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Gleich und gleich verkehrt nicht gern

Dieselben Rechte, dieselben Pflichten - so sind moderne Beziehungen definiert. Doch der Preis, den Paare für die Gleichberechtigung zahlen, ist hoch: weniger Sex.

Von Nina Poelchau

  Vor lauter Gleichberechtigung geht in vielen Beziehungen der Sex verloren

Vor lauter Gleichberechtigung geht in vielen Beziehungen der Sex verloren

Sie sind Bekannte von mir aus Berlin, Innenarchitekten beide, 35 und 37 Jahre alt, ein beneidenswertes Paar. Sie haben ein eigenes Büro, so schick wie ihr Haus. Und sie kümmern sich gemeinsam: ums Geschäft. Um den Haushalt. Um die Töchter, acht und zehn Jahre alt. Neidisch sage ich oft: In dieser Beziehung sind die gesellschaftlichen Hürden zwischen Mann und Frau endlich umgestoßen.

Natürlich sind sie keine Innenarchitekten. Ich habe den Beruf geändert, um ihre Anonymität zu wahren. Aber der Rest stimmt. Bei diesen beiden herrscht, worum andere in unserem Freundeskreis ringen: totale Gleichberechtigung. Toll, wie ihr das macht, sagen wir dem Bilderbuchpaar gern. Die beiden lächeln stets, doch das Lächeln verrutscht seit einiger Zeit immer öfter zu einem gequälten Ausdruck.

Irgendwann, vielleicht als ich zum wiederholten Mal "euer Geheimnis, bitte" verlangte, hat sie es mir dann verraten: "Unsere erotische Anziehung ist weg." Und nicht einfach nur mal eben weg. Sondern vollkommen verschwunden. "Wir sind so gleich, es ist, als hätten wir uns gegenseitig neutralisiert." Das letzte Mal, als sie miteinander schliefen, war an ihrem zehnten Hochzeitstag vor ein paar Wochen. Davor: monatelang Flaute. "Der Hochzeitstag war auch der Moment, als wir uns eingestanden haben: Wir sind unglücklich", sagt sie, und: "Bei uns stimmt was nicht."

Und so sitzen sie nun beim Paartherapeuten, der zufällig auch ein Bekannter von mir ist. Gut. Ich kann selbst Antworten gebrauchen, warum es das perfekte Glück nicht geben kann. Ja, klar, kannst du darüber schreiben, sagt das Paar, das mal mein Traumpaar war. Sollen andere auch etwas von unseren Problemen haben.

Die besseren Hälften

Beim Therapeuten also: Das Paar erzählt. Dass sie nie streiten. Dass der Alltag läuft wie geschmiert. Jeder kann und macht alles: Er kocht, sie bringt den Müll raus. Auf gemeinsamen Autofahrten hat sie das Steuer öfter in der Hand als er, dafür kann er den Töchtern Pferdebücher vorlesen, als fände er die Geschichten toll. Aber bei aller Gleichverteilung blieb irgendwann der Sex auf der Strecke. Er wirkt im Gespräch müde, sie genervt, unter einer kontrollierten Fassade. Wir sehen uns wieder, sagt mein Therapeuten-Freund, und er erzählt mir später, dass er viele solcher Paare kenne. "Die Männer tun alles für die Familie", sagt er mir, "und dann sind die Frauen frustriert, weil sie keine richtigen Kerle mehr haben."

Liebe Güte, das klingt jetzt platt: Killt Gleichberechtigung den Sex? Oder anders gefragt: Im wirklichen Leben sind wir Kulturwesen und im Bett immer noch animalische Geschöpfe?

Natürlich ist es etwas komplizierter. Aber es gibt eine wissenschaftliche Studie, die das tatsächlich nahelegt. 2013 erschien sie in der "American Sociological Review", Gespräche mit 4500 Paaren lagen ihr zugrunde. Ergebnis: Bleiben die Männer bei ihren klassischen Aufgaben wie Rasen mähen und Auto reparieren, dann haben die Paare im Schnitt siebenmal Sex im Monat. Bringen die Herren sich aber auch mit Bügeln und Staubsaugen ein, sinkt die Quote um 30 Prozent.

Alles wird geteilt

Andererseits, so ist das in der Wissenschaft, belegen andere Studien, dass die Beteiligung von Männern an der Hausarbeit zu mehr Zufriedenheit und niedrigeren Scheidungsraten führt - und größeres Eheglück bedeutet anderen Studien zufolge wiederum mehr Sex. Das ist verwirrend. Profitieren wir am Ende also doch von Harmonie oder wird sie uns zwischen den Laken zum Fluch?

Hhmmm. Verlassen wir die Wissenschaft - zunächst - und gehen zu den Ursprüngen. Evolutionär gesehen scheint es doch so zu sein: Um die Fährnisse des Lebens besser bestehen zu können, suchten sich Frauen und Männer gern von jeher eine bessere Hälfte. Und die sollte am besten so beschaffen sein, dass sie anders war als man selbst. Logisch: Jäger brauchten dringend jemanden, der nicht in der Gegend herumrannte, sondern am Lager das Feuer schürte und über die Nachkommen wachte. Die Hüterinnen des Feuers wollten jemanden, der etwas zum Kochen anschleppte - man kann nicht alles allein machen. Diese Arbeitsteilung galt lange, sehr lange, und sie zeigte unangenehme Folgen: Während der Einflussbereich der Frauen in etwa gleich blieb - Kind und Kegel -, wuchs der männliche wie von selbst. Er gewann Macht übers Geld.

