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Wo die Liebe hinfällt

Einen Lebenspartner zu finden ist meist schwer, auch für Menschen mit Behinderung. Ein Hamburger hat deshalb eine Partnervermittlung gegründet. Doch die "Schatzkiste" kann nicht immer helfen.

Von Linda Gerner

  Bernd Zemella hat 1998 in Hamburg die erste Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung gegründet. Inzwischen gibt es bundesweit mehr als 50

Bernd Zemella hat 1998 in Hamburg die erste Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung gegründet. Inzwischen gibt es bundesweit mehr als 50

  • Linda Gerner

Wenn ich mir Vorwürfe mache, schlage ich mir mit der Faust gegen den Kopf", erklärt Hannah* und klopft mit den Knöcheln gegen ihre Schläfen. So hat sie es gemacht, als vor einem Jahr ihr Mann starb. Multiple Sklerose und Darmkrebs - Hannah glaubte, sie sei schuld. "Das sechzehnte Jahr verheiratet sein haben wir nicht mehr geschafft", sagt sie, rührt mit einem Löffel in ihrem Tee und schaut über den Rand ihrer Brille an die Decke, wie sie es oft tut. Sie will nicht mehr allein sein.

Hannah hat eine Lernschwäche. Und sie sagt, sie sei psychisch "nicht ganz fit". Das Gesicht der kleinen, etwas rundlichen Frau ist ständig in Bewegung, wenn sie spricht: Sie blinzelt, lächelt, presst die Lippen aufeinander. Die Rentnerin wirkt beinahe jugendlich mit ihren Jeans und dem bunten Strickpullover. Eine Haarspange hält ihr den Pony aus den Augen, ihr naturgewelltes blondes Haar reicht gerade bis über die Ohren.

Ein schlanker Mann in grauem Jackett stellt Apfelsaft auf den Tisch und lächelt. "Na, wie geht's dir?", fragt er Hannah. Bernd Zemella hat schon viele Paare zusammengebracht, einige haben geheiratet. Der pensionierte Psychologe sucht ehrenamtlich Partner für Menschen mit Lernschwächen und für Menschen mit psychischen und körperlichen Behinderungen. Schatzkiste heißt die Hamburger Partnervermittlung im sogenannten Haus zum Goldenen Apfel, einem weiß gestrichenen Häuschen mit Sprossenfenstern auf dem Gelände der evangelischen Stiftung Alsterdorf. Als Bernd Zemella sie 1998 gegründet hat, war es die erste Partnervermittlung dieser Art. Inzwischen sind ungefähr 50 weitere Schatzkisten in ganz Deutschland hinzugekommen.

"Ich habe viele junge Männer und viele ältere Frauen"

600 Menschen haben sich bereits in Bernds Kartei eintragen lassen, einige von ihnen sind schon fündig geworden. Manche haben irgendwann die Suche aufgegeben. "Die Vermittlung für euch ist schwierig, ich habe viele junge Männer und viele ältere Frauen", sagt Bernd zu Hannah und Lisa*, die ihm gegenüber sitzen. "Die Männer sterben halt früher." "Ab AbBrrbrr... Du sollst nicht sterben!", ruft Lisa. "Ich meinte doch nicht mich", sagt Bernd. "Ach so", Lisa kichert.

"I I Hrmm. Ich will auch ein Freund!", sagt Lisa. Sie hat die Beine übereinandergeschlagen und schaut sich in dem Zimmer um, in dem es außer dem Tisch, an dem sie und Hannah sitzen, nicht viel zu sehen gibt: ein Sofa, zwei Stehtische. Die kleine Frau mit den grauen, schulterlangen Locken verschluckt zunächst jedes Wort, bleibt wie ein Stotterer hängen an Rs, Is und Ts. Mit ihren kleinen, schmalen Augen schaut sie dann direkt zu ihrem Gegenüber und spuckt grinsend beim nächsten Versuch einzelne Wörter aus. Lisa lächelt immer, doch meist nur für sich selbst.

