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Eine skandalöse Liebe

Ein Mann und eine Frau werden ein Paar. Aber sie müssen ihre Gefühle verbergen - denn sie sind Halbgeschwister. Bislang ist ihre Beziehung strafbar. Das könnte sich jetzt ändern.

Von Hannes Ross

Der Ethikrat hat in dieser Woche empfohlen, dass einvernehmlicher Sex unter Geschwistern nicht mehr unter Strafe stehen sollte, weil das die grundlegenden Freiheitsrechte der Betroffenen verletze.

Dieser Artikel über die Liebe zwischen den Halbgeschwistern Birgit und Norbert erschien im Mai 2014 im stern.

Birgit und Norbert fühlten sich in ihrem Dorf wie Ausgestoßene

Birgit und Norbert fühlten sich in ihrem Dorf wie Ausgestoßene

An den Tag, an dem ihre Liebe zum Verbrechen wurde, kann sich Birgit Beck* noch gut erinnern. Der Brief der Staatsanwaltschaft Magdeburg kam am 24. Januar 2012. Als Birgit Beck den Umschlag aus dem Briefkasten zog und den Absender sah, fingen ihre Hände an zu zittern. Sie musste an ihre drei Kinder denken, die sie liebt und die sie nicht verlieren will. Und an Norbert, den neuen Mann in ihrem Leben, den sie liebt, aber nicht lieben darf. Der Brief war eine Vorladung zum Verhör der Staatsanwaltschaft Magdeburg, Abteilung für Gemeingefährliche Straftaten und Sexualdelikte. "Ihnen wird folgende Rechtsverletzung vorgeworfen: Beischlaf zwischen Verwandten", stand da geschrieben. "Sie werden gebeten, sich am 13. 02. 2012 im Kommissariat für Sexualdelikte in Magdeburg einzufinden."

Wie gelähmt stand Birgit Beck da. Sie wusste, was ihr jetzt drohen könnte. Sie hatte Geschwisterliebe im Internet gegoogelt. Da war sie auf Paragraf 173 des Strafgesetzbuchs gestoßen. Danach wird der Beischlaf zwischen Geschwistern und Halbgeschwistern mit einer bis zu zweijährigen Gefängnisstrafe geahndet.

Gebrandmarkt

Schon jetzt, bevor sie sich vor einem Richter erklären konnte, bevor ein Urteil gefällt worden war, fühlte sich Birgit Beck wie eine vom Staat gebrandmarkte Sexualverbrecherin. Denn bei Inzest denken die Menschen erst einmal an Väter oder Mütter, die sich an ihren Kindern vergehen. Bei Birgit Beck war es ganz anders. Sie hatte sich nur in den falschen Mann verliebt. Norbert, ihren Halbbruder.

Ein halbes Jahr zuvor, im Juli 2011, waren sie sich das erste Mal begegnet. Norbert, 31, blond, blauäugig, Fernfahrer von Beruf. Ein Mann mit breitem Kreuz und schüchternem Lächeln. Und Birgit, 37, eine Grundschullehrerin mit schwarzen Locken, verheiratet, Mutter von drei Kindern. Über das Internet hatte Norbert seine Halbschwester gefunden. Oft hatte er an sie in den vergangenen Jahren gedacht, aber erst vor ein paar Wochen schien es ihm an der Zeit, sie zu suchen. Alles, was er von ihr wusste, war ein Name. Birgit Beck. Er war in einem sozialen Netzwerk auf eine Birgit Beck aus Magdeburg gestoßen. Sie hatten telefoniert und sich verabredet, und nun standen sie sich auf einem Campingplatz an der Ostsee gegenüber. Verlegen und voller Fragen. Halbgeschwister und sich trotzdem fremd.

Beide steckten in unglücklichen Beziehungen

Als Kinder waren sie in derselben ostdeutschen Stadt aufgewachsen. Ihre Familien hatten nur zehn Minuten zu Fuß voneinander entfernt gelebt, und doch verliefen ihre Leben getrennt. Ihr gemeinsamer leiblicher Vater Walter hatte es so gewollt. Birgit Beck war sechs Jahre alt, als er sie und ihre Mutter verließ, um mit einer anderen Frau eine neue Familie zu gründen. Ein paar Monate später wurde ihr Halbbruder Norbert geboren, über den in Birgits Familie nur selten gesprochen wurde.

