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"Uns gibt es, weil Männer unsicher sind"

Nach dem Skandal um Julien Blanc spricht jetzt ein anonymer Pick-Up-Artist über seine Arbeit mit Männern. Die meisten seien ganz einfach verzweifelt und hätten Probleme mit dem Rollenverständnis.

Viele der Männer hätten bei ihm "mitunter zum ersten Mal das Gefühl, ernst genommen zu werden und Beistand zu erfahren", sagt ein anonymer Pick-Up-Artist.

Viele der Männer hätten bei ihm "mitunter zum ersten Mal das Gefühl, ernst genommen zu werden und Beistand zu erfahren", sagt ein anonymer Pick-Up-Artist.

Der Schweizer Julien Blanc hat mit seinen übergriffigen Videos das Thema Pick-Up-Artists negativ in die Schlagzeilen gebracht. Doch es gibt nicht nur schwarze Schafe. Ein Pick-Up-Artist - sein Szene-Name ist Dave Cartner - spricht mit dem stern über seine persönliche Arbeit, die er durch Leute wie Blanc diskreditiert sieht; er möchte anonym bleiben.

"Ich habe Julien Blanc einmal getroffen. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass er tatsächlich so ist, wie er dargestellt wird. Aber in der PUA-Community ist er tatsächlich umstritten. Julien ist auch kein typischer Vertreter der Szene. Die ist sehr vielfältig und hat Platz für viele Weltsichten und Ziele.

Die Pick-up-Artists gibt es, weil Männer oft genug unsicher im Umgang mit Frauen sind und nicht wissen, mit wem sie sich darüber austauschen können. Ich habe Männer getroffen, die nach fünfzehn Jahren Ehe verlassen wurden, die verzweifelt und mutlos waren und nicht wussten, wie es weiter gehen soll. Oder es kommen junge Männer zu mir, die krankhaft schüchtern sind und das ändern wollen.

Die meisten, die zu mir kommen, wollen einfach besser bei Frauen landen und träumen von einer Beziehung. Nur ein kleiner Teil macht daraus ein Spiel, das "Game".

"Was darf ich? Ich will nicht als übergriffig dastehen"

In einem Lair (Rückzugsort nur für Männer; d. Red.) wird nicht etwa gemeinsam geübt, wie man Frauen würgt, wie manche nach dem Skandal um Julien Blanc vielleicht glauben. Wir sitzen zusammen, geben einander Tipps, einer zeigt sein Handy, er hat da eine SMS bekommen, was soll er antworten? Wir machen nichts anderes als das, was in zahllosen Freundinnenrunden praktiziert wird.

Ja, ich halte auch Coachings ab. Und ja, wir üben auch Frauen anzusprechen. Das hilft Männern, ihre Unsicherheit abzulegen. Ich weiß, das wollen viele nicht hören, aber Männer sind heute mitunter sehr verunsichert, was den Umgang mit Frauen angeht.

Die Kampagne Aufschrei, die einerseits viel Gutes bewirkt hat, hat andererseits auch viele Männer verunsichert. Die kommen nun zu mir und sagen: "Was darf ich denn noch? Ich will nicht als übergriffig dastehen, aber ich will auch nicht grundlos angeschnauzt werden."

Und auch dies wollen viele nicht hören: Junge Frauen sind nicht immer höflich, wenn sie jemanden abweisen. Da tut es gut, wenn man zu zweit loszieht. Wenn man von einer Frau abgewiesen wird, kann der andere einen auffangen und sagen: Du hast nichts angestellt. Du bist okay. Ich hab dich beobachtet, versuch doch mal dies oder jenes.

Was bedeutet Mannsein?

Ich sehe Pick-up nicht nur als Weg, zu flirten. Ich betrachte die Sache ganzheitlicher. Im Endeffekt geht es doch darum, dich als Mann, als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Welche Art Mann will ich sein? Was ist für mich Mannsein?

Diese Fragen führen dazu, dass du dich selbst besser kennen lernst und an dir arbeitest. Die Möglichkeiten, die dir Pick-up dafür geben, kann man auf viele Arten nutzen. Die Motive, die Männer dazu bewegen, Hilfe bei PUAs zu suchen, werden allgemein nicht besonders respektiert, eher werden sie dafür verspottet. Diese Männer haben bei einem Pick-up-Artist mitunter zum ersten Mal das Gefühl, ernst genommen zu werden und Beistand zu erfahren. Viele sind einfach unsicher, einsam, unerfahren.

Aber ist das schlimm? Darf so ein Mensch sich nicht Hilfe suchen?

Probleme mit Rollenverständnis

Die Meinungsbildner können Ferndiagnosen stellen, so viel sie wollen. Tatsache ist, dass es in Deutschland tausende Männer gibt, die ein Problem damit haben, Frauen anzusprechen. Die sich im neuen Rollenverständnis nicht auskennen.

Und dieses Problem macht man nicht kleiner, indem man Betroffene geringschätzt, bemitleidet oder verspottet. Man erreicht damit nur, dass sich Männer mit ihren Bedürfnissen noch mehr alleine gelassen fühlen. Im Endeffekt kannst du bei anderen nur dann gut ankommen, wenn du selbst weißt, wer du bist und dich in dir selbst wohlfühlst. Wenn du authentisch bist. Nichts anderes versuche ich zu vermitteln.

Manche entdecken dann eine neue Leidenschaft, fangen an Yoga zu machen oder entdecken einen Sport. Sie arbeiten selbständig an sich weiter. Ein Mann, der weiß, wer und was er ist, der sich in sich selbst wohlfühlt, der ist auch für Frauen attraktiv. Nichts anderes unterrichte ich."

Einen umfassenden Text zum Thema Pick-Up-Artists lesen Sie im aktuellen stern.

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