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"Mein Freund sieht jeden Tag stundenlang Pornos - aber auf Sex hat er kaum Lust"

Clara ist genervt: Ihr Freund zieht sich jede Tag stundenlang Pornos rein - doch bei den beiden herrscht eher Flaute im Bett. Sie fühlt sich betrogen. Was steckt dahinter - und wie kann sie auf ihren Partner reagieren?

Freund schaut Pornos - aber auf Sex hat er kaum Lust

Er schaut Pornos, sie ist genervt: Was rät Julia Peirano dem Paar?

Liebe Frau Peirano,

Mich belastet der Pornokonsum meines Partners. Ich habe sehr viel im Internet gelesen, die vorherrschende Meinung ist ja, dass man dem Mann ruhig seinen Pornokonsum lassen soll, es ist ja nichts dabei, er nimmt der Partnerschaft damit nichts weg, jeder hat sein Recht auf eine eigene Sexualität. Im Grunde stimme ich dem auch zu und in meinen vergangenen Partnerschaften hat mich das Thema auch überhaupt nicht interessiert bzw. belastet.

Kurz zu mir - ich bin 36 Jahre, keine Kinder, ruhig, fröhlich und sexuell aufgeschlossen in einer Partnerschaft. Kurz zu meinen Partner - 34 Jahre, er ist Arzt in Weiterbildung (stressiger Job), ist ein eher ruhiger Mensch, wenig Freunde, träumt gern vor sich hin, sexuell in der Realität "normal" bis etwas verklemmt, sehr lieb, eher unsicher.

Wir sind seit ca. 2 Jahren zusammen. Anfangs hatten wir eine Wochenendbeziehung in der wir eigentlich immer einmal Sex hatten. Ich habe immer gedacht, da er so ruhig und zurückhaltend ist, ist er eher schüchtern, was Sex betrifft. Als wir dann zusammengezogen sind, dachte ich, dass wir mehr Sex haben würden (2-3 Woche). Aber er ist mehrmals in der Woche an den Computer gegangen (bis dahin dachte ich immer er muss für seine Arbeit etwas lesen, das hat er auch immer so verkauft - er müsse "lesen"). Dann kam durch Zufall heraus - als wir uns einen Film anschauten in dem eine Frau ihren Mann bei Pornos erwischte - dass er auch "ab und zu" mal schaut. Er könne aber sowohl zwischen der Realität und Pornos unterscheiden. Aber nach und nach kam heraus, dass er eigentlich immer, wenn ich nicht da bin, Stunden (3-4 Stunden tagsüber) am Computer (zum größten Teil mit Pornos) verbringt.


Er hat kaum andere Hobbys und bei Freunden meldet er sich so gut wie nie. Ich habe bei ihm eine Festplatte gefunden (sorry ich weiß das macht man nicht, er weiß es auch) mit über 7000 Pornofilmen...aber eher fast nur "normale" Pornos, keine gewalttätigen. Geld zahlt er auch, um sie sich herunterladen zu können. Er hat auch gesagt, dass er früher täglich geschaut hat - jetzt angeblich nicht mehr so viel. Er würde es auch nicht schaffen, mal eine Woche ohne Pornos auszuhalten - er will aber seinen Pornokonsum reduzieren - was ich aber nicht glauben kann, da sich seit Monaten nichts ändert.


Ich fühle mich wirklich belogen und betrogen - auch um unsere gemeinsame Sexualität. Ich weiß, dass jeder ein Recht auf sein Privatleben hat, aber müssen fast täglich sein? Kann man nicht besser mit der Freundin Sex haben? Es ist auch schon vorgekommen, dass er keine Lust hatte, weil er vorher Pornos schaute. Er sagt, er braucht Zeit für sich (was wirklich kein Problem ist, da ich auch gerne Zeit für mich habe) - schaut dann aber Pornos - stundenlang. Ich habe manchmal das Gefühl das ist sein einziges wirkliches Hobby.

