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Wie richtiges Streiten die Beziehung rettet

Unterschiedliche Freizeitinteressen zählen zu den häufigsten Beziehungsproblemen, ergibt eine Umfrage des stern. Wie Paare solche Differenzen regeln, erklärt Paartherapeut Kurt Hahlweg.

Herr Hahlweg, streiten glückliche Paare seltener?
Nein, sie streiten auch und genauso heftig wie die nicht so glücklichen Paare. Der Unterschied liegt in der Art des Umgangs miteinander. In guten Beziehungen können die Partner ihre Kritik so formulieren, dass sie den Anderen nicht als Person verurteilen. Sie kritisieren das Verhalten, die Äußerungen und auch die Taten des Anderen, aber nicht seinen Charakter.

Nennen Sie bitte ein Beispiel!
Paare, die gut kommunizieren, sagen einander nicht: "Du bist so egoistisch. Das ist mal wieder typisch!" Sie bleiben bei ihren eigenen Gefühlen und bei der konkreten Situation. Etwa so: "Dies und jenes ist mir sehr wichtig. Es kränkt mich, dass du darauf keine Rücksicht nimmst." Diese Art des Umgangs klappt bei etwa der Hälfte aller Paare ganz gut. Die sind gewissermaßen Naturtalente. Die andere Hälfte muss es lernen, wenn sie denn will.

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, richtig zu streiten?
Das liegt am Erziehungsstil, der hierzulande sehr verbreitet ist. Schauen Sie sich mal auf einem Spielplatz um oder in einer Schule. Viele Eltern und Pädagogen erziehen Kinder mit negativer Kritik. Sie verallgemeinern Aussagen: "Marlene, kannst du nicht einmal zuhören?". Oder sie verurteilen die Persönlichkeit des Kindes ("Lukas ist böse") und drohen den Kindern mit Liebesentzug oder anderen Strafen. Das Schlimme dabei: Diese Methoden funktionieren oft sehr gut. Das Kind gehorcht. Doch es hat verinnerlicht, dass Konflikte mit negativen Gefühlen belastet sind. Später wird es in einer Liebesbeziehung versuchen, den Anderen ebenfalls nach seinen Wünschen mit negativer Kritik zu formen.

Wie läuft ein misslungener Streit ab, der die Beziehung gefährden kann?
Am Anfang steht irgendeine Kleinigkeit. Beispielsweise ist einer der Partner chronisch unpünktlich. Der Andere regt sich immer wieder darüber auf, ohne dass sich etwas ändert. Manche Paare spielen dieses Spiel zehn oder fünfzehn Jahre lang. Allmählich wächst der Frust. Und es kommen andere Kritikpunkte hinzu: "Wie du mit meiner Mutter umgehst!", "Wie du das Geld zum Fenster raus wirfst!" - und so weiter und so fort. Ein Zwangsprozess kommt in Gang, bei dem immer mehr negative Gefühle mit dem Partner verbunden werden. Das Gehirn lernt, das Verhalten und die Äußerungen des Partners negativ zu finden. So trainiert man sich langsam eine Art Reflex an. Wird dieser Prozess nicht gestoppt, folgt oft die Trennung. Die Partner sagen dann gern, dass sie einfach nicht zusammen passen. Dabei scheitern die meisten Beziehungen nicht an dramatischen Unterschieden der Partner, sondern an dem Unvermögen, mit den banalen Unterschieden richtig umzugehen.

Was ist das Grundproblem der Paar-Kommunikation?
Die Partner machen zu wenige "weiche" Gefühlsäußerungen wie "Ich fühle mich nicht anerkannt...", "Ich bin verletzt...", "Ich fühle mich vernachlässigt...". Vor allem Männern fallen solche Sätze schwer, weil sie sich damit angreifbar machen. In Streitigkeiten zwischen Partnern wird die wichtigste Aussage deshalb oft ausgespart. Laut ausgesprochen wird: "Ich bin stinksauer, weil du das Bad nicht geputzt hast." Gemeint ist aber: "Ich bin traurig, weil das ungeputzte Bad ein Zeichen für mich ist, dass du meine Bedürfnisse nicht wertschätzt." Das Bad ist nicht das Problem. Eigentlich geht es immer um die Frage: Respektierst, achtest und liebst du mich noch? Dazu gehört auch, unveränderliche Kleinigkeiten zu akzeptieren. Nehmen wir das schon erwähnte Beispiel des Pünktlichkeit fordernden Partners: Ganz am Anfang der Krise hätte er sich fragen müssen, ob Pünktlichkeit wirklich lebenswichtig für ihn ist. Falls nicht: akzeptieren und abhaken!

Der US-Psychologe John Gottman machte Schlagzeilen, weil er die Haltbarkeit von Ehen anhand des Streit-Stils voraussagte. Mit einer Trefferquote von 90 Prozent prophezeit er, ob die Beziehung die nächsten drei bis fünf Jahre überstehen wird. Gottmans Bücher sind auch bei uns Bestseller. Was ist von seiner Methode zu halten?
John Gottman ist ein hervorragender Wissenschaftler, der die Erforschung der Paar-Kommunikation maßgeblich beeinflusst hat. Allerdings betreibt er ein eigenes Unternehmen, in dem er Workshops für Paare anbietet. Das "Gottman Institute" in Seattle ist sehr kommerziell ausgerichtet. Die wissenschaftliche Grundlage der Kurse ist seit zehn Jahren nicht mehr unabhängig überprüft worden. Gottmans Erfolge sind wirklich beachtlich, aber man kann sich wissenschaftlich gesehen nicht mehr darauf verlassen. Ich selber meine, dass wir Psychologen nicht so gut darin sind, den Verlauf einer Beziehung vorherzusagen. Viele Paare überraschen mich. Mit einer Ausnahme: Bei den "Kühlschrank-Paaren", wie ich sie nenne, ist meistens nicht mehr viel zu retten. Die kommen in meine Therapie-Sitzung, sind unglaublich höflich zueinander, aber eiskalt. Sie haben das Interesse aneinander verloren, vermeiden eine echte Kommunikation. Das verstecken sie hinter höflichen Floskeln. Da kann ich als Therapeut wenig ausrichten.

Lässt sich der Trend von immer höheren Scheidungs- und Trennungsraten aufhalten?
In den USA sinkt die Scheidungsrate seit einigen Jahren. Das ist auch den aufwendigen Förderprogrammen zu verdanken, die die Regierungen Clinton und Bush junior finanziert haben. In Amerika werden jährlich Milliarden Dollar für Paar-Kurse und Coachings ausgegeben, außerdem etwa 50 Millionen Dollar an öffentlichen Geldern, um die Wirksamkeit dieser Programme wissenschaftlich zu überprüfen. Hier in Deutschland sagen sowohl die Krankenkassen als auch die Ministerien, dass sie für Scheidungs- und Trennungsprävention nicht zuständig seien. Dabei ist beispielsweise die wachsende Kinderarmut unter anderem auch den vielen Scheidungen anzulasten. Wir Deutschen geben unser Geld lieber für Scheidungsanwälte und Sorgerechtsverfahren aus, als ein paar Euro in einen Kommunikationskurs zu stecken. Dabei belegen meine und auch andere Studien zur Wirksamkeit dieser Kurse: Faires Streiten kann man lernen. Es macht die Beziehung glücklicher und haltbarer.

Nützen Ihnen diese Erkenntnisse auch in Ihrer eigenen Ehe?
Das müssen Sie meine Frau fragen! Wir sind seit 32 Jahren glücklich verheiratet.

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Helen Bömelburg

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