Stundenlang gingen Birgit und Norbert an jenem Tag am Strand spazieren. Sie tauschten Fotos und Erinnerungen aus. Sie verband, dass sie beide in unglücklichen Beziehungen steckten, und sie erzählten sich offen davon. Norbert von seiner Freundin, die er nach sieben Jahren nicht mehr liebe. Und Birgit von ihrer kaputten Ehe, die nur noch durch die gemeinsamen Kinder zusammengehalten werde.

Anfangs wollte Norbert seine Gefühle nicht zulassen

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, das wäre übertrieben, aber sie spürten schnell eine innere Verbindung, als brauchten sie nicht viele Worte, um sich zu verstehen. "Es war so, als ob du einen fremden Menschen triffst, bei dem es sich trotzdem so anfühlt, als würdest du ihn schon lange kennen", sagt Birgit. Norbert sagt, dass er schon nach dem ersten Treffen eine Anziehung empfunden habe, die er sich nicht erklären konnte. "Ich hab noch eine andere Schwester, mit der ich aufgewachsen bin, und wusste, dass man solche Gefühle nicht für seine Schwester hat", sagt Norbert. Er stockt, sucht nach Worten, die das Chaos beschreiben, das in ihm tobte. "Ich war verwirrt, anfangs sperrte sich etwas in mir dagegen, so etwas wie Zuneigung zuzulassen."

Verhaltensforscher nennen diese Sperre eine "natürliche Inzestscheu". Sie hat sich im Laufe der Evolution herausgebildet, um den Nachwuchs vor Erbschäden zu schützen. Eine frühkindliche Prägung verhindert, dass gemeinsam aufwachsende Geschwister sich sexuell attraktiv finden. Doch dieses Phänomen kann sich ins Gegenteil verkehren, wenn sich Geschwister erst im Erwachsenenalter kennenlernen. Dann sorgt eine ähnliche genetische Disposition dafür, dass sich Geschwister zueinander hingezogen fühlen.

Sie fühlen sich seelenverwandt

Das belegt die Attraktivitätsforschung. Betroffene erzählen von einem Gefühl der Seelenverwandtschaft. Auch Birgit und Norbert benutzen oft dieses Wort. Seelenverwandtschaft. Sie sitzen dicht beieinander in einem Restaurant in der Nähe des Magdeburger Hauptbahnhofs. Ihre Erzählungen verstummen, wenn sich die Kellnerin dem Tisch nähert. Sie sind zwei Menschen, die gelernt haben, sich unauffällig zu verhalten.

Als sie sich nach ihrem ersten Treffen an der Ostsee trennten, zögerten sie noch, sich aufeinander einzulassen. Sie zweifelten an ihrer aufflammenden Liebe, von der sie ahnten, dass außer ihnen niemand sie akzeptieren würde. Doch sie telefonierten, mehrmals täglich. Wie ein vertrautes Paar, das in einer Fernbeziehung lebt. Als Birgit nach einer schlechten Nacht morgens im Bett lag und ihrem Halbbruder schrieb, wie schwer es ihr heute fallen würde, aufzustehen, antwortete er: "Wäre ich jetzt bei Dir, würde ich Dir das Frühstück ans Bett bringen. Du bist ein ganz besonderer Mensch für mich!"

Könnten sie nicht auch ein ganz normales Paar sein?

Im Herbst 2011 reichte Birgit Beck die Scheidung ein. Die Aussicht einer Trennung befeuerte ihre Sehnsüchte und Hoffnungen. Könnten sie und Norbert dann nicht auch ein ganz normales Paar sein? Sie sehen sich nicht als Bruder und Schwester. "Wir hätten uns auch als Fremde in einer Disco verlieben können, ohne zu wissen, dass wir Halbgeschwister sind. Da wäre uns dasselbe passiert", sagt Birgit.

Drei Wochen nach dem ersten Treffen gab Norbert sein altes Leben auf. Er kündigte seine Arbeit in Stuttgart, trennte sich von seiner Freundin und zog in eine Zweizimmerwohnung ins Nachbardorf seiner Halbschwester. Ihn trieb nicht nur die Liebe, es war auch die Sehnsucht nach seiner alten Heimat. Er arbeitet heute bei einer Spedition in Magdeburg. Unter der Woche ist er unterwegs, doch an den Wochenenden verbringt er jede freie Minute mit Birgit.