In Bernd Zemellas Büro schauen die Frauen nacheinander in die Datenbank, in der auch sie eine Karteikarte haben. Hannah gefällt sofort das Lachen von Thomas*, als sie sein Portraitfoto sieht: Pony bis zu den Augenbrauen, hinter einer runden Brille vom Lachen zugekniffene Augen und ein breites, etwas schräges Grinsen.

"Ja! Den will ich!"

Für Lisa bleibt in ihrer Altersklasse von 55 bis 65 Jahre nur noch ein Mann über. "Tja ...", sagt Bernd. "Oh", sagt Lisa, "gefällt mir!" "Ja? Aber kannst du dir vorstellen, warum der so dicke Brillengläser und eine Binde mit drei Punkten drauf hat?" Lisa schüttelt ihren Lockenkopf. "Der ist blind. Willst du immer noch, dass das dein Freund wird?" "Ja! Den will ich!", sie schnappt sich das Foto, das aus dem Drucker kommt, und läuft zu ihrem Betreuer. "Meiner!" ruft sie.

  Auch Barbara und Ernst haben sich in der Hamburger Partnervermittlung Schatzkiste kennengelernt. Sie sind seit einem Jahr verheiratet

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Zwei Tage später ist Single-Treffen

Es ist laut und eng im Haus zum Goldenen Apfel - heute dürfen alle kommen, die in der Kartei eingetragen sind. An die dreißig Menschen schwatzen und trinken Kaffee. Draußen stehen die Raucher. Einige Männer und Frauen tragen Namensschilder mit einem roten Punkt darauf: Sie sind vergeben.

Hannah macht zwei Schritte in den Raum und bleibt stehen: Mit großen Augen schaut sie zu einem Mann, der ganz hinten im Zimmer an der Wand sitzt und sich mit einer anderen Frau unterhält. "Komm Hannah, der Thomas ist hier", sagt Bernd, der plötzlich hinter ihr steht. Er legt den Arm um ihre Schulter und schiebt sie weiter. Hannah schaut zurück: "Aber ... den kenne ich! Der hat sich nicht mehr gemeldet." Bernd bringt Hannah zum Sofa im Nebenraum und verschwindet. Kurz darauf ist er wieder da - mit Thomas.

Thomas hat eine Spastik in der rechten Körperhälfte, die Jacke und sein Rucksack hängen schief. Hinter ihm steht seine Betreuerin. Thomas lispelt und er stottert ein wenig, doch als er mit Hannah spricht, stottert er nicht mehr. Sein braunes Hemd passt zu der Bundfaltenhose und den Lederschuhen. Seine dicken Brillengläser lassen seine Augen größer aussehen. Thomas hat vom Lachen tiefe Falten in dem runden Gesicht, seine Hände reibt er auf den Oberschenkeln. Hoch und runter. Er fummelt am Schuh, am Fußgelenk. Er erzählt von seinem Fahrrad und von seinem Job. Hannah hört zu, schaut ihn ab und zu an, lächelt und schaut dann wieder in die Luft.

Lisa ist nicht gekommen. Der blinde Mann, den sie ursprünglich treffen wollte, auch nicht: Er hat sich verliebt. "Aber das hätte Lisa auch nicht gepackt", sagt Bernd, "der hat einen Realschulabschuss. Und er wollte jemanden, der für ihn sehen kann."