Macht über die Politik. Über die Religion. Und, ja, und bestimmt nicht zuletzt: Macht über die Frauen. Ins Bett übersetzte sich das so: Er dominant. Sie? Musste willig sein. Bis dann, allerspätestens im 20. Jahrhundert, die Frauen überzeugt waren: Unsere Hälfte ist kein guter Deal. Bis heute haben sie sich - wenigstens in modernen Gesellschaften - einiges erkämpft: gute Jobs, zum Beispiel. Mindestens eine gute Ausbildung, so wie die der Männer. Und Kinder dürfen nicht nur am Rockzipfel zupfen, sondern auch am Jackettärmel. Eine Kanzlerin haben wir Deutsche sowieso.

Das hat, jedenfalls unter aufgeklärten Menschen, auch Folgen für die Partnerwahl: Wir suchen nicht mehr jemanden, dessen Andersartigkeit uns vervollständigt. Sondern jemanden, der so ist wie wir - mit dem wir alles teilen können, der, wie wir, davon überzeugt ist, dass Frau und Mann gleiche Rechte und gleiche Pflichten haben. In Amerika erfand ein Soziologe dafür den Begriff "Peer Marriage" - Hochzeit unter Gleichgesinnten. Die Aufgaben und Interessen werden geteilt, nicht verteilt. Nur beim Sex scheinen wir nicht hinterherzukommen, wie die israelische Soziologin Eva Illouz meint: Der Verstand verlange totale Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, aber im Bett gebe es zwischen Mann und Frau keine Kommunikation auf Augenhöhe.

Präziser: Sie will nicht, dass er höflich fragt, ob er in sie eindringen darf. Sie will, dass er sie nimmt. Worauf Männer und Frauen sexuell reagieren, sitzt ziemlich fest im Zwischenhirn. Frauen wollen Männlichkeit, Männer Weiblichkeit. Aber wir kriegen das nicht mit dem Leben außerhalb der Schlafzimmertür zusammen.

Männer können ihre Bedürfnisse manchmal outsourcen, auch gute Pornos sind mittlerweile umsonst zu haben, und in denen machen die Kerle immer alles richtig - sagen die Frauen in diesen Filmen. In der Wirklichkeit gelingt den Männern der Sprung vom rücksichtsvollen Ehepartner zum machtvollen Eindringling eher selten. Und die Frauen sind enttäuscht: Ihnen sind die Rollenspiele des Lebens von jeher vertrauter, auch die Widersprüche, die in ihnen lauern - etwa jene zwischen Mutter und Luder.

Wie nun weiter? Zunächst könnte man auf die Zeit vertrauen und darauf, dass sich unsere Sexualbedürfnisse dem gesellschaftlichen Konsens anpassen - soll heißen: Auch Kuschelbären können sexy sein. Oder wir holen uns Hilfe: Der amerikanische Sexualwissenschaftler David Schnarch stellt seit Jahrzehnten klinische Studien mit Paaren an. Er empfiehlt vor allem Autonomie, wenn eine Liebesbeziehung ihren erotischen Reiz bewahren soll. In alte Rollenklischees müssen Männer und Frauen deshalb nicht zurückfallen. "Differenzierung" ist das Zauberwort: für sich undseine Eigenheiten kämpfen, auch wenn das beim anderen zunächst nicht gut ankommen mag.

Bedeutung eigener Interessen

Die deutschen Sexualtherapeuten Regina König und Hellwig Schinko empfehlen sexuell frustrierten Paaren, die in ihre Tantra- Seminare kommen: "Männer müssen sich bei Männern 'aufladen', Frauen bei Frauen." Wenn mit dem eigenen Partner im Grunde alles geteilt wird, auch Hobbys und Interessen, schlafen Sozialkontakte manchmal komplett ein - und dann kann es eintönig werden.

Christian Hemschemeier, der Hamburger Paartherapeut, spricht von "Social proof", sozialer Bewährung: Es mache den Partner in den Augen seines Gegenübers attraktiver, wenn dieser eigene Freunde beziehungsweise Freundinnen habe, mit denen er etwas gemeinsam hat, das er mit dem Partner nicht teilt. Männer: ab in die Fußballkabine. Frauen: in die Weinbars mit euren Freundinnen.

Mein Therapeuten-Freund hatte bei dem Innenarchitektenpaar aus Berlin schon während der ersten Sitzung den Eindruck, dass vor allem der Mann kaum Eigenes mehr in seinem Leben habe, seine Frau überhaupt nichts Männliches mehr in ihm sehe. Dem Mann wiederum fehle, dass die Frau ihn einfach mal für irgendetwas bewundere. Er fragte beide nach alten Träumen, forderte sie auf, diese ans Licht zu holen. In der nächsten Stunde rückt der Mann mit konkreten Plänen heraus: eine Motorradtour durch die Dolomiten, zusammen mit seinem Bruder. Als die Frau ziemlich sauer reagiert: "Was? In den Sommerferien willst du zwei Wochen ...?", freut sich der Therapeut: Spannung ist im Raum! Auch ein erster Schritt zu besserem Sex.

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