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"Wir hatten einen heißen Flirt - jetzt meldet er sich nicht mehr"

Tatjana hat auf einer Tagung Karl kennen gelernt. Erst intensiver Blickkontakt, dann Gespräche, tagelang schrieben sie Whatsapps. Doch dann meldete er sich immer seltener und nun gar nicht mehr. Tatjana versteht nicht, was los ist. Sollte sie sich bei ihm melden?

Er meldet sich einfach nicht mehr: Sollte ich anrufen?

Er meldet sich einfach nicht mehr: Sollte Tatjana sich bei ihm melden?

Liebe Frau Peirano,

vor drei Wochen habe ich auf einer Tagung Karl kennen gelernt. Er war mir gleich aufgefallen, weil er sehr attraktiv ist. Wir hatten zuerst viel Blickkontakt, dann kam er in einer Pause zwischen den Vorträgen zu mir und suchte das Gespräch. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und hatten auch viel gemeinsam. Er wohnt nicht weit von mir entfernt, hat den gleichen Beruf und fährt gerne Motorrad (wie ich). Er war im Gespräch sehr begeistert von mir und sagte, er wolle unbedingt mit mir essen gehen – dann fragte er mich nach meiner Handynummer. Und er meinte, er würde am Tag nach dem Seminar für eine Woche in den Urlaub fahren, aber danach wolle er mich wiedersehen. Wir umarmten uns zum Abschied. Kaum war ich im Auto, bekam ich eine SMS von ihm: "Ich kann gar nicht glauben, dass ich dir begegnet bin." 

Wir hatten in den nächsten Tagen recht viel Kontakt, schrieben schöne und flirtige und einmal rief er mich spontan an. Auch in den ersten Tagen seines Urlaubs meldete er sich und erzählte, was er gerade macht oder schickte Bilder. Nach ein paar Tagen wurden seine Nachrichten dann weniger und irgendwie komisch. Einmal schrieb er mir: „Na, alles klar?“ oder so etwas in der Art.


Als die Woche um war und er wieder aus dem Urlaub zurück sein musste, wartete ich darauf, dass er sich meldet. Fehlanzeige. Ich kann das nicht verstehen, es lief doch alles gut zwischen uns und es ist nichts Komisches vorgefallen. Warum meldet er sich nicht mehr? Und warum sagt er mir nicht wenigstens, warum er plötzlich abtaucht? Ich weiß, dass es blöd ist, aber ich warte ständig auf seinen Anruf. Irgendwie kann ich die Geschichte so nicht abschließen. Soll ich mich noch einmal bei ihm melden und ihn fragen, ob wir uns sehen wollen? Oder soll ich ihn zumindest fragen, was los ist? Oder ihm sagen, dass ich sein Verhalten richtig daneben finde? Ich bin total unsicher.
Herzliche Grüße Tatjana M.

Liebe Tatjana M.,

Sie sind nicht die Einzige, die darunter leidet, dass ein Mann, der zunächst großes Interesse gezeigt hat, plötzlich abtaucht. Das Phänomen ist so häufig, dass es dafür mittlerweile auch einen Namen gibt :„ghosting“ – zum Geist werden. Ich kann mir vorstellen, dass Sie traurig, enttäuscht und verunsichert sind. Ich glaube Ihnen auch, dass Sie Karl attraktiv, spannend und sympathisch fanden und ihn gerne wiedersehen würden. Dennoch möchte ich Ihnen auf die Frage, ob Sie sich melden sollten, eine klare Antwort geben: Nein, bitte melden Sie sich auf keinen Fall bei ihm!
So wie Sie ihn beschreiben, ist Karl nicht schüchtern, sondern das Gegenteil trifft zu: Er hat den ersten Schritt gemacht, das Gespräch begonnen, Sie nach Ihrer Nummer gefragt, ein gemeinsames Essen vorgeschlagen und Ihnen sofort eine SMS geschickt. Er weiß also sehr gut, wie man sich einer Frau nähert und das macht er auch, wenn er Interesse hat.


Da er Sie bei einer Tagung kennen gelernt hat, wüsste er auch, wie er zur Not Ihre Telefonnummer wiederkriegen könnte, falls er sie verloren hätte. Ich denke aber nicht, dass das bei ihm der Fall ist..


Vielmehr spricht alles dafür, dass er plötzlich und ohne nachvollziehbaren Grund das Interesse an Ihnen verloren hat. Möglicherweise hatte er mehrere Eisen im Feuer, vielleicht hat er auch im Urlaub eine andere Frau kennen gelernt oder er ist bereits vergeben und wollte von Ihnen nur etwas Bestätigung. Vielleicht hat er auch eine Bindungsstörung, und eine Frau verliert ihren Reiz, sobald er weiß, dass er sie haben könnte. Zerbrechen Sie sich darüber bitte nicht den Kopf, das ist sein Problem, nicht Ihres.

Eigentlich können Sie froh sein, dass Sie bereits in diesem frühen Stadium des Kennenlernens festgestellt habe, dass Karl keine ernsten Absichten hat, sondern nur ein wenig spielen wollte.
Und Sie haben die Begegnung nicht als Spiel verstanden, sondern sich Hoffnungen auf mehr gemacht. Wäre das nicht ein Grund, verärgert, wütend oder enttäuscht zu sein? Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten eine erwachsene Tochter, die von einem Mann so behandelt wird – der ihr erst schöne Augen macht und sich dann nicht mehr meldet und ihr auch keine Erklärung dafür gibt. Wie würden Sie sich fühlen und was würden Sie Ihrer Tochter sagen?