Händchenhalten wagen Norbert und Birgit nur an Orten, an denen sie keiner kennt

Händchenhalten wagen Norbert und Birgit nur an Orten, an denen sie keiner kennt

"Wo ist das Problem?"

Birgits Kinder Leo, 13, Max, 15, und Laura, 18, fragten am Anfang oft, warum Norbert nicht mal über Nacht bleiben kann, wenn er sich abends verabschiedete, um in seine Wohnung zu gehen. Sie waren erleichtert über die Trennung ihrer Eltern gewesen, darüber, dass die Streitereien vorbei waren. Endlich schien ihre Mutter mit einem Mann wieder glücklich zu sein. Als sie ihnen gestand, der neue Mann in ihrem Leben sei ihr Halbbruder, reagierten sie unaufgeregt. "Wir sind glücklich, du bist glücklich, wo ist das Problem?", sagte die Tochter Laura.

Doch was die Kinder nun wussten, durfte niemand im Dorf wissen. Sie verleugneten ihre Liebe in der Öffentlichkeit. Nicht mal eine flüchtige Berührung der Hände erlaubten sie sich, wenn sie im Dorf unterwegs waren. Ihre Angst ging so weit, dass sie es mitunter selbst tagsüber zu Hause nicht wagten, sich in den Arm zu nehmen. Sie fürchteten, dass sie jemand durchs Fenster beobachten könnte. Oder gar Fotos von ihnen machen.

Das lag an den Gerüchten, die Birgits damaliger Ehemann im Dorf gestreut hatte: Norbert sei nicht nur der Halbbruder seiner Frau, der ihr jetzt nach der Scheidung mit den Kindern helfe. Er sei auch ihr Liebhaber Die beiden lebten in Inzest, während die Kinder verwahrlosten.

Kalte, abweisende Blicke der Nachbarn

Inzest. Das Wort beflügelte die Fantasie der Dorfbewohner. Es gab anonyme Drohanrufe in der Nacht. "Ihr gehört in den Knast, und die Kinder werden ins Heim kommen!", brüllte eine Stimme. Eine Nachbarin fragte den 15-jährigen Sohn Max auf der Straße, ob es stimme, dass seine Mutter Drogen nehme.

Wenn Birgit einkaufen ging oder ihre Kinder von der Schule abholte, begegneten ihr kalte, abweisende Blicke. Gespräche verstummten, sobald sie sich einer Gruppe auf der Straße näherte. "Wie eine Ausgestoßene, zum Abschuss freigegeben" fühlte sie sich damals. Auch Norbert fühlte sich drangsaliert. Seine Exfreundin in Stuttgart erhielt Anrufe. Ob sie wisse, dass er jetzt mit seiner Halbschwester ins Bett steige. Seine Exfreundin sagte, dass das niemanden etwas angehe, und legte auf.

Ihr gemeinsamer Vater, zu dem beide seit Jahren kaum Kontakt haben, hetzte in Briefen. Er schrieb an Birgit, dass Norbert, sein Sohn, "ein unberechenbares und widerwärtiges Lebewesen" sei. Der Vater drohte, die Polizei einzuschalten, sollten sie sich nicht trennen. Sie versuchte ihm zuzureden. "Du hast dich nie für uns interessiert und kennst uns gar nicht. Warum gönnst du uns jetzt nicht dieses Glück?", bettelte Birgit ihren Vater an. Er sagte nur: "So etwas wie euch darf es nicht geben!"

Sie wollen keine Kinder zeugen

Inzest ist ein moralisch und religiös begründetes gesellschaftliches Tabu, das vom Staat zum Gesetz erhoben wurde. Als "schwere Sünde" taucht es schon in der Bibel auf. Wer gegen das Gebot verstößt, den erwarten Todesstrafe oder Ausrottung, so steht es im dritten Buch Mose. Nachdem die Christen im 4. Jahrhundert nach Germanien gekommen waren, entstanden die ersten Gesetze, die Inzest unter Strafe stellten. Unter den Nazis wurde es "Blutschande" genannt, und auch im Nachkriegsdeutschland blieb es eine Straftat. In Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Russland und China wird Inzest längst nicht mehr verfolgt.

