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Ikea – ein Bällebad für Singles

An manchen Orten gibt es nichts Schöneres, als Single zu sein. Einer davon ist zum Beispiel Ikea, die Brutstätte für Ehekrach. Die Singlefrau wurde Zeugin davon, wie Ute und Hans-Jürgen einen entscheidenden Schritt in Richtung Scheidung zurückgelegt haben

Ich brauche gar kein Sofa. Mir ist es egal, ob es sich besser auf Klippan, Ektorp oder Stocksund sitzt. Trotzdem fläze ich mich seit siebeneinhalb Minuten auf den Zwei- und Dreisitzern. Drücke prüfend mit der Handfläche auf die Sitzflächen, blättere durch Stoffmuster, gebe vor, Preisschilder zu studieren. Doch alles, was mich gerade interessiert, ist das Gespräch zwischen Ute und ihrem Mann. Ich kenne die beiden nicht. Sie haben sich mir auch nicht vorgestellt – deswegen weiß ich auch noch nicht, wie er mit Vornamen heißt –, aber mittlerweile kennt die komplette Wohnzimmerabteilung bei Ikea Utes Namen, ihre Vorliebe für "'GZSZ', 'Marienhof' und diese Ärzteserie" (O-Ton ihr Mann), weiß, dass der Göttergatte seine fettigen Chipsfinger am Sofakissen abwischt und vermutet, dass sie ihre Tochter in der Kinderbetreuung abgegeben haben; denn der Name Marie fällt häufiger. Das Småland ist der bessere Ort für die junge Dame, denn was sich ihre Eltern an den Kopf werfen, könnte Marie verunsichern.

Für Paare sind die Filialen des schwedischen Möbelkonzerns der ultimative Härtetest. Schaffst du es von der Wohnzimmmer- über die Bettenausstellung bis zum Restaurant ohne eine Beziehungskrise, ist das schon die halbe Miete. Die Probe aufs Exempel ist dann die SB-Halle mit all ihren verführerischen Tassen, Vasen, Stoffmetern und Badezimmerutensilien. Ein Stöberparadies für Frauen, eine Geduldsprobe für die männliche Begleitung, die durch Zeitdruck bei anfangender Fußballübertragung zusätzlich belastet wird. Versöhnung kann nur der Hot-Dog-Stand nach den Kassen bringen.

Streit um den Sofabezug
Da sind Ute und "Idiot" (bislang der einzige Name, der dem Herrn zugegiftet wurde) noch lange nicht. Ich fürchte, dass die beiden Mittvierziger bald nicht mehr ein gemeinsames Sofa suchen werden, sondern zwei. Zuerst war es nur das Modell, über das man keine Einigung erzielen konnte. Jetzt klingt das so:

"Wieso willst du denn keinen Lederbezug?", fragt Ute mit einer Spur Unverständnis in der Stimme.
"Das ist kalt und klebt", bellt er zurück.
"Dann zieh dir halt was an und lümmel nicht halb nackig rum."
"Damit du wieder über meine Trainingshose meckern kannst?" Oh, das Wohnzimmer ist ein wunder Punkt.
Ute sagt nichts mehr, zischt nur noch "Achhhhh", begleitet von einer wegfegenden Handbewegung.
In diesem Moment rauscht ein blonder Bengel heran. "Mama, Mama, ich muss dir was zeigen."
"Jetzt nicht, Jean-Luca. Papa und ich gucken uns gerade ein neues Sofa an." Was für eine Verharmlosung.

Ich erhebe mich aus Nockeby und trolle mich. Eigentlich wollte ich ja nur Möbel für den neuen Balkon angucken, ganz am Ende der SB-Halle. Aber die Runde durch die Wohnlandschaften konnte ich mir nicht verkneifen. Und die Tour zwischen Billy, Bügeln und Teelichtern wird zum Amüsement. An jeder Einrichtungsinsel stehen sie – die Paare und Pärchen. Mit ernsten Mienen, verächtlichen Blicken, Entsetzen in der Stimme.

"Das wäre doch schick für die Essecke?"
"Kommt nicht infrage!"

"Und dann könnten wir noch das Regal dorthin und da noch einen Schrank."
"Du meinst, ich könnte. Die Arbeit bleibt ja dann wohl an mir hängen. Madame denkt sich das immer so schön, und ich muss schuften. Und bin dann wieder Schuld, wenn es schief steht."

"Guck mal, diese Gläser hier."
"Wir haben doch schon den ganzen Schrank voll."
"Gar nicht wahr."

"Findest du das Muster oder dieses hier schöner?"
"Das linke da."
"Und was hast du am rechten auszusetzen?"
"Nichts."
"Aber du magst es nicht."
"Nein. Ich finde das linke nur schöner."

In der Teppich-Abteilung sitzt ein junger Typ entkräftet auf einem Stapel Auslegeware. Die Zeit zum Durchschnaufen nutzen, während seine Angebetete durch die Muster in der Stoffabteilung wühlt. Das Mann-Frau-uneins-Sein zieht sich quer durch alle Altersschichten. Der Student mit dem Tunnel im Ohr ist ebenso genervt wie der Begleiter "Typ Banker". Ikea sind sie alle nicht.

Ikea – der Ort der Ehekrise
Es gibt sie, diese Momente, in denen man nicht glücklicher über das Singledasein sein könnte. Wenn ich mir das hier so angucke und -höre, bin ich sehr froh, dass ich meine Wohnung allein einrichte und nicht jemanden – wenn auch nur alibimäßig – fragen muss, was er denn davon hält. Wie viele Ehekrisen bei Ikea schon ihren Anfang genommen haben werden? Oder beginnt das erst beim Aufbau zu Hause? Vermutlich ist die Frage "Fahren wir am Samstag zu Ikea?" ähnlich brisant wie die Aussage "Ich muss dir was sagen".

Fast am Ende der SB-Halle treffe ich Ute und ihren Mann wieder. Sie umkreisen die Stehlampen. Sie haben sich noch nicht getrennt. Ist doch eine Sofa-Entscheidung gefallen? Steht jetzt die nächste an?
"Hans-Jürgen, jetzt sag doch auch mal was."
Hans-Jürgen guckt in Richtung seiner Frau. "Ist doch egal. Du hast doch immer das letzte Wort." Es klingt nach kompletter Kapitulation. Ich bin kurz davor, ihm die Hand zu reichen und ihn zum Hot-Dog-Stand zu entführen.

Stattdessen schlendere ich die letzten Meter entlang an Blumen, Vasen, Übertöpfen. Entdecke eine Gießkanne, entscheide mich innerhalb von fünf Minuten für Balkonkästen und halte kurz mit mir Zwiesprache, ob ich die unfassbar günstigen Osterglocken mitnehmen soll. Ich entscheide mich mit zwei zu eins Stimmen dagegen, bestelle meine Balkonmöbel, kaufe keinen Hot Dog, hole niemanden aus dem Småland ab und fahre glücklich nach Hause. Der Frühling kann kommen.

Der Singlefrau kann man hier auf Twitter folgen.

Die Facebook-Seite der Singlefrau findet man hier

Der Beitrag Ikea – ein Bällebad für Singles erschien zuerst auf Weiblich! Ledig! Na und?.

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