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Wie Matt Haig ziemlich gute Gründe fand, am Leben zu bleiben

Matt Haig erzählt von einer Krankheit, die viele kennen und fürchten. Seine Depression hat ihn mit den schrecklichsten Abgründen konfrontiert – über die er allerdings extrem unterhaltsam und lehrreich berichtet.

Porträt Matt Haig

Matt Haig hat gelernt, mit seiner Depression zu leben und den sogenannten "schwarzen Hund" in seine Schranken zu weisen. Doch das erste halbe Jahr sei die Hölle gewesen, wie er in seinem neuen Buch "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" schreibt.

Wenn meine Oma mal einen schlechten Tag hatte, sagte sie: "Das hatte ich das arme Dier." Meine Oma kam aus dem Münsterland. Ich habe immer gedacht, der Ausdruck sei eine Mischung aus Hochdeutsch und Platt. Google sagt, er sei aus dem Rheinischen, Bergischen, aber egal, er bedeutet "gedrückter Stimmung" zu sein. Meine Oma hatte kein Google, ebenso wenig wie Matt Haig, der 1999 von jetzt auf gleich einen Zusammenbruch erlitt und keine Ahnung hatte, was da gerade mit ihm passierte. Es trat ein furchtbarer Zustand ein – und er war allein damit. Außerstande, darüber zu reden. Bemüht, ihn zu verbergen. Besessen davon, nach außen hin normal zu wirken: Depression kombiniert mit Angstzuständen.

Mit Depressionen hatte Haig sich damals noch nie auseinandergesetzt. Es war die Zeit, bevor Therapien salonfähig wurden, als man noch Hemmungen hatte, über seinen Seelenzustand zu sprechen. Heute weiß Haig extrem viel darüber. Zum Beispiel, was Depressionen so viel schlimmer macht als ein schwermütiges Stündchen wie das "arme Dier": "Im allgemeinen Sprachgebrauch wird oft nicht zwischen 'depressiv' und 'deprimiert' unterschieden, aber Letzteres ist ein Synonym für 'traurig'. Es ist ein bisschen so, wie wenn wir sagen 'Ich bin am Verhungern', wenn wir meinen, dass wir hungrig sind: Der Unterschied zwischen Depression und Traurigkeit ist ungefähr so groß wie der zwischen wirklichem Verhungern und leichtem Appetit", schreibt er.

Was Depression bedeutet

Der britische Autor hat über seine Krankheit ein Buch geschrieben. Auf Deutsch erscheint es unter dem Titel "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben", was locker-flockig klingt – und sich auch genau so liest. Denn Haig schreibt in einer Mixtur aus eigenen Erinnerungen und Tipps und Tricks, als wäre es ein "Depri für Dummies", bei aller Tragik unterhaltsam und lehrreich zugleich. Er erinnert sich zurück und schildert seinen Kampf, wörtlich: "… es ist gut, sich über die Jahre ein Arsenal an Waffen anzulegen, die – gelegentlich – helfen. Waffen für einen Krieg, der abflaut, aber immer wieder aufflackern kann. Schreiben, Lesen, Reden, Reisen, Yoga, Meditation und das Laufen gehörten zu meinem Arsenal".
Auch wenn man selbst nie an Depressionen gelitten hat, erkennt der Leser einzelne Zustände wieder. "Derealisation. Ein ganz reales Symptom, das bewirkt, dass du dich, na ja, nicht real fühlst. Du hast das Gefühl, du bist nicht richtig in dir. Du hast das Gefühl, dass du deinen Körper von einem anderen Ort aus steuerst." Das ist nur eine der psychischen und physischen Komponenten, die eine Depression mit sich bringt – man erlebt sie manchmal in Fieberträumen: Das Zentrum fehlt, die Selbstverständlichkeit, einfach zu leben. Als steckte eine Schaltzentrale zwischen dem Fühlen und dem Sein, die einen durch Störungen permanent auf die Metaebene oder ganz ins Aus schickt. Die einen dazu zwingt, jede Sekunde des Lebens gleichzeitig von außen zu betrachten.