Für Birgit und Norbert ist es ein absurdes Gesetz. Der Staat fürchtet, dass durch Inzest behinderte Kinder gezeugt werden könnten. Birgit und Norbert wollen gemeinsam gar keine Kinder zeugen, doch sie könnten trotzdem bestraft werden. Denn bereits der "vaginale Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern", und damit sind auch Halbgeschwister gemeint, wird mit Gefängnis geahndet. Das würde sich selbst dann nicht ändern, wenn sich Birgit oder Norbert sterilisieren lassen würden. Das Paradoxe: Die Zeugung eines gemeinsamen Kindes mit künstlicher Befruchtung wäre ihnen erlaubt. "Was ist das für ein Staat, der uns vorschreibt, wie wir leben sollen?", fragt sich Norbert. "Der bis in unser innerstes Privatleben eingreift und darüber urteilt?"

Dürfte man ihnen Kinder verbieten?

Es ist aber nicht nur eine fragwürdige Gesetzeslage, die das Inzestverbot in Deutschland rechtfertigt. Es ist auch eine Frage der Moral. Denn selbst wenn Birgit und Norbert Kinder wollten, dürfte man es ihnen verbieten? Die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung der Kinder von Inzestpaaren liegt zwischen 25 und 50 Prozent. Natürlich erscheint das Risiko bei Paaren ohne verwandtschaftliche Beziehung dagegen gering - es liegt zwischen ein und drei Prozent. Doch selbst wenn ein erhöhtes Risiko ein Inzestverbot rechtfertigen würde, müsste man dann nicht auch Frauen über 40, Menschen mit einer Erberkrankung oder Behinderten die Fortpflanzung untersagen?

Das jedoch würde niemand wagen. Birgit und Norbert zwingt das Inzestverbot zu einem Leben im Geheimen. Einer permanenten Selbstverleugnung. Einer Liebe im Ausnahmezustand. Für die Birgit Beck auch lügen musste, um sie vor dem Staat zu beschützen. Während des Scheidungsverfahrens fragte sie eine Beamtin auf dem Jugendamt: "Frau Beck, wir machen uns Sorgen um Ihre Kinder. Haben Sie eine Beziehung mit Ihrem Halbbruder?" – "Nein, nein, das sind nur Gerüchte. Mein Bruder hilft mir. Mehr ist da nicht!", sagte sie und steckte dabei so viel Empörung in ihre Stimme, wie es die Welt von ihr erwartete. Sie schämt sich für diese Lüge.

Der Vater erstattet Anzeige

Noch heute. "Ich habe meinen Kindern immer gesagt, sie können mir alles sagen, nur lügen dürfen sie nicht", sagt sie, "und dann musste ich selbst lügen, damit sie mir meine Kinder nicht wegnehmen." Schon nach ein paar Monaten schmiedeten sie Pläne wegzuziehen, nichts hielt sie mehr hier in diesem Dorf, wo jeder sie nur als das "Inzestpaar" kannte. Der Druck von außen hatte sie noch mehr zusammengeschweißt. Doch dann passierte das, wovor sie sich immer am meisten gefürchtet hatten. Im Januar 2012 erstattete ihr Vater gegen sie Anzeige wegen Inzest bei der Polizei Magdeburg. Birgit Beck erinnert sich: "Wir dachten: Jetzt ist es vorbei. Die Kinder werden ins Heim kommen und wir ins Gefängnis."

Sie wandten sich an den Dresdner Strafrechtsanwalt Endrik Wilhelm. Der 53-Jährige gilt als größter Rechtsexperte für Inzest in Deutschland. 2007 verteidigte er den aufsehenerregenden Inzestfall von Patrick S. und seiner Schwester Susan K. Damals wurde Patrick S. zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er mit seiner Schwester vier Kinder gezeugt hatte. Wilhelm klagte dagegen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er verlor, weil der Europäische Gerichtshof die Beurteilung von Inzest den einzelnen europäischen Ländern überlässt. Doch Wilhelm hat nicht aufgegeben.

