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Wie Kinder unter Trennungen leiden: Lassen Sie uns über Scheidung sprechen!

Wenn Eltern sich scheiden lassen, ist das für die Familie eine schwere Belastung. Die Erwachsenen und die Kinder können unter der neuen Situation leiden. Die Verhaltenstherapeutin Julia Peirano will mit den stern-Lesern über dieses wichtige Thema diskutieren.

Kinder leiden unter der Scheidung

Kinder leiden unter der Scheidung der Eltern

Liebe Frau Dr. ,

ich lese Ihre Beiträge regelmäßig, und bei einigen Problemen oder Kommentaren der Leser bleibt mir echt die Luft weg. So viele Leute mit Kindern gehen fremd, verlieben sich neu, machen ihr eigenes Ding, ohne überhaupt daran zu denken, was sie ihren Kindern damit antun.

Ich bin 21. Meine Eltern waren nie glücklich miteinander. Als ich klein war, haben sie sich wegen jeder Kleinigkeit gestritten, und manchmal ist auf Ausflügen einer von ihnen einfach alleine weggefahren. Ich hatte immer einen Klumpen im Magen. Mein Vater hat meine Mutter betrogen, als ich 12 war. Ich war diejenige, die an unseren Computer ging und nichtsahnend auf seinem Email-Account Liebesmails von dieser Frau fand. Meine Mutter fand es kurz darauf selbst heraus und die beiden stritten sich monatelang, dann ging mein Vater. Er lebte einige Jahre mit der Trennungs-Tussi zusammen, ich habe sie gehasst. Wenn ich meinen Vater besuchen wollte, war die neue "Freundin" mit ihrer Tochter immer da, mein Vater hat kaum etwas mit mir alleine unternommen. Vorher waren wir sehr eng, und wir waren fast jedes Wochenende zusammen unterwegs. Nun sah ich ihn nur noch zusammen mit dieser komischen Tante, die ihre eigene Tochter aufs übelste bevorzugte. Sie leierte meinem Vater Geld für Reitstunden für ihre Tochter aus der Tasche, aber ich konnte das alte Fahrrad von ihr haben. In Familienurlauben wollte sie, dass ich auf einen Ponyhof oder in ein Camp geschickt werde, damit sie mit meinem Vater und ihrer Tochter verreisen konnte.


Mein Vater trennte sich dann irgendwann von ihr und hatte danach unzählige Liebschaften, seine Freundinnen wurden immer jünger (mein Vater ist 46, die Freundinnen sind so 28). Die meisten Frauen sind langweilig, Typ Barbie. Zwei mochte ich, mit denen hörte ich Musik oder ging shoppen. Aber nach ca. einem Jahr trennte er sich und ich habe sie nie wieder gesehen. Wenn mein Vater eigentlich ein Wochenende mit mir hatte, sagte er öfters ab, weil er doch eine Verabredung mit einer Frau hatte. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Manchmal wollte ich auch nicht zu ihm und verbrachte das Wochenende mit Freundinnen. Es tat oft weh, heile Familien zu sehen. Ich war in meiner Jugend oft traurig deswegen, später erst habe ich es geschafft, wütend zu sein.

Geldsorgen nach der Scheidung

Meine Mutter lebte nach der mit ständigen Geldsorgen. Sie musste aus unserem Haus ausziehen und voll arbeiten gehen. Sie war ständig müde und gestresst, hat abends oft geweint, wenn sie dachte, dass ich es nicht sah. Das Geld reichte nie. Meine Freundinnen aus heilen Familien fuhren in den Urlaub, und ich konnte in den Ferien jobben. Ach ja, und meine Eltern stritten sich ständig, wenn sie miteinander zu tun hatten. Mein Vater hat meine Mutter als schlecht gelaunte, kontrollsüchtige Zicke gesehen. Meine Mutter fand meinen Vater einen "notgeilen, unreifen Egoisten, der sich vor jeder Verantwortung drückt". Toll, so etwas über seine Eltern zu hören.