"Man muss ja nicht gleich heiraten"

"Ich fahre übrigens auch gern Fahrrad", sagt Hannah. "Wie viele Gänge?", fragt Thomas. "Was?" "Na, wie viele Gänge hat dein Fahrrad?" "Ähh. Fünf, glaube ich", sagt Hannah und runzelt die Stirn. "Das ist gut", sagt Thomas, "dann kannst du auch Berge fahren." Er lacht, reibt sich die Beine. Bernd kommt und setzt sich neben die beiden. "Und?" fragt er. "Wollt ihr euch wiedersehen?" Hannah und Thomas sehen sich an. Hannahs Mundwinkel zucken. "Man muss ja nicht gleich heiraten", sagt sie. Thomas lacht laut los, kichert. "Ja!", ruft er dann. "Schön", sagt Bernd. Dann schaut er ernst zu Thomas. "Dann musst du Hannah jetzt noch was sagen." Thomas hält inne, atmet tief ein. Er sieht in Hannahs Augen, schaut weg. Sekunden verstreichen. "Ich. Hmm. Ich bin Alkoholiker", sagt er. Hannah lässt die Schultern sinken, schüttelt den Kopf, schließt für einen Moment die Augen. Sie räuspert sich. "Naja, wenn es mir schlecht geht, trinke ich auch ab und zu einen Schnaps." "Aber ich bin seit vier Jahren trocken", sagt Thomas.

Drei Wochen später - das erste Date

Thomas schaut durch die großen Fenster nach draußen, tastet mit den Augen die an der Ampel wartenden Menschen ab, die Tankstelle gegenüber und die Kneipe daneben. Nichts. Seine Haare sind kurz, er war beim Friseur. Er steht im runden Glasfoyer der Christuskirche im Hamburger Stadtteil Hamm, das an drei Tagen als Café genutzt wird und dann Thomas' Arbeitsplatz ist.

Zwei junge Kellner balancieren Tabletts vor sich her. Thomas navigiert sie zu einem Tisch und begrüßt neue Gäste: "Wenn Sie etwas bestellen wollen, dann nehmen Sie so eine Karte - darauf ist das Essen abgebildet. Die Karte geben Sie dem Kellner", er bricht ab, weil sein Handy klingelt. "Hallo? Ja, hier ist Thomas. Wo bist du? ... Ah, okay." Er schmeißt seine Schürze auf einen Tisch und schnappt sich seine Jacke. "Ich muss los!", ruft er und eilt mit schnellen Schritten durch den Raum. "Na, da drücken wir mal beide Augen zu. Das ist ja schließlich Arbeitszeit", ruft ihm eine Kollegin hinterher.

Als er nach fünfzehn Minuten zurück ist, offenbart sich der Grund für seine Eile. "Das ist Anne", sagt Thomas zur Kollegin. "Ich heiße Hannah. H A N N A H", buchstabiert Hannah. "Weiß ich doch", Thomas lacht so laut, dass er damit die Gespräche im Café übertönt. Er bringt Hannah zu dem Tisch, den er vorbereitet hat. "Hier!", winkt Thomas seine Kollegin herbei. "Du muss jetzt erklären, wie das funktioniert. Nimm doch endlich die Bestellung an", fordert er sie ungeduldig auf.

Zwei Stunden später stehen Hannah und Thomas auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn. Thomas erzählt von den Guttemplern, einer Organisation, die sich für Alkoholabstinenz, Brüderlichkeit und Frieden einsetzt. Hannah schaut aus dem Fenster und pustet Luft aus. "Oh, ich muss raus", sagt sie plötzlich. Sie umarmt Thomas kurz und schaut dabei zu Boden. Mit schnellen Schritten steigt sie aus. "Das mit dem Alkohol macht mir Angst", sagt sie, als die U-Bahn an ihr vorbeifährt. Dann dreht sie sich um und verschwindet in der Fußgängerunterführung.

Zu Bernd sind die beiden nicht mehr gegangen

Bernd hat schon länger nichts mehr von Hannah und Thomas gehört. Nur, dass aus ihnen kein Paar geworden ist. "Vielleicht hat Hannah Thomas' selbstbezogene Art gestört, aber so genau weiß ich es nicht", sagt Bernd. Die beiden sind weder zu den wöchentlichen Treffen gekommen, noch haben sie sich bei Bernd gemeldet, um einen neuen Partner zu finden.

*Namen geändert

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