Neue Debatten im Ethikrat

#link;http://www.stern.de/panorama/ethikrat-zu-inzest-sex-unter-geschwistern-soll-nicht-mehr-strafbar-sein-2140609.html;Seine Protestbriefe an den Ethikrat der Bundesregierung sorgten dafür, dass nun auch die Politik das Inzestverbot neu verhandelt.# Seit einigen Monaten debattiert der Ethikrat darüber, ob ein Inzestverbot noch zeitgemäß ist. "Für mich ist es eine Frage einer zeitgemäßen Moral, dass Inzest aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird", sagt Wilhelm. Der Staat habe kein Recht darüber zu entscheiden, wer mit wem sexuell verkehrt, wenn es sich dabei um eine einvernehmliche Beziehung zwischen erwachsenen Menschen handelt.

Wilhelm hat erreicht, dass die Anzeige wegen Inzest gegen Birgit Beck und ihren Halbbruder folgenlos blieb. Wegen unzureichenden Tatverdachts. Ein schaler Triumph. Sie sind entlastet, aber das nur, weil ihnen der Geschlechtsverkehr nicht nachgewiesen werden konnte. Wilhelm konnte sie vor Strafverfolgung schützen. Aber ein Leben ohne Angst kann er ihnen nicht geben. Jederzeit könnte sie wieder jemand wegen Inzests anzeigen. Und dann müssten sie sich erneut vor der Staatsanwaltschaft erklären, ihre Liebe verleugnen.

Das Outing vor dem Ethikrat

Im November 2012 schlug ihre Angst in Trotz um. Sie fuhren zu einer öffentlichen Anhörung des Ethikrats nach Berlin. Sie wollten hören, wie die Politik über sie redet. Die Diskussion fand in einem mit Arkaden gesäumten Saal der Akademie der Wissenschaften statt. Um einen großen Tisch saßen viele Männer und wenig Frauen. Ärzte, Kirchenvertreter, Psychologen und Juristen. Ein Pressefotograf machte Bilder. Birgit und Norbert drehten sich weg, duckten sich. Sie wollten unerkannt bleiben, anonyme Zuhörer.

Dann begann die Diskussion. Es wurde über kulturhistorische, humangenetische und psychosoziale Aspekte des Inzests gesprochen.

Eine Frau des Ethikrats sagte, dass Inzest ein Problem der untersten Gesellschaftsschichten sei, ein Phänomen von zutiefst zerrütteten Familienverhältnissen. Die Worte trafen Birgit und Norbert wie ein Schlag. Sie fühlten sich bloßgestellt. "Das konnten wir uns nicht gefallen lassen. Wir sind doch keine Asozialen", sagt Birgit. Sie nahmen all ihren Mut zusammen und outeten sich vor dem Ethikrat als Inzestpaar.

Großer Applaus

Eine halbe Stunde erzählten sie ihre Geschichte. Von den Drohungen, dem Druck, der Angst. Davon, wie es sich anfühlte, in eine fremde Stadt fahren zu müssen, nur um einmal unbeobachtet Händchen haltend durch eine Fußgängerzone gehen zu können. Der Applaus war groß. Sie gaben einer moralisierten, entrückten Diskussion ein menschliches Gesicht. Birgit Beck und Norbert sind inzwischen aus ihrem Dorf weggezogen. Nur zehn Kilometer weiter, in einen Nachbarort. Sie wollten die Kinder nicht aus ihrem Umfeld reißen. Das Dorf und die Menschen, die sie als Inzestpaar tyrannisiert haben, sind nicht weit weg. Für sie war es trotzdem so etwas wie ein Neuanfang.

Sie leben in einer gemeinsamen Wohnung, vier Zimmer mit Blick auf einen kleinen Park. Für ihre Nachbarn sind sie einfach Birgit und Norbert. Niemand weiß hier, dass sie Halbgeschwister sind. Sie sind eine normale Patchworkfamilie. Wie Millionen andere in Deutschland. Sie haben lange überlegt, was sie aufs Klingelschild schreiben sollen. Die Angst, entdeckt zu werden, ist immer noch groß. Aber sie ist nicht unüberwindbar. Am Klingelschild steht jetzt ihr Geburtsname: Beck.

(*Namen der Kinder geändert)

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