Wo die Liebe hinfällt

2. Juni 2012, 20:11 Uhr

Einen Lebenspartner zu finden ist meist schwer, auch für Menschen mit Behinderung. Ein Hamburger hat deshalb eine Partnervermittlung gegründet. Doch die "Schatzkiste" kann nicht immer helfen. Von Linda Gerner

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Bernd Zemella hat 1998 in Hamburg die erste Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung gegründet. Inzwischen gibt es bundesweit mehr als 50©

Wenn ich mir Vorwürfe mache, schlage ich mir mit der Faust gegen den Kopf", erklärt Hannah* und klopft mit den Knöcheln gegen ihre Schläfen. So hat sie es gemacht, als vor einem Jahr ihr Mann starb. Multiple Sklerose und Darmkrebs - Hannah glaubte, sie sei schuld. "Das sechzehnte Jahr verheiratet sein haben wir nicht mehr geschafft", sagt sie, rührt mit einem Löffel in ihrem Tee und schaut über den Rand ihrer Brille an die Decke, wie sie es oft tut. Sie will nicht mehr allein sein.

Hannah hat eine Lernschwäche. Und sie sagt, sie sei psychisch "nicht ganz fit". Das Gesicht der kleinen, etwas rundlichen Frau ist ständig in Bewegung, wenn sie spricht: Sie blinzelt, lächelt, presst die Lippen aufeinander. Die Rentnerin wirkt beinahe jugendlich mit ihren Jeans und dem bunten Strickpullover. Eine Haarspange hält ihr den Pony aus den Augen, ihr naturgewelltes blondes Haar reicht gerade bis über die Ohren.

Ein schlanker Mann in grauem Jackett stellt Apfelsaft auf den Tisch und lächelt. "Na, wie geht's dir?", fragt er Hannah. Bernd Zemella hat schon viele Paare zusammengebracht, einige haben geheiratet. Der pensionierte Psychologe sucht ehrenamtlich Partner für Menschen mit Lernschwächen und für Menschen mit psychischen und körperlichen Behinderungen. Schatzkiste heißt die Hamburger Partnervermittlung im sogenannten Haus zum Goldenen Apfel, einem weiß gestrichenen Häuschen mit Sprossenfenstern auf dem Gelände der evangelischen Stiftung Alsterdorf. Als Bernd Zemella sie 1998 gegründet hat, war es die erste Partnervermittlung dieser Art. Inzwischen sind ungefähr 50 weitere Schatzkisten in ganz Deutschland hinzugekommen.

"Ich habe viele junge Männer und viele ältere Frauen"

600 Menschen haben sich bereits in Bernds Kartei eintragen lassen, einige von ihnen sind schon fündig geworden. Manche haben irgendwann die Suche aufgegeben. "Die Vermittlung für euch ist schwierig, ich habe viele junge Männer und viele ältere Frauen", sagt Bernd zu Hannah und Lisa*, die ihm gegenüber sitzen. "Die Männer sterben halt früher." "Ab AbBrrbrr... Du sollst nicht sterben!", ruft Lisa. "Ich meinte doch nicht mich", sagt Bernd. "Ach so", Lisa kichert.

"I I Hrmm. Ich will auch ein Freund!", sagt Lisa. Sie hat die Beine übereinandergeschlagen und schaut sich in dem Zimmer um, in dem es außer dem Tisch, an dem sie und Hannah sitzen, nicht viel zu sehen gibt: ein Sofa, zwei Stehtische. Die kleine Frau mit den grauen, schulterlangen Locken verschluckt zunächst jedes Wort, bleibt wie ein Stotterer hängen an Rs, Is und Ts. Mit ihren kleinen, schmalen Augen schaut sie dann direkt zu ihrem Gegenüber und spuckt grinsend beim nächsten Versuch einzelne Wörter aus. Lisa lächelt immer, doch meist nur für sich selbst.

In Bernd Zemellas Büro schauen die Frauen nacheinander in die Datenbank, in der auch sie eine Karteikarte haben. Hannah gefällt sofort das Lachen von Thomas*, als sie sein Portraitfoto sieht: Pony bis zu den Augenbrauen, hinter einer runden Brille vom Lachen zugekniffene Augen und ein breites, etwas schräges Grinsen.

"Ja! Den will ich!"

Für Lisa bleibt in ihrer Altersklasse von 55 bis 65 Jahre nur noch ein Mann über. "Tja ...", sagt Bernd. "Oh", sagt Lisa, "gefällt mir!" "Ja? Aber kannst du dir vorstellen, warum der so dicke Brillengläser und eine Binde mit drei Punkten drauf hat?" Lisa schüttelt ihren Lockenkopf. "Der ist blind. Willst du immer noch, dass das dein Freund wird?" "Ja! Den will ich!", sie schnappt sich das Foto, das aus dem Drucker kommt, und läuft zu ihrem Betreuer. "Meiner!" ruft sie.

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