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Du benimmst dich wie eine 20-Jährige!

Am Anfang des Gesprächs gab sich Natalie noch Mühe so auszusehen, als interessiere sie meine Geschichte vom Urlaubsflirt. Irgendwann bemerkte ich, dass ihr Blick abwich, ihre Gedanken waren sicherlich längst bei Kind, Mann und Vorgarten. Es kam noch ab und zu ein „Hm“, „Ach?“, dann lange nichts mehr und dann ein: „Das klingt alles sehr nach den Schwärmereien einer 20-Jährigen.“ Rums. Das saß. Aber warum eigentlich? „Nur weil du dich nicht mehr daran erinnern kannst, wie sich Verliebtheit anfühlt“, blaffte ich.

Ich kenne diesen Kommentar von meiner Mutter, meiner kleinen Schwester und aus Leser-Kommentaren. Und natürlich ist es nicht hochgradig vernünftig, sich an einem asiatischen Strand, in einen Australier zu verknallen, der kurzzeitig vergessen hat, dass er eine Freundin hat.

Oder 375 Mal pro Tag aufs Handy zu gucken, ob ER nicht doch geschrieben hat.
Oder überhaupt zu erwägen mit einem Mann etwas anzufangen, der nur losen Kontakt haben will, das aber gern mit mehreren Frauen.
Oder mitzuspielen, wenn er sich mal wochenlang nicht meldet, dann aber vor der Tür steht und so tut, als sei nichts gewesen.
Oder den Freundinnen die immer wieder gleichen Fragen stellen: „Was meint er denn damit?“ „Warum meldet er sich nicht?“ „Aber er hat doch ...“ Die Phrasen kenne ich seitdem ich 14 bin – und dachte damals, dass sich das mit Anfang 20 erledigt haben wird.

In rationalen Minuten gebe ich all den Vernunftgetriebenen Recht. Aber warum muss das Leben einer Mittdreißigerin nur aus Rationalität bestehen? Warum soll ich in jeder Lebenslage sicher, stabil und weise sein. Abgeklärt und fokussiert bin ich 40 Stunden die Woche in meinem Job, wenn ich die dritte Lebensversicherung abschließe und mit meinem Opa das Erbe meiner Oma sortiere.

So vernünftig und erwachsen
Wer schreibt vor, dass man mit 30, aber spätestens mit Mitte 30 sich für eine Zweierbeziehung entschieden haben muss? Warum ist es so viel richtiger, sich am Freitagabend ans Bett seines Kindes zu setzen und Gute-Nacht-Lieder zu singen anstatt durch die Clubs zu ziehen? Wieso sollte ich nur Typen treffen, die garantiert in den nächsten sechs Monaten mit mir aufs Standesamt gehen wollen? Was spricht gegen eine Affäre, unglücklich verliebt sein oder einem Kerl-Hinterherlaufen nur weil ich es schon zig Mal erlebt habe und eigentlich besser weiß? Und warum kann ich das nicht heute super und morgen sehr bedauerlich finden?

Darf man all das nicht mehr, sobald die Haare grau werden, die Falten um die Augen nicht nur beim Lachen erscheinen und eine durchfeierte Nacht einen drei Tage lahmlegt? Und wenn ja, wer sagt mir so was? All diejenigen, die einen Ring am Finger tragen, sich Sorgen um Kita-Plätze machen und den Hauskredit abbezahlen müssen. Alle, die glauben, erwachsen zu sein.

Die Vorwürfe der anderen
Nach diesen Maßstäben war ich schon mal deutlich erwachsener – mit 20. Damals war ich seit vier Jahren mit meinem ersten Freund zusammen. Und wieder mit Mitte 20, in meiner zweiten langen Beziehung, in der ich schon sehr konkret über Hochzeit und Kinder nachdachte. Und wieder mit 30, in meiner dritten Beziehung, in der ich für mich (und wir für uns) feststellten, dass ich das Konzept der Ehe nicht mag, dass ich keine Mutter werden muss, um glücklich zu sein. Dass ich diese Fragen mit Mitte 30 mir nochmal stelle (und keine abschließenden Antworten habe), mich ein ums andere Mal auf Grund eines Blickes, einer Geste, einer Nacht verknalle, dass mich Männer mit ihrem Verhalten noch traurig machen können, dass ich derzeit lieber unverbindlich flirte als mich fest zu binden – all das wird mir immer wieder vorgeworfen und mit Kopfschütteln kommentiert.

Ich könnte mich grämen, weinen, mich für beziehungsunfähig und emotional bankrott erklären. Mache ich aber nicht, ganz ohne Trotz. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das steuern kann und es könnte durchaus sein, dass ich mit Mitte 40 noch immer - oder schon wieder - so empfinde und denke. Ich halte das weder für besonders erstrebenswert noch für verwerflich. Ebenso wie ich heiraten mit 20, ein Reihenendhaus mit 30 und ein drittes Kind mit 35 nicht verurteile (Anmerkung: Das "nicht" hatte ich vergessen, in der ersten Version, sorry, ist natürlich immanent wichtig). Jeder findet sein Glück (hoffentlich) in einer anderen Beziehungsform – und ich werde den Teufel tun, eine davon zu verurteilen.

Den Australier treffe ich übrigens im Sommer wieder. Ohne Freundin, die gibt es nicht mehr. Und wenn ich mich dann abermals verknalle, möchte ich mich auch wieder wie eine 20-Jährige benehmen. Und ich werde nicht daran denken, dass es total unvernünftig und unrealistisch ist, dass es weh tun wird und dass aus diesem Sommerflirt keine Beziehung wird. Das merke ich schon früh genug.

P.S.: Meine Mutter-Freundin und ich haben uns nach unserem Angepflaume mit der Limo zugeprostet, gegrinst und uns gegenseitig unseren Neid gestanden. Ich kann nicht nachempfinden wie es ist, wenn ein Kind mich liebt. Sie hätte nichts gegen mehr Freiheit und Unbeschwertheit einzuwenden.

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