz am Bett der Mutter, die den jüngsten Familienzuwachs im Arm hält: Eberhard soll er heißen. Doch schon bald zeigt sich, dass mit diesem Kind etwas nicht stimmt. In der Wiege wippt es immer wieder mit dem Kopf nach vorn. Stundenlang. Als der Kleine heranwächst, will er weder feste Nahrung zu sich nehmen noch sprechen. Deutet auf alles, aber sagt nichts. Erst mit etwa fünf Jahren fängt er an, Worte zu artikulieren. Der Kinderarzt kommt zu dem Schluss, dass Eberhards Gehirn gequetscht sei, vermutlich als Folge eines Sturzes seiner Mutter während der Schwangerschaft. Den Eltern wird klar: Ihr Sohn ist geistig behindert.

Jutta, Eberhard und Fritz auf einer Fotografie von 1937

1937: die drei Geschwister Jutta, Eberhard und Fritz - abfotografiert aus dem Familienalbum


Der Zweite Weltkrieg

Als vier Jahre später der Zweite Weltkrieg ausbricht, beginnt nicht nur das große Töten an der Front und in den besetzten Ländern. Der Krieg liefert den Nationalsozialisten auch die Gelegenheit, "unheilbar Geisteskranke zu beseitigen". Geschätzte 5000 bis 15.000 Jungen und Mädchen fallen in den kommenden Jahren der sogenannten "Kinder-Euthanasie" zum Opfer. Eberhard Richter indes bleibt unbehelligt. Behütet und von allen verwöhnt wächst der kleine Blondschopf im Kreis seiner Familie heran. Ist den Eltern bewusst, welche Gefahr ihm droht? Sein Vater ist immerhin zweiter Bürgermeister von Bremerhaven, kein glühender Nazi, aber ein leitender Funktionsträger des NS-Regimes. Jutta sagt: "Nein, davon wussten wir nichts." Die Eltern überlegen, Eberhard nach Hamburg in eine Anstalt zu geben, was jedoch an den Bombenangriffen auf die Stadt scheitert. So hat es seine Schwester in Erinnerung. Haben die Bomben, die so viele Leben zerstörten, Eberhards Leben gerettet?

Bomben fallen auch auf Bremerhaven, und die Familie verbringt viele Nächte im Luftschutzkeller. Ansonsten geht Jutta zur Schule, Eberhard wird erst einmal zu Hause unterrichtet. In Konflikte mit der NS-Ideologie wegen des behinderten Bruders sei man nicht gekommen. Niemand habe Anstoß an dem Jungen genommen. Auch Jutta nicht, die nach eigener Aussage "einzige überzeugte Nationalsozialistin" in der Familie, die in ihrer Aufgabe als Jungmädel-Führerin aufging und bis zuletzt an den Führer glaubte. Aus zahlreichen alten Fotos von den Kindern spricht viel Zärtlichkeit und Verbundenheit miteinander.

Eberhard sitzt im Kinderwagen, Jutta streichelt ihm den Rücken

1936: Schon damals hat Jutta auf ihren kleinen Bruder aufgepasst

Die Eltern fördern ihr jüngstes Kind so gut es geht. Nach dem Krieg geht Eberhard mehrere Jahre in eine "Hilfsschule". Er ist nicht unbegabt. Lernt Lesen und Schreiben, und das besser als manches "normale" Kind. Alte Schulhefte zeugen noch heute von fehlerfreien Diktaten. Er ist ein braver Schüler, der immer eine Eins in Betragen hat. Er arbeitet mit, wenn auch mit schwankender Aufmerksamkeit. Seine Noten werden im Laufe der Jahre besser, in mehreren Fächern bringt es zu einem "Gut". 1949 bescheinigt ihm der Rektor seiner Schule: "Eberhards Leistungen sind schwer in Noten auszudrücken. Sein Können übertrifft sein Darstellungsvermögen".