Die Bekanntschaft mit "dem schwarzen Hund"

Menschen, die an einer Depression leiden, werden stigmatisiert und oft der Schwäche oder Faulheit bezichtigt. Ein Verständnis für die Krankheit fehlt vielen, die Betroffenen müssen sich Sätze wie "Reiß dich doch mal zusammen" anhören. Zu einem Krebspatienten würde niemand so etwas sagen.

Das Faszinierende an Haigs Buch ist, dass man nach der Lektüre größte Hochachtung für jeden empfindet, der einmal durch den lebensbedrohlichen Sumpf einer Depression gewatet ist. Intensivere Gefühle und eine stärkere Fokussierung scheinen Begleiterscheinungen zu sein, die das Überwinden oder In-Schach-Halten der Krankheit nach sich ziehen. "Ich zum Beispiel stelle fest, dass das düstere Bewusstsein meiner Sterblichkeit mich dazu bringt, das Leben umso entschlossener zu genießen, wo es genossen werden kann. Ich schätze umso mehr die kostbaren Augenblicke mit meinen Kindern und mit der Frau, die ich liebe. Die schlechten Zeiten mögen intensiver sein, aber die guten sind es auch", schreibt Haig. Das Leben ohne Depression klingt dann geradezu nach Leben light. Wenn man, wie diverse starke Persönlichkeiten, "mit dem schwarzen Hund gekämpft" hat – so hat etwa Leidensgenosse Winston Churchill seine Depression genannt, wächst man daran. Vorausgesetzt, man schafft es, sie zu überleben.

Hier kommt die Liebe ins Spiel

Was, laut Haig, der viele Studien zum Thema gelesen hat, die meisten Depressiven davon abhält, sich umzubringen, ist die Liebe. Die Vorstellung, deine Eltern fänden deine Leiche. Oder deine Freundin. Oder dein Kind, dein Mann, dein bester Freund. Haigs Recherchen haben ergeben, dass mehr Männer als Frauen depressiv sind, sich aber mehr depressive Frauen als Männer zum Suizid entscheiden. Das gibt nicht nur ihm Rätsel auf.

Haig selbst sagt, er habe wegen seiner Eltern und seiner Freundin Andrea überlebt: Die Eltern haben die beiden aufgenommen und Andrea hat das Geld verdient, während er bewegungsunfähig bei geschlossenen Vorhängen im Bett lag. Sie hat gemeinsame Reisen gebucht, obwohl er sich aufgrund einer Agoraphobie nicht einmal vor die Tür traute. Sie hat ihn zu mutigen Schritten ermuntert und stets gesagt "Wir schaffen das". Seine (damals noch) Freundin hat an ihn geglaubt und daran, dass die Depression ein Ende haben wird. Oder es zumindest eine Linderung geben wird. Und das, obwohl Andrea und er in der schlimmsten Zeit noch sehr jung waren.

Volle Empfehlung

"Ohne Grund in Panik auszubrechen ist Wahnsinn. Mit Grund in Panik auszubrechen ist normal." In Haigs Buch zwei einfache Sätze, im echten Leben waren sie für Haig eine Orientierung – wie schlimm steht es gerade um mich? Eine Depression kombiniert mit einer Angststörung ist wohl eins der schwärzesten Löcher, in die man fallen kann, und das ist nicht alles, was die Lektüre lehrt. Die britische Schauspielerin Joanna Lumley (einst Bond-Girl, später die Purdy in "Mit Schirm, Charme und Melone") urteilte über das Buch: "Ein kleines Meisterwerk. Es könnte Leben retten."

Die Sicherheit, mit der Haig vermittelt, dass man den Kampf gewinnen kann, gehört zu den herausstechendsten Merkmalen seiner Schreibweise. Eben auch, weil er nicht verhehlt, dass der Kampf nie endet. Dass es Dinge gibt, die ihm gut tun und andere, die wie ein Trigger wirken. Haigs Schreibstil erinnert an die amerikanischen Jugendbuchautoren John Green oder Jennifer Niven (deren Helden ebenfalls schwierige Zeiten durchmachen). "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" schafft Verständnis und gibt listenweise gute Tipps – für Betroffene und Angehörige. Bin ich irre oder ist das normal? Für Haig ist irre normal. Und das liest man sehr gern.

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