Er sagt immer, dass er mich liebt. Manchmal aber glaube ich, dass er seine Pornos mehr liebt als mich. Wenn ich ihn brauche (wir hatten uns etwas gestritten, ich fahre ohne ihn meinen schwerkranken Opa besuchen und er schaut den ganzen Tag Pornos) ist er nicht da. Ich habe auch schon versucht, mich zurückzuziehen, nett zu sein, auf ihn zuzugehen, Dessous gekauft etc. aber nichts ändert sich. Es kommt nie vor, dass wir einmal ein paar Stunden hintereinander sexuell aktiv sind (kuscheln, vielleicht Sex, Spiele etc.), aber Pornos gucken kann er stundenlang. 

Ich habe ihm das alles auch schon gesagt - ohne Vorwürfe. Er macht dann meistens sofort dicht und sagt, er sei ja so schlecht und ich würde sowieso Schluss machen. Darum geht es mir aber nicht, ich möchte einfach mehr gemeinsamen Sex. Habe ich ihm auch gesagt, da bezeichnet er mich dann ein bisschen spaßig als "Wollüstige" - da denke ich mir dann, "echt jetzt?". Ihm ist sein Pornokonsum auch peinlich - aber kaum bin ich aus der Tür raus...ich glaube manchmal die Pornos sind interessanter als unsere Sexualität - daher zweifle ich an seinem Interesse an mir. 

Übertreibe ich? Ist es wirklich so normal sich stundenlang an anderen Frauen "aufzugeilen"? Ich wäre schon mit einmal pro Woche Pornos zufrieden. Ich verstehe nicht, warum man mehr Pornos schaut als mit seiner Partnerin Sex haben zu wollen. Normalerweise ist das doch anders herum oder?

Vielen Dank für Ihr offenes Ohr und ich hoffe, Sie können mir ein paar Tipps geben.

Viele Grüße Clara P.

Liebe Clara P.,

ich kann gut verstehen, dass Sie das Verhalten Ihres Partners alarmierend finden und sich verzweifelt und hilflos fühlen. Sie sagen, dass Sie sich gegenüber den Pornos, die er guckt, zweit-oder drittrangig fühlen. Sie wünschen sich eine befriedigendere Sexualität und von ihm mehr sexuelles und zärtliches Interesse an Ihnen. Das ist berechtigt und verständlich!
Ihr Partner kann jedoch damit nicht "einfach" aufhören, denn bei ihm liegt definitiv eine Porno-Sucht vor. Er verbringt nämlich mehrere Stunden täglich mit dem Betrachten von Pornos, verheimlicht seine Sucht (weil ihm bewusst sein wird, dass keine Partnerin das akzeptieren würde), und kann nicht aufhören, obwohl zumindest ein Teil von ihm das gerne würde.


Zudem hat er, wie es typisch für pornosüchtige Männer ist, das Interesse an normaler Sexualität verloren. Das liegt daran, dass beim Ansehen von stark sexuellen, visuellen Reizen Dopamin ausgeschüttet wird, das Lustgefühle und Glück erzeugt. Dieser Glücksrausch ist sehr stark und wird anscheinend im Leben Ihres Freundes durch nichts anderes erzeugt: Sein Job ist stressig, partnerschaftliche Sexualität verblasst im Vergleich zu den Pornos und er macht wenig positive Erfahrungen in seiner Freizeit wie zum Beispiel ein leidenschaftlich betriebenes Hobby auszuüben (Fotografieren, Segeln, Saxophon spielen).


Die Folge davon ist, dass er Pornos gucken muss, um überhaupt ein Glücksgefühl zu empfinden – und genau das macht er wieder und wieder. Mit der Zeit gewöhnt er sich an diese starken Reize und muss die Dosis steigern. Deshalb braucht er auch Stunden vor dem Bildschirm, denn kürzere Frequenzen reichen ihm – wie anfangs- nicht mehr.

Leider führt die ständige Beschäftigung mit Pornos dazu, dass er das Interesse an "realer" Sexualität verloren hat. Im Vergleich zu der Überstimulation, die er beim Porno-Schauen erfährt, wirkt wirklicher Sex auf ihn langweilig und fade. Ihr Partner hat zudem, wie es typisch für Pornosüchtige ist, das Interesse an schönen Alltagsaktivitäten verloren. Warum sollte er sich anstrengen und etwas unternehmen, wenn er einfach nur an den Computer gehen kann und dabei tausendmal stärkere Reize erlebt? Möglicherweise kann er seinen Pornokonsum nicht mehr kontrollieren und geht auch bei der Arbeit zwischendurch mal kurz an den Rechner, um Pornos zu schauen – das ist (gerade als Arzt) gefährlich und kann ihn den Arbeitsplatz kosten.


