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Haben wir die Liebe verlernt?

Sie haben weder Kinder, noch eine funktionierende Beziehung. Leben auch mit über 30 noch in WGs und setzen ihren Job immer an die erste Stelle: So beschreibt Michael Nast die Protagonisten der "Generation Beziehungsunfähig". Doch gibt es die wirklich?

Michael Nast, Autor des Buches

Michael Nast lebt als Buch- und Drehbuchautor in Berlin und würde sich selbst nicht als beziehungsunfähig beschreiben. Auch wenn fast alle Merkmale auf ihn zutreffen.

"Eine Ehe führen, Kinder haben – das ist ein Plan, den du abarbeiten kannst. Doch heute musst du das nicht mehr. Du kannst dir einen eigenen Weg suchen. Doch dafür fehlt vielen der Mut." Michael Nast ist Buchautor und mit einem einzigen Text zum Fachmann für die sogenannte "Generation Beziehungsunfähig" geworden. Als ein Blogbeitrag von ihm mit genau diesem Titel im vergangenen April auf der Plattform "Im Gegenteil" erschien, hatte er jedoch gar nicht das Ziel, eine ganze Generation von Beziehungs-Versagern zu erschaffen, sagt er im Interview mit dem stern. "Ich habe den Text geschrieben und dachte, dass interessiert Menschen von Mitte zwanzig bis Mitte dreißig, die in der Großstadt leben und 'was-mit-Medien' machen. Da war das mit der Generation auch eher ironisch gemeint."

Gefüllt wurde der Generationenbegriff erst durch die vielen Reaktionen, die Nast auf seinen Text erhielt. "Ich habe Mails von Menschen zwischen 16 und 45 erhalten. Viele haben mir geschrieben, dass ich mit meinem Text genau ihr Leben beschreibe. Als wäre es eine neue deutsche Befindlichkeit."

Diese Befindlichkeit beschreibt der 40-jährige Berliner so: Unsere Arbeit ist uns zu wichtig, wir sind ständig damit beschäftigt, uns selbst zu optimieren und wenn der Partner da nicht mitkommt, muss er verschwinden. Wir bewerten unsere Beziehungen anhand wirtschaftlicher Kriterien – was sich nicht lohnt oder uns Energie kostet, wird abgestoßen. Von unseren Eltern wurde uns eingebläut, dass wir alles sein können, was wir wollen. Also wollen wir perfekt sein. Doch während wir im Beruf Risiken eingehen, sind wir dazu in Liebesbeziehungen nicht bereit. Uns fehlt der Mut, sich voll und ganz auf einen anderen Menschen einzulassen. Schließlich könnte das ja unsere Pläne durcheinander bringen.


Ein Partner wie ein Schuh

Aus Nast Text ist nun ein ganzes Buch geworden, das der Autor, den die "Berliner Morgenpost" mal als männliche Carrie Bradshaw bezeichnete, mit einer eigenen Lese-Tour bewirbt. In dem Buch geht es nicht nur um Beziehungen, sondern auch darum, wieso alle nach Berlin wollen, wie das Internet unser Leben bestimmt und warum der Job heute auch immer Berufung sein muss. Viele Geschichten verdeutlicht Nast anhand von eigenen Erlebnissen oder denen seiner Freunde. Wenn Stephan, Markus und Nathalie aus ihrem Singleleben in der Großstadt erzählen, weiß man woher der Vergleich mit Sex and the City kommt. Der Großteil des Buches liest sich leicht und amüsant, die Kapitel greifen gut ineinander. Doch am Ende möchte man gerne einer von Nasts Freundinnen zustimmen, die anmerkt, dass wir uns heutzutage vielleicht auch einfach zu sehr um uns selbst und unsere Befindlichkeiten drehen.

Wenn jemand den ursprünglichen Blogbeitrag kritisiere, dann sei diese Kritik schnell sehr emotional, sagt Nast. "Manche fühlen sich in ihrem Lebensentwurf angegriffen. Aber die Zahlen sprechen für sich. Mehr als drei Millionen Menschen haben den Text gelesen. 180.000 Leute haben 'Gefällt mir' geklickt. Nach 1400 Mails, die ich bekommen habe, habe ich aufgehört zu zählen. Es gibt also eine sehr große Zustimmung."

Also hat Nast Recht mit seiner Generation beziehungsunfähig? Nina Deißler, Beziehungscoach und Flirtexpertin, findet ja. "Er gibt das wieder, was ich von meinen Klienten höre", sagt sie im Gespräch  mit dem stern. Sie würde zwar nicht von einer ganzen Generation sprechen, kennt aber die Probleme, die Nast in seinem Buch beschreibt. "Wir erwarten viel mehr von einer Beziehung als frühere Generationen, sind aber viel weniger bereit, auch etwas dafür zu tun", sagt die Buchautorin ("Beziehungsstatus: Kompliziert"). "Man will eine tolle Beziehung, aber es soll möglichst einfach und risikofrei sein. Außerdem haben wir keine Geduld, es soll alles sehr schnell gehen. Heutzutage muss ein Partner sein, wie ein Paar Schuhe: Er muss gut aussehen und er muss passen."

Die Richtige

Michael Nast ist es wichtig, dass sein Buch kein Ratgeber ist. Um Ratschläge zu erteilen wäre er auch nicht der Richtige, schließlich leidet er selbst unter den Symptomen, die er beschreibt. Er wolle niemandem sagen, was er zu tun habe. Viel eher möchte er mit seinen Geschichten zum Nachdenken anregen. "Der Ansatz des Buches ist nicht, zu sagen ihr seid jetzt als Generation alle beziehungsunfähig. Ich will viel eher Hoffnung geben und meinen Lesern sagen: Es liegt an euch." 

Unsere Gesellschaft bestehe immer mehr aus Einzelkämpfern, vieles drehe sich nur noch um das Ego. "Bei mir ist das ja auch so. Ich will in einer Beziehung Harmonie und dass wir uns gegenseitig Kraft geben. Was ich damit aber eigentlich meine: Ich will Kraft bekommen, aber bloß keine entzogen bekommen", sagt er. Als Nast seinen Text das erste Mal laut gelesen hat, als Probe vor einer Lesung, ist ihm klar geworden, wie tragisch das eigentlich ist, was er da beschreibt. Eine Generation voller Menschen, die zu feige ist, sich auf die Liebe einzulassen und deswegen lieber allein bleibt. Die so hohe Ansprüche an die Liebe hat, dass diese niemand mehr erfüllen kann.

Am Ende seines Blogbeitrages schrieb Nast: "Aber ich weiß auch, sobald die Richtige kommt, wird mir das egal sein. Zumindest hoffe ich das." Denkt er das immer noch? Ja, sagt der Autor mit Bestimmtheit. Mit der Richtigen werde alles perfekt sein. Ganz sicher. 

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