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Deserteur Paul entdeckt die Frau in sich

Paul flieht aus dem Ersten Weltkrieg zu seiner Frau nach Paris. Der Deserteur muss Kleider tragen, um die Wohnung verlassen zu können - und merkt, es gefällt ihm. Eine Transgender-Liebesgeschichte.

Von Susanne Baller

  "Das falsche Geschlecht", Avant Verlag, 160 Seiten, 24,95 Euro

"Das falsche Geschlecht", Avant Verlag, 160 Seiten, 24,95 Euro

Wir sind im Paris des Jahres 1914. Der Held dieser Geschichte, Paul, kleidet sich elegant, stutzt penibel seinen schmalen Schnurrbart und ist verliebt. Louise heißt seine Angebetete, die er abends zum Tanz trifft, um sie anschließend mit dem Boot über den Fluss zu rudern und ihr am Wegesrand eine Blume zu pflücken. Paul ist charmant, witzig, aufmerksam und wird für sein Mühen belohnt: Er kann Louises Herz gewinnen, die beiden heiraten. Doch am selben Tag wird er vom Militär eingezogen, der Erste Weltkrieg beginnt. Und mit ihm ein weiteres Drama.

  Der Moment, den Paul nie wieder vergessen kann: Seinem Kameraden Marcel wird an der Front der Kopf weggeschossen

Der Moment, den Paul nie wieder vergessen kann: Seinem Kameraden Marcel wird an der Front der Kopf weggeschossen

Paul muss an die Front. Er erlebt den Tod hautnah, den der Feinde und auch den der Kameraden. Als einer ausrastet und auf das offene Feld rennt, erhält Paul den Befehl, den Mann zurückzuholen. Und sieht, was ihm noch jahrelang als traumatische Erinnerung immer wieder im Traum erscheint: Vor seinen Augen wird dem jungen Mann der halbe Kopf weggeschossen.

  Im Lazarett: Der Oberst schickt Paul zurück an die Front. Louise ist entsetzt.

Im Lazarett: Der Oberst schickt Paul zurück an die Front. Louise ist entsetzt.

Entsetzt trifft Paul blitzschnell eine Entscheidung: Er schneidet sich einen halben Finger ab, um von der Front wegzukommen. Im Lazarett sorgt er dafür, dass seine Wunde nicht heilt, ein halbes Jahr lang. Als ihn sein Oberst trotzdem zurückschicken will, sieht Paul nur eine Lösung, er muss desertieren. Er flieht nach Paris, wo Louise ihm ein kleines Zimmer gemietet hat. Als Fahnenflüchtiger hockt er dort, denn er kann es nicht riskieren, den Raum zu verlassen. Die unendliche Langeweile ertränkt Paul in Alkohol und der macht ihn aggressiv.

Irgendwann platzt Louise der Kragen. Sie will sich nicht länger herumkommandieren lassen von ihrem schlecht gelaunten Mann mit Budenkoller, der ständig trinkt. Sie weigert sich, ihm Rotwein zu holen. Und Paul schlüpft zum ersten Mal in ein Kleid und wagt sich hinaus.

  Elegant und gut ausstaffiert bewegt sich Paul als Suzanne durch Paris

Elegant und gut ausstaffiert bewegt sich Paul als Suzanne durch Paris

Wind, Wetter, Bewegung, Paul genießt seine neu gewonnene Freiheit als Frau. Plötzlich hat das Leben wieder einen Sinn. Als er von seinem nächtlichen Bummel zurückkehrt, steht sein Entschluss fest: Das wird er wieder tun! Gut gelaunt erzählt er Louise, was er erlebt hat. Sie ist begeistert und hilft ihm, sich richtig auszustatten. Sie kauft ein größeres Kleid und breite Hüften zum Unterziehen, brennt ihm das Barthaar weg sowie die obersten Brusthaare. Sticht ihm Ohrlöcher, kürzt die Nasenhaare und lackiert seine Fingernägel. So sorgfältig, dass die beiden zum ersten Mal seit langer Zeit gemeinsam und bei Tageslicht die Wohnung verlassen können, getarnt als Freundinnen. Seine Frau besorgt Paul auch einen Job und er kommt bei seinen Kolleginnen gut an - als Suzanne.

Inzwischen sind die "wilden Zwanziger". Paul entdeckt an sich eine neue Neigung. Er geht nachts in den Park, um sich mit anderen zu sexuellen Abenteuern zu treffen, Frauen wie Männern. Jede Nacht. Eines Abends will Louise ihn begleiten und sich auch mal amüsieren. Also ziehen die beiden zusammen los und die anfangs schüchterne Louise findet ebenfalls Gefallen an dem bunten Treiben im Park.

  Identitätskrise: Paul weiß nicht mehr, wer er wirklich ist

Identitätskrise: Paul weiß nicht mehr, wer er wirklich ist

Zehn Jahre nach Kriegsende werden die Deserteure amnestiert, Paul kann wieder öffentlich ein Mann sein. Doch er hat sich verändert. Durch die Jahre als Frau hat er eine Seite an sich entdeckt, der er sich vorher nicht bewusst war. Ihm fehlt etwas, wenn er plötzlich nur noch ein Mann sein soll. Als er sich eines Nachts sein Alter Ego zurück erträumt, hat er sich die Nägel lackiert, unbewusst. Und Louise nennt ihn einen "verdammten Perversen".

Paul hat eine tiefe Seinskrise. Er leidet, kann ohne Alkohol nicht mehr auskommen, ist unglücklich und brutal. Seine Albträume vom Krieg kehren zurück. Er kann so nicht leben, weiß aber auch nicht, wie er leben könnte. Seine Verzweiflung wächst, bis Louise nur noch eine Lösung sieht.

Die französische Zeichnerin Chloé Cruchaudet erzählt von einer ungewöhnlichen Transgender-Beziehung, die auf einer wahren Geschichte basiert. Cruchaudet schafft es, die Verwandlung Pauls und seinen inneren Kampf vielseitig und spannend zu zeichnen, sodass man die 160 Seiten auch dann kaum aus der Hand legen kann, wenn man sie bereits verschlungen hat. Das Ende der Geschichte überrascht und wird deshalb auf keinen Fall verraten. Aber dieses Buch muss man sowieso besitzen.

"Das falsche Geschlecht" wurde mit dem Publikumspreis auf dem Comicfestival von Angoulême 2014 ausgezeichnet.

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