Ich habe jetzt etwas ausgeholt und beschrieben, was mit Ihrem Partner los ist. Sie, als Partnerin, stehen jetzt vor dem Problem, dass Sie einen suchtkranken Lebensgefährten haben. Bei Sucht hilft es am besten, wenn man ganz klar die Sucht benennt und sich da nicht in Verleugnung begibt. Ich merke an Ihrer Beschreibung, dass Sie nicht verleugnen, weil Sie das Problem offen benennen und es nicht in Ordnung finden. Das ist schon mal wichtig. Auch suchen Sie Hilfe. Sie selbst können nichts dafür tun, damit Ihr Partner aufhört. Keine aufregenden Dessous oder Bitten werden ihm helfen. Die einzige Hilfe, die Sie ihm geben können, wäre es, wenn Sie immer wieder klar benennen, dass er ein Suchtproblem hat und sich professionelle Hilfe holen sollte. Er könnte ambulant eine Verhaltenstherapie machen, bei der die Therapeutin oder der Therapeut sich mit Sucherkrankungen und insbesondere Pornosucht auskennt. Oder er geht in eine Klinik, die auf Sucht spezialisiert ist (z.B. in die Oberbergkliniken im Weserbergland, Bad Herrenalb oder Bad Grönenbach (Helios Klinik). Die Begegnung mit den anderen Patienten und die Gespräche mit den Therapeuten wären ein wichtiger Schritt, um ihm die Augen zu öffnen und ihm zu zeigen, wie schwer er betroffen ist.
Wenn er sich nicht helfen lässt, wird es für Sie schwer. Denn Sie spüren hautnah, wie stark die Sucht ihn in den Fängen hat und sein Leben bestimmt. Das würde sich nicht zum positiven ändert, wenn er nichts dagegen unternimmt. Sie würden sich auch auf lange Sicht vernachlässigt fühlen und darunter leiden. Deshalb würde ich Ihnen raten, ein deutliches Ultimatum auszusprechen: Entweder Du lässt dich behandeln, oder ich bin weg.
Herzliche Grüße, Julia Peirano  


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Kommentare (3)

  • Lion-19
    Lion-19
    Frau Dr. Peirano hat eigentlich alles gesagt, was dazu zu sagen ist. Noch eine Anmerkung aus anderer Perspektive: Ich möchte von keinem Arzt behandelt werden, der abhängig ist von Alkohol, Medikamenten, Rauschgift oder Pornos. Dieser Arzt sollte schleunigst zum Arzt gehen.

    Liebe Clara, folgen Sie dem Rat von Frau Dr. Peirano: "Entweder Du lässt dich behandeln, oder ich bin weg." Glauben Sie ihm erst, wenn er seine spezielle Festplatte und andere Datenspeicher dauerhaft gelöscht und sein seltsames Abonnement gekündigt hat. Einem Alkoholiker würden Sie auch nicht glauben, wenn er seine Schnapsflaschen aus dem Kühlschrank entfernt und stattdessen im Werkzeugschrank untergebracht hat. Bleiben Sie hart! Einem Süchtigen hilft man nicht durch Nachgeben.

    Alles Gute für Sie
    Gerd

    PS: Drehen Sie doch einmal einen ganz privaten Porno mit ihm;-).
  • widemax
    widemax
    Junge frau ich denke ihr freund hat vollkommen recht
    er reagiert durch Stress auf ganz kompensierte weise durch internet um sich zu entlasten
    Sie aber sie denken nur an das eine
    ausserdem nach zwei Jahre ist sowieso sex immer weniger zu bekommen
    aber ich möchte nicht von ihm als Arzt behandelt werden so ein person als Arzt ist krank
    dann kommt die frage wie krank sind manche ärzte oder noch nicht gewordene ärzte eigentlich
  • Nikk
    Nikk
    @

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