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Mit dem Fahrrad von Indien nach Schweden, der Liebe wegen

Eine Geschichte wie ein Märchen: Indischer Junge aus der verstoßenen Kaste der Unberührbaren lernt schwedische Adelstochter kennen, die beiden verlieben sich. Anschließend machte er sich per Rad auf den Weg in ihre Heimat, 7000 Kilometer weit.

  Die lange Radtour hat sich gelohnt: PK Mahanandia und Charlotte von Schedvin frisch verheiratet

Die lange Radtour hat sich gelohnt: PK Mahanandia und Charlotte von Schedvin frisch verheiratet

Es ist Ende des Jahres 1975, als sich Charlotte von Schedvin und PK Mahanandia in Delhi kennenlernen. Die 20-jährige Schwedin ist auf Reisen mit Freunden, 22 Tage lang sind sie den Hippie-Trail entlang der Seidenstraße nach Indien gefahren. Mahanandia ist zwar arm wie eine Tempelmaus, hat jedoch den Ruf, ausgezeichnete Porträts zu zeichnen. Sie bittet ihn um eins. Sie, eine blauäugige und blaublütige Blondine, er, armer Kunststudent und sein Leben lang herumgeschubst und ausgeschlossen, weil er der niedrigsten Gruppe des indischen Kastenwesen angehört, den Unberührbaren. Unterschiedlicher kann die Herkunft von zwei Menschen kaum sein, doch die beiden verlieben sich. Sie verbringen einen fantastischen Monat zusammen, bevor von Schedvin zurück nach Hause muss, nach Borås in Schweden. 

Mahanandia verspricht, die Frau, die er liebt, zu heiraten. Koste es, was es wolle. Er versilbert alles, was er besitzt, um sich ein Fahrrad zu kaufen. Danach hat er noch rund 70 Euro für seine Reise übrig. 

7000 Kilometer mit dem Rad

Mahanandia radelt los. Durch die Wüsten von Pakistan, Afghanistan und Iran. Er schläft in Beduinenzelten, Jugendherbergen oder, am Kaspischen Meer, unter freiem Himmel. Mehr als vier Monate ist er unterwegs, während derer er und Charlotte sich stets Briefe schrieben. Das war vor gut 40 Jahren.

Heute weckt die Geschichte dieser außergewöhnlichen Liebe das Interesse von Filmproduzenten und rührt in den sozialen Medien die Herzen Tausender Menschen. Denn das Paar ist noch immer zusammen, noch immer glücklich verheiratet und hat zwei große Kinder, Sid und Emelie.

Der Besuch des Schulinspektors

Als Mahanandia neun Jahre alt war, hatte er ein Schlüsselerlebnis, wie er CNN erzählte. In die Unberührbaren-Kaste geboren, wurde der Junge von seinen Landsleuten gemieden, sogar in der Schule musste er vor dem Klassenzimmer sitzen. "Ich war weniger wert als Hunde und Kühe", sagt er. "Wenn ich in die Nähe des Tempels kam, warfen die Menschen mit Steinen nach mir. So etwas vergisst man nicht", erinnert er sich mit tränenerstickter Stimme an die Zeit der Peinigung.

Eines Tages durfte er ganz hinten im Klassenzimmer sitzen, aber natürlich niemanden berühren, weil die anderen sonst "vergiftet" würden. Ein britischer Schulinspektor kam mit seiner Frau zu Besuch. Nach einem fürstlichen Willkommensgruß schenkte der Inspektor seine Blumengirlande einem Mädchen in der ersten Reihe. Seine Frau hingegen ging durch den ganzen Raum und schenkte ihre Mahanandia. "Sie konnte sehen, dass ich ein Aussätziger bin", so Mahanandia. "Sie berührte meinen Kopf und sagte: 'Dein schönes lockiges Haar.' Ich war glücklich, aber musste auch weinen. Es war wie ein kleines Licht in meiner dunklen Höhle."

Das Horoskop aus dem Palmwedel

Mahanandia lief stolz mit der Girlande zu seiner Mutter nach Hause und sagte: "Mama, ich liebe die Frau des Schulinspektors." Die Antwort seiner Mutter beeinflusste Mahanandias weiteres Leben: Sie zeigte ihrem Sohn ein Horoskop aus einem Palmwedel und sagte, er würde "eine weiße Frau aus einem weit entfernten Land heiraten". Sie wäre ebenfalls vom Sternzeichen Stier, liebe Musik und besäße einen Dschungel, so die Prophezeiung. "Wir werden keine Ehe für dich arrangieren", zitiert er seine Mutter, was damals sehr ungewöhnlich war.

Als von Schedvin dann 17 Jahre später ein Porträt von sich malen lassen wollte, hatte Mahanandia keinen guten Tag. Die beiden verabredeten, dass sie am nächsten Tag wiederkommen solle. Plötzlich dämmerte es dem Künstler: War sie vielleicht diejenige, welche? Am folgenden Tag stellte er ihr die entscheidenden Fragen – und sie war Stier, spielte Klavier und ihre Familie besaß Wälder. Mahandandia erzählt: "Ich sagte: 'Es wurde im Himmel entschieden, das wir füreinander bestimmt sind." Sie war schockiert." Doch sie folgte ihrem Bauchgefühl, begleitete Mahanandia zu seinem Vater in Odisha und das Paar erhielt die Stammes-Segnungen.

"Wenn ich mit ihr zusammen war, fühlte ich mich riesengroß. Ich war nicht länger aussätzig. Es hat meine Haltung mir selbst gegenüber verändert." Nach einem Monat musste von Schedvin zurück und Mahanandia hatte noch ein Jahr Kunsthochschule vor sich. Doch die Basis für die Liebe ihres Lebens war gegründet. Das Horoskop sollte Recht behalten.

bal
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