Bei meinen engsten Freundinnen war es auch nicht besser: Der Vater einer Freundin war mit der Klassenlehrerin durchgebrannt und versuchte, meine Freundin mit teuren Geschenken zu kaufen. Er zog in eine andere Stadt, 300 km entfernt, und sie sahen sich nur noch selten. Sie hasste die Treffen mit ihm und hat uns Freundinnen immer mitgenommen, damit sie Verstärkung hatte.

Meine Mutter war verzweifelt auf Partnersuche. Als Mittvierzigerin mit Kind hatte sie nicht so gute Chancen wie mein Vater. Das ist für meine Zukunft auch super, dass ich jetzt schon mal weiß, dass ich mit Kind und mit Mitte 40 nichts mehr wert bin. Die Typen meiner Mutter waren dementsprechend scheiße, wie von Rudis Resterampe. Einer trank, und auch als meine Mutter es wusste, dauerte es noch lange, bis sie sich trennen konnte. Ein anderer war ein Pädo, er glotzte mir immer in den Ausschnitt und auf den Hintern, als er bei uns übernachtete. Ich habe immer mein Zimmer abgeschlossen. Meine Mutter hat mich nie gefragt, ob ich die Typen mag, mit denen sie zusammen war, oder ob sie bei uns wohnen konnten. Es war auch MEIN Zuhause, und ich konnte nicht weg, aber ich musste mit diesen Typen zusammen leben. Einige waren mir schrecklich peinlich vor meinen Freunden, und ich habe einige Zeit niemanden zu uns nach Hause gebracht. Ganz toll waren meine Konfirmation, mein 18. Geburtstag, meine Abifeier. Meine Eltern haben sich jedes Mal wochenlang gestritten, meine Mutter hat geweint und war gestresst. Ich hatte Angst, dass die beiden sich vor allen Gästen streiten und wusste nicht, was ich machen wollte.

Ich könnte noch stundenlang weiter schreiben, weil es mich einfach wütend macht, dass die Trennungen ihrer Eltern ausbaden müssen. Das ist bei den meisten meiner Freundinnen so, deren Eltern getrennt sind. Nach außen hin wirkt es toll und unproblematisch, aber dahinter leiden die Kinder. Ich habe mich irgendwann geritzt, weil ich niemanden hatte, mit dem ich reden konnte. Meine Eltern waren nur mit sich und ihren Problemen beschäftigt. Eine Weile lang habe ich viel gekifft. Ich habe mit 18 eine Therapie begonnen, das hat mir sehr geholfen. Jetzt wohne ich weit weg von beiden Elternteilen, studiere und lasse diese Zeit endlich hinter mir. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen meiner Mutter gegenüber, sie alleine zu lassen.

Ich möchte keine Antwort und keinen Rat von Ihnen, Frau Peirano. Ich habe meine Therapie und meine Freunde. Ich wollte Sie nur bitten, das hier mal zu veröffentlichen, damit die Eltern darüber nachdenken, was sie ihren Kindern antun, wenn sie sich trennen und danach nur an sich denken.

Viele Grüße Carolina S.

Liebe Carolina S.,

ich danke Dir sehr herzlich für Deinen Mut, Deine Geschichte mit uns zu teilen. Ich freue mich für Dich, dass Du Dich von den Belastungen Deiner Eltern schon etwas befreit hast! Ich wünsche Dir aus ganzem Herzen, dass Du die negativen Erlebnisse gut verarbeiten kannst und trotz allem mit klarem Kopf und mit Zuversicht in Dein eigenes Leben starten kannst!