Wahrscheinlich wären Sie doch wütend auf den Mann und würden ihrer Tochter sagen, sie solle froh sein, dass sie sich nicht ernsthaft auf ihn eingelassen hat. Sie würden wahrscheinlich versuchen, sie mit allen Kräften davon abzuhalten, diesen Mann wieder sehen zu wollen.

Es würde nichts Gutes bringen, wenn Sie sich jetzt bei Karl melden. Sie würden ihm damit nur signalisieren, dass Sie sich manipulieren und schlecht behandeln lassen. Das ist gefährlich, denn er könnte das ausnutzen und Sie zum Beispiel warm halten und sich immer dann melden, wenn er gerade nichts Besseres zu tun hat. Oder Sie für unverbindlichen Sex zwischendurch gewinnen.

Arbeiten Sie lieber daran, dass Sie gut auf sich aufpassen und sich nur mit Männern einlassen, die ein ernsthaftes Interesse an Ihnen haben und die Ihnen etwas Gutes geben können. Fragen Sie sich immer, ob Sie sich beim Kennenlernen sicher, gut und geschätzt fühlen. Wenn nicht, wäre es besser, die Notbremse zu ziehen. Ich kann verstehen, dass Sie dennoch den Wunsch haben, Karl wieder zu sehen - schließlich war das erste Treffen sehr vielversprechend. Liebe kann wie eine Droge sein.


Es wäre aber wichtig, dass Sie diesem Impuls nicht nachgeben. Fragen Sie sich doch einmal, wozu Sie einen Mann brauchen, der unzuverlässig ist, nicht respektvoll mit Ihnen umgeht und möglicherweise nicht mit offenen Karten spielt. Wenn Sie merken, dass Sie öfters an Männer geraten, die Sie nicht liebevoll behandeln, wäre es gut, in Ihrer Kindheit nach den Ursachen zu gucken, insbesondere in Ihrer Vaterbeziehung. Wenn der Vater zum Beispiel immer abwesend war und sich wenig um seine Frau und seine Tochter gekümmert hat, lernt die Tochter: man muss immer um die Liebe eines Mannes kämpfen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie schnell über Karl hinweg kommen und wieder Ruhe finden.
Herzliche Grüße, Julia Peirano


Kommentare (8)

  • Stephanstephan
    Stephanstephan
    Hallo,

    ich bin der Meinung, dass die gute Frau sich nochmal bei Karl melden sollte, wenn sie etwas zu sagen hat! Falls sie noch unbedingt etwas loswerden will, kann das ganz schön belastend werden, wenn es nicht ausgesprochen wird. Wenn sie sauer auf ihn ist, soll sie es raushauen. Sie sollte sich allerdings nicht einlullen lassen, denn er will nichts von ihr. Soviel steht fest. Sie sollte sich selbst den Gefallen tun, ihre Seele sauber zu halten, indem sie sich mit Worten Luft verschafft und Enttäuschung oder Wut raus lässt.

    Ansonsten stellt sich auch die Frage, was es genau war, das sie so fasziniert hat. Basierte das auf dem Wunsch zu geben oder zu nehmen? Viel geben sollte man nur denjenigen Menschen, die es auch verdienen und zu schätzen wissen. Das Problem ist nur, dass es davon so viele nicht gibt und diese eben sehr schwer zu finden sind. Ein Gedanke wie "er wird sich sicher für mich ändern, wenn er sieht, was ich alles geben kann" ist sicher illusorisch. Insofern kann sie tatsächlich froh sein, Karl nicht zu sehr an sich ran gelassen zu haben. Aber das sollte sich auch aussprechen. Es wirkt Wunder.
  • Kornfeld
    Kornfeld
    Ich weiß nicht... ich finde, sich bei dem Mann nur noch mal zu melden, um ihm die Meinung zu geigen, kommt "zickig" rüber. Besser fände ich, ihn einfach unter "Schimpfwort" zu verbuchen und sich nicht weiter damit zu beschäftigen.
  • Lion-19
    Lion-19
    Verehrte Tatjana,
    wie heißt es so schön bei einer völlig anderen Gelegenheit: Er macht nichts, er will nur spielen ;-). Frau Dr. Peirano hat präzise und umfassend dargelegt, worum es hier geht. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht ein Literaturhinweis. Den Zusammenhang zwischen der Prägung durch den Vater und dem heutigen Verhalten der erwachsenen Tochter beschreibt Roman Maria Koidl sehr treffend in seinem Buch “Scheißkerle” .
  • Nikk
    Nikk
    ok, kopfgeschichte,aber sobald ich nicht dabei bin, triffst du andere Menschen, tust ganz andere Dinge, als wenn ich dabei wäre. Und es können sich ganz andere Dinge entwickeln - positivere? Ich finde den Gedanken, mich in den Lebensweg eines anderen Menschen zu zwängen, jedenfalls befremdlich. Viele der Frauen, die ich über die Jahre traf, haben heute ganz andere Männer und tolle Kinder. Das finde ich eine tolle Entwicklung u freu mich für sie, dass sie ihr Modell gefunden haben. Alle Seiten sind zufrieden, ich auch. weil ich sehe, was sich Tolles endwickelt hat, weil ich die Finger mal still gehalten habe.
    Ok, gaga, aber es ist die Geschichte über den Flügelschlag des Schmetterlings....
  • Nikk
    Nikk
    Was raten Sie denn der "Täter"-Seite - mit der fast zwanghaften Vorstellung, Menschen, welche man mag, nicht die Freiheit nehmen zu wollen?

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