Elf Jahre Anstalt

Mit 17 kommt er dann doch noch in eine Anstalt: die Heilerziehungs- und Pflegeanstalt Eben-Ezer in Lemgo. Eberhard soll nicht ewig am Rockzipfel der Mutter hängen, sondern auch mal etwas anderes kennenlernen und seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert werden. In Eben-Ezer erhält er Schul- und Konfirmandenunterricht und erledigt Aushilfsarbeiten in einer Tischlerei. Doch die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, fehlt ihm. Nur ein taubstummer Mitbewohner freundet sich mit ihm an, kümmert sich um ihn. Auch wehren kann sich Eberhard nicht. Böswilligen Mitmenschen ist er hilflos ausgeliefert. Er leidet unter Heimweh, nimmt über 15 Kilo ab. Und nach jedem Ferienaufenthalt zu Hause fällt allen der Abschied furchtbar schwer. Nach elf Jahren darf er schließlich zurück zur Mutter nach Göttingen. Ein Tischler in der Nachbarschaft bietet ihm einen Arbeitsplatz an. Eberhard kann sich mit Nägelsortieren, Schleifarbeiten oder Werkstattaufräumen nützlich machen.

Spätestens jetzt ist klar, dass der mittlerweile 28-jährige Eberhard für den Rest seines Lebens ein großes Kind bleiben wird, um das sich jemand täglich kümmern muss. Dass er niemals in der Lage sein wird, selbstständig seinen Lebensunterhalt zu verdienen und sich um mehr als einfachste Dinge des täglichen Lebens zu kümmern. Ein nervenärztliches Gutachten bescheinigt ihm "mittelgradigen Schwachsinn". Eberhard fehle insbesondere die Fähigkeit zum eigenständigen Denken. Alles, was er kann, sei "überwiegend ein Dressurprodukt". "Er vermag Angelerntes leidlich zu reproduzieren", so das Gutachten, "doch steht es ihm nicht zur freien Verfügung". Nur durch eine "wohlwollende Umgebung" sei er in einem freien Leben fähig zu existieren. Und der vielleicht entscheidende Satz: "Er wird niemals allein auf sich gestellt das Leben bestehen können."

Jutta übernimmt die Fürsorge

Eberhard hat Glück. Denn sein Lebensumfeld könnte wohlwollender kaum sein. Bis zu ihrem eigenen Tod 1986, also noch mehr als 20 Jahre, kümmert sich seine Mutter um ihn. Ihre Tochter unterstützt sie dabei. Danach übernimmt Jutta ganz die Fürsorge für ihren Bruder. Auch in der Werkstatt, in der Eberhard viele Jahre arbeitet, wird er gut behandelt, und die Arbeit macht ihm Spaß. Nebenbei sieht er die Welt. Denn Mutter und Schwester sind reisefreudig und stecken ihn an. Ganz Europa durchfahren sie gemeinsam, oft mit dem Auto, am liebsten aber mit dem Schiff. Es gibt kaum ein Land, das sie nicht besuchen. Eberhard wird zum begeisterten Fotografen, zu Hause füllen sich unzählige Diakästen.

Daheim genießt er die Geborgenheit der täglichen Routine. Da braucht er einen verlässlichen Tagesablauf: feste Essens- und Schlafenszeiten, nach der Post schauen, Briefmarken ausschneiden, fernsehen und seiner Lieblingsbeschäftigung frönen: im Schaukelstuhl neben der großen Standuhr Kreuzworträtsel lösen. Und ab und zu seiner Schwester zeigen, wie gern er sie hat: "Na, meine Süße", sagt er dann auch mal ganz spontan.

