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"Seit der Geburt des dritten Kindes kriselt unsere Ehe und wir haben kaum noch Sex"

Simon und seine Frau stecken in der Krise: Seit die drei Kunder auf der Welt sind, besprechen sie nur noch Orga-Themen. Nähe, Intimität oder Sex gibt es kaum noch. Wie kann das Paar diesen Teufelskreis durchbrechen? Julia Peirano weiß Rat.

Sexflaute nach dem dritten Kind

Sexflaute nach dem dritten Kind

Liebe Frau Peirano,

meine Frau und ich sind seit 20 Jahren zusammen. Seit der Geburt des dritten Kindes ist bei uns die Luft raus. Unsere Kinder sind 13, 9 und 7. Am Anfang dachte ich, dass es normal ist, wenn man mal eine Weile nicht so viel miteinander unternimmt und wenig Sex hat. Drei Kinder beschäftigen einen rund um die Uhr, und im Job habe ich auch viel zu tun. Meine Frau arbeitet halbtags. Aber die Jahre vergingen, und es wurde nicht besser. Wir reden kaum miteinander, wir unternehmen wenig zusammen und Sex gibt es, wenn es hoch kommt, einmal im Monat.


Meine Frau hat eigentlich nur gute Laune, wenn sie mit ihren Freundinnen ausgeht oder wenn sie beim Yoga war. Wenn ich abends nach Hause komme, ist meistens miese Stimmung, und sie beschwert sich darüber, was am Tag alles stressig war. Abends sehen wir meistens einen Film oder sie surft auf dem I-Pad. Wir können über organisatorische Dinge gut reden und sind auch ein sehr gutes Team. Aber der Ton bei uns zuhause ist nicht sehr freundlich, das vermitteln mir meine Schwester und ein guter Freund.


Ich möchte die Ehe und die Familie nicht aufgeben, aber ich bin auch nicht bereit, so ewig weiter zu machen. Können Sie mir ein paar Hinweise geben, wie wir unsere Ehe wieder beleben können?

Vielen Dank und freundliche Grüße, Simon P.

Lieber Simon P.,

es geht vielen Paaren so wie Ihnen. Kinder, der Haushalt, der Beruf und der oft vollgepackte Alltag fordern ihren Tribut, und oft bleibt in der Partnerschaft die Nähe auf der Strecke.
Im Grunde genommen ist es in Partnerschaften nicht viel anders als in Freundschaften: Man muss sie pflegen. Und dafür braucht man Zeit, Achtsamkeit und Fürsorge.
Wie wäre es, wenn Sie zuerst einmal Ihre Frau fragen, wie Sie die Beziehung zwischen Ihnen beiden einschätzt? Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Ihre Frau auch unzufrieden ist, sonst hätte sie bessere Laune und wäre Ihnen gegenüber offener und zugewandter. Gibt es Verletzungen in der Vergangenheit, die zwischen Ihnen stehen? Es hätte höchste Priorität, diese aufzuarbeiten, am besten bei einer Paartherapeutin.

Die zentrale Frage, die Sie mit ihr besprechen sollten, ist die: Sind Sie beide bereit, einiges an Zeit und Mühe zu investieren, um Ihre wieder zu beleben? Oder hat Ihre Frau innerlich schon mit Ihnen abgeschlossen? Vielleicht könnten Sie ihr sagen, was Sie an ihr schätzen, was Sie beide verbindet und warum es Ihnen wichtig ist, dass Sie einander wieder näher kommen.

Spielregeln für die Liebe

Wenn Ihre Frau dazu bereit ist, an Ihrer Ehe zu arbeiten, könnten Sie beide folgende 'Spielregeln' beachten:

Hören Sie sich selbst aufmerksam zu, wenn Sie mit Ihrem Partner reden. Schauen Sie sich doch selbst einmal über die Schulter. Wie klingt Ihre Stimme, wenn Sie mit Ihrem Partner sprechen? Sind Sie eher kurz und sachlich oder vielleicht auch vorwurfsvoll und anklagend? Sind Sie aufmerksam und hilfsbereit, oder rollen Sie (sichtbar oder nur innerlich) mit den Augen, wenn Ihr Partner Sie um etwas bittet oder Ihnen etwas erzählt?

Wenn Sie herausgefunden haben, was Sie selbst zu der schlechten Stimmung beitragen, versuchen Sie, konsequent daran zu arbeiten. Auch wenn es schwer fällt und Sie genau so viele Fehler an Ihrer Frau bemerken: Bleiben Sie am besten bei sich und bemühen sich darum, selbst liebevoller zu sein. Es ist immer einfacher, sich selbst zu verändern, als den Partner ändern zu wollen.

Auch wenn Sie sehr unzufrieden mit Ihrer Beziehung sind und einiges zu kritisieren haben, macht der Ton die Musik. Auch wenn es auf den ersten Blick banal wirkt, kann die VW-Regel Wunder bewirken, wenn Sie konsequent angewandt wird. Die Regel gibt vor, dass Vorwürfe in Wünsche umformuliert werden. Und schon wird aus: "Nie bringst du mir Blumen mit, obwohl ich mich den ganzen Tag hier abrackere" ein freundliches: "Schau mal, was für schöne Blumen ich mir heute gekauft habe. Aber um ehrlich zu sein würde ich mich sehr freuen, wenn du mir auch ab und zu Blumen mitbringen könntest."
Aus: "Mit dir ist ja nichts anzufangen. Du hängst die ganze Zeit auf dem Sofa" wird ein "ich finde es schade, dass wir so wenig zusammen unternehmen. Ich würde gerne mal wieder mit dir abends spazieren gehen und irgendwo einkehren." Sehr schön ist, dass die VW-Regel in die Zukunft gerichtet und konstruktiv ist, während Vorwürfe zu ewigen Rechtfertigungen und Gegenangriffen führen.
Die VW-Regel sorgt dafür, dass man dem Partner Respekt zeigt. Er wird als geschätzter Partner auf Augenhöhe angesprochen, von dem man sich etwas wünscht. Das führt dazu, dass der Partner in der Regel viel bereiter ist, zuzuhören und zu kooperieren.