Alles Gute für Dich Herzliche Grüße, Julia Peirano

Liebe Leserinnen und Leser,

Carolina hat ein wichtiges Thema eingebracht. Trennungen und Scheidungen der Eltern sind weit verbreitet. Einige schrecken vor den Konsequenzen zurück und bleiben, der Kinder zuliebe, in einer unglücklichen Ehe. Andere gehen vielleicht zu früh, auch wenn die Beziehung sich noch retten ließe.
Die Folgen für die ganze Familie, und besonders für die Kinder, werden oft unterschätzt.
Deshalb möchte ich Sie an dieser Stelle zur Diskussion einladen und eigene Meinungen und Erfahrungen zu den Themen: "Wie geht es Kindern nach der Trennung der Eltern" und "Worauf sollte man achten, damit die Schäden für die Kinder gering sind" beizutragen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

Kommentare (27)

  • Frankfurterin
    Frankfurterin
    Ich halte es für falsch den Kindern etwas vorzulügen („Heile Welt“) wenn diese nicht mehr existiert oder noch schlimmer sie in einer zerrütteten Welt aufwachsen zu lassen.

    Ich könnte nicht damit leben, wenn meine Eltern für „mein Wohl“ ihr eigenes vergessen hätten. Ich finde alle haben das Recht glücklich zu sein, nur so kann ein Kind „glücklich“ leben lernen, denn das lässt sich nicht durch Bücher oder Worte beibringen.
  • Frankfurterin
    Frankfurterin
    Es ist auch interessant, zu lesen wie man „für die Kinder“ um jeden Preis zusammen bleiben muss.
    Ich bin Ende 20, verheiratet und habe selbst keine Kinder. Meine Eltern haben sich vor über 20 Jahren getrennt. Ich habe sie in meiner Erinnerung genau ein Mal streiten sehen. Kurz darauf ist meine Mutter mit mir wieder zu ihren Eltern gezogen. Mit Sicherheit, war die Zeit damals nicht einfach für alle Beteiligten, ich als Kind habe wenig davon mitbekommen, meine Eltern haben sich vor mir nie wieder gestritten und haben auch nie über den jeweils anderen ein schlechtes Wort verloren. Meine Mutter hat mir kurz darauf Ihren neuen Partner vorgestellt. Dieser Mann ist seit über 20 Jahren in meinem Leben und ich bin froh und dankbar, dass es ihn gibt. Er hat so vieles für mich und meine Mutter getan und mich nie hinter seine leibliche Tochter (meine Schwester), die er mit in die Ehe gebracht hat, gestellt. Ohne ihn wäre ich nicht da wo ich jetzt bin, ohne ihn wäre ich ein anderer Mensch an einem anderen Ort geworden. Ich bin glücklich in meinem Leben ob ich es sonst auch wäre kann man nicht wissen. Meine leiblichen Eltern sind von Grund auf unterschiedliche Menschen die sich jung kennen gelernt haben und jung ein Kind bekommen mussten. Ihre Trennung war eine absolut richtige Entscheidung sowohl für die beiden als auch für mich als Ihre Tochter. Das kann ich natürlich nur aus meiner Perspektive betrachten und bewerten, aber da es hier um Scheidungskinder geht, ist meine wohl keine falsche.

    Ob alle immer alles richtig gemacht haben? Ich kann es aus alleine meinem Standpunkt nicht beurteilen, ich bin mir nur absolut sicher, dass ich es viel besser hatte mit dem Vorbild einer glücklichen Familie meiner Eltern (Mutter und Ziehvater) zu leben.


  • STERNstunde
    STERNstunde
    Es ist interessant, wie viele Menschen hier die Dinge anderer kommentieren. Wirkliche Begegnung scheint mir hier schwerlich möglich.

    Ich lebe seit über drei Jahren in Trennung.
    Wir haben immer wieder das Instrument der Mediation benutzt, um die Kinder in den Fokus zu bekommen. Das leidliche anscheinende Zerren wollten wir nie.
    Wir haben auch versucht, die Kinder nicht zu benutzen als Mittel zum Zweck. Natürlich gab es auch Streitereien ums Geld und um Betreuung. Wichtig finde ich jedoch immer, dass man ganz für die Kids da ist wenn man mit ihnen zusammen ist.