Ein erfülltes Leben

Jutta ist froh, dass sie für ihren Bruder da sein kann. "Ich habe mich immer für ihn verantwortlich gefühlt", sagt sie, und betont zugleich, dass sie das nie als Belastung empfunden habe. "Das war einfach so." Doch ganz so einfach war es denn auch wieder nicht. Vor allem nicht die Gründung einer eigenen Familie. Denn ein Mann zum Heiraten und Kinderkriegen fand sich nicht. Als Freundin und Partnerin war sie willkommen, als Ehefrau und Mutter nicht. Vermutlich, weil die Männer Angst hatten, den behinderten Bruder mitzuheiraten. Trotzdem findet die heute 86-Jährige rückblickend, dass sie ein erfülltes Leben hatte. Vor allem in ihrem Beruf als Lehrerin, den sie mehr als 40 Jahre ausübte, ging sie voll und ganz auf.

Eines Tages erlebte Jutta eine Offenbarung: der Film "Rainman" mit Dustin Hoffmann. "Als ich aus dem Kino kam, dachte ich: Das ist Eberhard, wie er leibt und lebt", erzählt die 86-Jährige. Spätestens seitdem hat Eberhards "mittelgradiger Schwachsinn" noch einen anderen Namen: Autismus. Der äußert sich nicht nur in geistigen, kommunikativen und sozialen Defiziten, sondern auch in ganz spezifischen Begabungen. Bei Eberhard ist das sein besonderes Gedächtnis für Jahreszahlen und die Fähigkeit, viele Jahre zurück und im Voraus den korrekten Wochentag zu einem Datum nennen. Typisch für Autisten wie ihn ist auch sein ausgeprägter Ordnungssinn. "Er ist furchtbar pedantisch", sagt Jutta.

Ein eingespieltes Team

Das gemeinsame Leben der beiden Geschwister hat sich eingespielt. Jutta weiß, was ihr großer kleiner Bruder braucht - das Nesthäkchen ist fast zwei Meter groß geworden -, und wie sie ihn zu nehmen hat. Der Alltag wird so organisiert, dass er den Bedürfnissen beider gerecht wird. Was Jutta seit vielen Jahren Sorgen macht, sind weniger Eberhards geistige Defizite als seine körperlichen Gebrechen. Seine labile Gesundheit. Oft schon musste sie mit ihm ins Krankenhaus, mehrmals hing sein Leben an einem seidenen Faden. Was hat er nicht alles gehabt: Unfälle, vier Herzinfarkte, Herzrhythmusstörungen, Blutvergiftung, Lungenentzündung, Zucker. Einmal musste er eine achtstündige Notoperation überstehen. Aber Eberhard ist ein Stehaufmännchen. Hat sich immer wahnsinnig angestrengt, wieder auf die Beine zu kommen. "Er hat einen unheimlichen Willen zu leben. Wenn man bedenkt, dass man damals solche Menschen umgebracht hat, die so am Leben hängen!", sagt Jutta entrüstet.

Juttas und Eberhards Leben ist auch von schlimmen Verlusterfahrungen geprägt: 1947 kam Bruder Fritz durch einen Unfall ums Leben, 1952 beging der Vater wegen einer unheilbaren Krankheit Selbstmord. Und nun fragt sich Jutta, wie Eberhard wohl zurechtkommen soll, wenn auch sie einmal nicht mehr da ist, seine letzte nahe Angehörige und einzige Bezugsperson. Mit 86 und auch nicht mehr bei bester Gesundheit, kommt sie nicht umhin, sich diese Frage zu stellen. So sehr sie um das Leben ihres Bruders bangt, hofft sie doch, dass er als Erster geht.

Jetzt aber organisiert Jutta erst einmal die runde Geburtstagsfeier von Eberhard Mitte Juli. Den Einladungsbrief an die Gäste schmücken zwei Fotos: das Baby von 1935 mit Schwester Jutta und Bruder Fritz und das große "Kind" heute - auf seinem Stammplatz, dem Schaukelstuhl neben der Standuhr. Darüber hat Jutta die Worte geschrieben: "In großer Dankbarkeit". 

Eberhard hält eine Lupe in der Hand und liest ein Buch

Eberhard an seinem Lieblingsplatz, in dem Schaukelstuhl neben der Standuhr

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