HOME

Das Inzestverbot? "Nicht mehr zeitgemäß"

Der Ethikrat hat der Bundesregierung empfohlen, das Inzest-Gesetz zu lockern. Der stern sprach mit Ethikrat-Mitglied Michael Wunder darüber, welche Gründe es dafür gibt.

Geschwister- und Halbgeschwisterpaare müssen derzeit noch ein Leben im Verborgenen führen

Geschwister- und Halbgeschwisterpaare müssen derzeit noch ein Leben im Verborgenen führen

Seit 2008 gehört Michael Wunder dem Deutschen Ethikrat an. Zuvor war er von 2000 bis 2005 Mitglied der Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" des Deutschen Bundestags. Der Ethikrat hat empfohlen, dass einvernehmlicher Sex unter Geschwistern nicht mehr unter Strafe stehen sollte, weil das die grundlegenden Freiheitsrechte der Betroffenen verletze.

Herr Wunder, der Deutsche hat vergangene Woche der Bundesregierung empfohlen, das sogenannte Inzest-Gesetz zu ändern. Warum?


Das Gesetz schützt ein gesellschaftliches Tabu. Die rechtlichen Gründe, mit denen Paragraf 173 gerechtfertigt wird, halten wir nicht mehr für zeitgemäß.

Das soll vor allem drei Dinge bewirken: die Familie schützen, die sexuelle Selbstbestimmung gewährleisten und die Geburt behinderter Kinder vermeiden.


Die sexuelle Selbstbestimmung beispielsweise wird bereits durch andere Strafparagrafen hinreichend geschützt. Die eugenischen Argumente, dass durch die Beziehung von Inzestpaaren eventuell behinderte Kinder entstehen könnten, lehnt der Ethikrat entschieden ab. Wir wollen doch in einer modernen Gesellschaft leben, wo der Staat sich nicht in die Fortpflanzung Einzelner einmischt.

Das Risiko einer Schädigung von Kindern aus Inzestbeziehungen liegt immerhin bei bis zu 50 Prozent.


Das stimmt, aber nach deren Logik müssten wir dann auch Frauen über 40, Behinderten oder Paaren mit genetischen Risiken die Zeugung per Gesetz verbieten. Wer kann das ernsthaft erwägen?

Die Kernforderung des Ethikrats lautet: Straffreiheit für volljährige Geschwisterpaare, die getrennt voneinander aufgewachsen sind.
Wir haben im Vorfeld unserer Entscheidung mit einigen betroffenen Geschwisterpaaren gesprochen. Der Schutz der Familie spielt in ihren Fällen keine Rolle, weil gar keine intakten Familienstrukturen mehr vorhanden waren. Die Geschwister wuchsen getrennt voneinander auf, trafen sich im Erwachsenalter wieder und verliebten sich ineinander. Doch aufgrund des bestehenden Paragrafen 173 müssen sie sich verstecken. Sie leben unter ständiger Strafandrohung, werden auch Opfer von Erpressung. Uns ist gerade ein aktueller Fall bekannt geworden, wo die Polizei einem Geschwisterpaar das gemeinsame Kind wegnehmen will. Das Kind ist übrigens kerngesund. Eine Tante hatte die beiden wegen Inzests angezeigt. In diesem Fall wird keine Familie geschützt, sondern eine zerstört.

Der stern berichtete im Mai über den Fall eines erwachsenen Geschwisterpaares, die Becks*. Auch sie leiden unter Erpressung und Strafandrohung. Beide sagten damals: "Die Politik hat kein Interesse am Tabuthema Inzest, weil man damit keine Wählerstimmen gewinnen kann."


Ich befürchte, da ist leider etwas dran. Justizminister Heiko Maas hat unseren Vorschlag bereits kurz nach der Veröffent­lichung mit den Worten "Kein Bedarf" bewertet. Ich hoffe aber, dass das nur eine erste Schreckreaktion war auf ein Thema, was natürlich noch bei vielen Menschen mit Vorurteilen behaftet ist.

Diplom-Psychologe Michael Wunder, 62, leitet seit 1998 das Beratungszentrum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg und ist seit 2008 Mitglied des deutschen Ethikrates

Diplom-Psychologe Michael Wunder, 62, leitet seit 1998 das Beratungszentrum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg und ist seit 2008 Mitglied des deutschen Ethikrates

Auch Stephan Mayer, der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU, sagte: "Inzest unter Geschwistern und nahen Verwandten steht nicht ohne Grund unter Strafe. Schlimme Erbkrankheiten und Behinderungen der Kinder aus einer solchen Verbindung sind die Folge."
Solche Äußerungen entsetzen mich besonders. Natürlich war uns bewusst, dass das Thema sehr heftige Reaktionen auslösen könnte. Wir haben eine Menge Zuspruch erhalten, aber auch viel Wut, Beleidigungen und Vorurteile abbekommen.

Was hat Sie dabei besonders getroffen?


Ich hätte nicht damit gerechnet, dass eugenische Argumente heute noch eine Rolle spielen. Wir leben in einer Gesellschaft mit Pränataldiagnostik und reproduktiver Selbstbestimmung. Die Verantwortung über die Geburt eines möglicherweise behinderten Kindes liegt bei den Eltern. Wer von oben entscheiden will, was lebenswertes und lebensunwertes Leben ist, der bewegt sich in längst überholt geglaubten Denkmustern unserer Geschichte.

* Name von der Redaktion geändert

Interview: Hannes Ross

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity

Partner-Tools