Lob und Kritik in der Beziehung

Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, den Partner zu wertschätzen. Beobachten Sie doch einmal, in welchem Verhältnis bei Ihnen negative Äußerungen (Kritik, Weghören, Unterbrechen, Vorwürfe…) zu positiven Äußerungen (Lob, Zustimmen, Lachen, Vorschläge weiterführen, Verständnis zeigen) stehen. In guten Partnerschaften ist das Verhältnis von positiven zu negativen Äußerungen 4 zu eins! Überlegen Sie sich doch einmal, was Sie an Ihrer Frau mögen und bemühen Sie sich, das auch zu sagen. Zu loben gibt es sicher vieles, wenn Sie aufmerksam hinschauen.

Erst wenn der Ton zwischen Ihnen beiden etwas besser geworden ist, lohnt es sich, eine gemeinsame Unternehmung zu planen. Ich befürchte nämlich, dass Ihre Beziehung momentan so im Minus ist, dass Sie beide nicht die geringste Lust haben, etwas miteinander zu unternehmen. Wenn es zu Hause schon so unerträglich langweilig und zäh ist, wie sollte es dann sein, wenn man ohne I-Pad und häusliche Pflichten im Restaurant sitzt und einander ausgeliefert ist?.

Deshalb würde ich Ihnen empfehlen, erst einmal mit kleinen, aber beständigen Schritten zu Hause für bessere Stimmung zu sorgen. Bringen Sie einfach mal eine kleine Überraschung mit nach Hause, kochen Sie mal wieder das Lieblingsgericht von früher, besorgen Sie einen guten Film, den Sie beide lustig oder spannend finden oder schicken Ihr eine lustige oder nette Nachricht von der Arbeit. Hören Sie Ihrer Frau aufmerksam zu und zeigen Sie Verständnis. Oder sagen Sie ihr ehrlich, warum Sie an einem bestimmten Thema nicht interessiert sind und schlagen Sie ein anderes Thema vor. Wenn Ihre Frau sich zum Beispiel immer wieder über die gleichen Probleme bei der Arbeit beschwert, können Sie ihr sagen, dass es sie anstrengt, abends nach Ihrer Abend noch Beschwerden über Dinge anzuhören, die sich nicht verändern werden. Durch Ihre Ehrlichkeit kommen Sie wieder in Kontakt mit Ihrer Frau, das ist besser, als wenn Sie halbherzig oder genervt zuhören.

Wenn die Stimmung zwischen Ihnen beiden freundlicher ist, können Sie kleinere Unternehmungen zu zweit planen. Erinnern Sie sich doch mal daran, was Sie früher gerne zusammen gemacht haben. Am besten halten Sie Ihre Erwartungen bewusst niedrig und nehmen den Abend so, wie es kommt. Wenn Sie zu viel erwarten, bauen Sie nur Druck auf. Es ist doch ein Fortschritt, wenn Sie nach vielen schwierigen Jahren überhaupt wieder etwas zusammen unternehmen und ins Gespräch kommen. Sicher wäre es mittelfristig wichtig, zusammen zu verreisen, um in einer neuen Umgebung abseits von Elternzetteln, streitenden Kindern und Gartenarbeit wieder etwas Zeit zusammen zu haben.

Ich hoffe, dass die Anregungen Ihnen helfen, Ihre Beziehung zu verbessern!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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Kommentare (1)

  • Paul-Merlin
    Paul-Merlin
    20 Jahren Ehe, 3 Kinder. Das ist in der Tat keine gute Basis für eine leidenschaftliche Partnerschaft. Der Alltagstrott, permanente Verpflichtungen, nicht zu vergessen die mit der großen Kinderzahl verbundenen finanziellen und räumlichen Einschränkungen, killen so ziemlich jede Spontanität. Da schleifen sich dann auch schnell Respektlosigkeiten in der Partnerschaft ein, die den Abwärtstrend verstärken. Die "Giftpfeile" sind dann quasi irgendwann das einzige belebende Element der Partnerschaft. Auswege? Gibt es wohl leider so gut wie keine. Ein Seitensprung führt häufig ins finanzielle Desaster. Aus einem finanziell bereits engen Haushalt entstehen zwei Hartz IV-Haushalte. Die Einschaltung eines Eheberaters wird Konflikte und Unzufriedenheiten häufig erst recht explodieren lassen, neben dem Eheberater verdienen nur noch der Scheidungsanwälte am häuslichen Elend. Gleichwohl gibt es Hoffnung, wenn die Partner durchhalten. Irgendwann stehen die Kinder hoffentlich auf eigenen Beinen. Eine gemeinsame Lebensleistung wurde erbracht, auf die beide Partner stolz sein können. Zeitlich und finanziell werden die Spielräume wieder größer. Wenn dann noch Gemeinsamkeiten existieren, kann aus der auflebenden Freundschaft auch das gegenseitige erotischen Interesse wieder wachsen.

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