    Ich habe ihnen meine neue Freundin auch erst nach über 9 Monaten vorgestellt, da ich genau weiß, dass sich Kinder einmal, vielleicht ein zweites Mal neu binden. Das hat die Autorin ja eindrücklich beschrieben, wie schwer das für sie war.

    Ich finde Eltern, wenn sie sich so verhalten und ihre "Liebschaften" gleich den Kindern zumuten, auch etwas naiv.
    Welches Verständnis von Liebe ist da vorhanden?

    Ich bin so glücklich, wenn ich mit meinen beiden Töchtern zusammen bin und freue mich über jede freie Minute mit ihnen. Und gelegentlich auch mit meiner Freundin und ihren Kindern. Aber nur, wenn es passt.
  • Nessy87
    Nessy87
    Lese ich das richtig??
    Die meisten sagen, dass man sich bloß nicht trennen soll, der Kinder weg?
    Habt ihr sie noch alle?????
    Beantwortet euch doch selbst mal die Frage, Würdet ihr mit eurem Partner noch zusammen leben wollen, wenn.. er/sie betrogen hat, sein/ihr leben komplett ändern will? aggressiv gegenüber euch oder Kindern ist... 1000 andere Gründe.


    10 Jahre lang habe ich diesen Terror meiner Eltern mitgemacht, sie wollten sich nicht trennen, meinetwegen. Damit ich es gut habe!! Was habe ich davon? Ich bin hochgradig depressiv, bin unfähig eine Beziehung einzugehen und Kinder will ich schon gar nicht.

    Ich wurde als Ball immer hin und her geworfen, emotional manipuliert. Meine Gefühle, Ängste oder Sorgen? Das war egal.
    Als meine Mutter endlich auszog, allerdings nur berufsbedingt, legte es sich ein wenig, aber kam nie zur Ruhe. Noch heute muss ich mir anhören, deine Vater hat... deine Mutter hat.

    Ich hätte mir nichts sehnlicher gewünscht, dass sie sich sofort getrennt hätten!!!


  • Corwin
    Corwin
    Zitat von Noblesse:
    "Die Schreiberin leidet nicht unter der Trennung ihrer Eltern, sie leidet unter ihren Eltern."

    Dieser Satz ist für mich der Schlüssel zu ganzen Problematik. Eltern, die zusammen bleiben, aber nicht in der Lage sind, miteinander Glück und Zufriedenheit zu zeigen oder zumindest glaubhaft vorzutäuschen, stellen für Kinder eine massive Belastung dar, die in meine Augen nicht besser ist als die einer Trennung. Und ein Kind, dass in einer Atmosphäre der latenten Spannungen aufwächst, findet nicht die Geborgenheit, die es braucht. Wenn sich ein Elternteil als Totalausfall erweist, ist das auch bereits innerhalb der Familie ein Problem.
    Und wenn die Eltern zu ihren Kindern stehen, auch wenn sie untereinander nicht mehr klar kommen, dann gibt es bei Trennungen die Chance, den Kindern langfristig Schädigungen zu ersparen, auch wenn Schmerzen nicht vermieden werden können.
    Es ist unbestreitbar, dass eine intakte Familie die beste Situation für alle Beteiligten ist. Die Augen vor der Realität zu verschliessen und im Falle eines Scheiterns fleissig Schuld zu verteilen, erschwert oft aber eine möglichst schonende Lösung. Wird der Expartner zum Monster erklärt, kann er kaum mehr seine Aufgaben dem Kind gegenüber wahrnehmen, selbst wenn er es wollte.
    Da würde ich mir mehr Bereitschaft wünschen, Lösungen zu suchen, anstatt Konflikte auf dem Rücken der Kinder auszutragen.

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