Was das Strom-Urteil bedeutet

14. August 2008, 13:36 Uhr

Der Energiekonzern Vattenfall muss nach einem Urteil des Bundesgerichtshof erhebliche Kürzungen der Preise für seine Stromnetze akzeptieren. Für die Verbraucher ändert sich dadurch erstmal nichts. stern.de erklärt, worauf sich die Stromkunden einstellen müssen. Von Marcus Gatzke und Karin Spitra

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Der Bundesgerichtshof (BGH) hat einen Kürzungsbescheid der Bundesnetzagentur für Netzentgelte des Energiekonzerns Vattenfall weitgehend bestätigt. Die Regulierungsbehörde hatte Vattenfall vor zwei Jahren zu einer Senkung seiner beantragten Entgelte um 18 Prozent verpflichtet, die der Konzern von den Energieversorgern für die Nutzung seiner Stromnetze verlangen darf. Vattenfall war daraufhin durch alle Instanzen gezogen, um diesen Kürzungsbescheid zu bekämpfen. Erfolglos, wie man nach dem heutigen Urteil sagen kann.

Experten erwarten, dass dieses BGH-Urteil nun indirekt zu niedrigeren Verbraucherpreisen führen wird. Wir erklären, wer die Hauptakteure auf dem Strommarkt sind, was das Urteil für Verbraucher wirklich bedeutet - und was man rund um den Wechsel des Anbieters wissen muss.

Was bedeutet das Urteil für die Verbraucher?

"Kurzfristig leider erst einmal nichts", bedauert Aribert Peters, Vorsitzender des Bund der Energieverbraucher. "Eine unmittelbare Senkung der Preise ist nicht zu erwarten, nicht für Kunden von Vattenfall, und auch nicht von anderen Stromanbietern." Der Grund: Vom jetzigen Urteil seien nur die Übertragungsnetzentgelte betroffen - und die wären nur mit 0,5 Cent pro kWh am aktuellen Strompreis beteiligt. Für die deutlich höhren Verteilernetzentgelte - die den Rest von ca. fünf bis sechs Cent an den Netzentgelten ausmachen - würde das BGH-Urteil nicht gelten.

"Trotzdem ist das Urteil der Obersten Richter ein wichtiges Signal, dass die Netzentgelte überhöht sind - und dass die Bundesnetzagentur den Markt und die Anbieter noch schärfer kontrollieren sollte", so Peters. Als Rat an die Verbraucher hat Peters denn auch nur parat: "Tarife vergleichen, Anbieter wechseln - und sich wehren!"

Was sind Netzentgelte?

Die Netzentgelte werden fällig, wenn ein Energieversorger seinen Strom durch das Netz eines Konkurrenten leiten will. Sie machen derzeit rund 30 Prozent des Strompreises aus. Die Entgelte werden von der Bundesnetzagentur geprüft und genehmigt. Das Entgelt muss angemessen, diskriminierungsfrei und transparent sein, heißt es dazu von der Behörde.

Die Entgelte werden in Cent pro Kilowattstunde berechnet. Teil der Netzentgelte sind auch Systemdienstleistungen wie Abrechnungen des Netzbetreibers mit dem Lieferanten, Regel- und Ausgleichsleistungen. Alle Stromnetzbetreiber in Deutschland sind verpflichtet, ihre jeweils gültigen Netznutzungsentgelte im Internet zu veröffentlichen.

Wie viele Stromunternehmen gibt es?

Derzeit gibt es in Deutschland vier große Verbundunternehmen (Eon, RWE, EnBW, Vattenfall). Diese haben sich durch horizontale Unternehmenszusammenschlüsse gebildet. Hinzu kommen circa 60 regionale Versorger, 25 größere Stadtwerke, 700 mittlere und kleinere Stadt- und Gemeinde-Werke, 100 kleinere private Lokal-Versorger und 150 Händler und Ökostromanbieter. An einer Vielzahl von Stadtwerken halten die großen Verbundunternehmen Beteiligungen. Außerdem gibt es eine Reihe von Stromanbietern, die Tochterunternehmen der großen vier Energiekonzerne sind.

Neu ist vor allem der Bereich der Ökostromanbieter. Es gibt bundesweit liefernde Ökostromanbieter, unter anderem Naturstrom, Lichtblick, EWS Schönau und Greenpeace Energy. Hinzu kommen regionale Ökostromanbieter. Und auch die großen Stromunternehmen bieten Ökostromprodukte an. Bisher ist der Ökostrommarkt mit einem Marktanteil von etwa 1 Prozent eine vergleichsweise kleine Größe auf dem Strommarkt. (Quelle: Verbraucherzentrale)

(siehe auch Artikel "Vier Konzerne teilen sich den Markt"

Wer besitzt die Stromnetze in Deutschland?

In Deutschland gibt es derzeit vier große Netzbetreiber - Eon, Vattenfall, RWE und ENBW. Gleichzeitig verfügen sie über 80 Prozent der Kraftwerksleistung. Damit ist das Übertragungsnetz in vier regionalen Monopolen organisiert. Und gerade dieser Umstand führte in der Vergangenheit immer wieder zu massiver Kritik. Die Monopolstellung erlaubte es den Betreibern, überhöhte Netzentgelte zu verlangen und so Konkurrenten aus dem eigenen Markt fernzuhalten.

Verbundnetz reicht von Sizilien bis Dänemark Die Stromnetze aller europäischen Länder sind zusammengeschaltet und bilden ein so genanntes Verbundnetz. Es reicht von Dänemark bis Sizilien und von Ostpolen bis Gibraltar. Das Stromverbundnetz ist wie ein Straßennetz aufgebaut - mit Autobahnen, Bundesstraßen und Landstraßen. Die Höchst - und Hochspannungsleitungen zählen dabei zu den Autobahnen, an ihnen hängen alle untergeordneten Netze.

Für den Fall, dass es irgendwo im Netz zu einem Stromausfall kommt, hält das Stromverbundnetz Energiereserven vor. So können Engpässe von bis zu einigen tausend Megawatt innerhalb kurzer Zeit ausgeglichen werden. Umgekehrt allerdings kann sich eine Störung im Stromnetz - zum Beispiel durch Unter- oder Überspannung - in einer Kettenreaktion ausbreiten und so Auswirkungen auf Abnehmer in anderen Staaten haben, ähnlich Staus auf der Autobahn in der Ferienzeit.

Welche Möglichkeiten hat die Bundesnetzagentur?

Die Bundesnetzagentur ist eine Bundesoberbehörde mit dem Sitz in Bonn. Aufsichtsbehörde ist das Bundesministerium für Wirtschaft. Aufgabe der Bundesnetzagentur ist es, die Einhaltung der der Elektrizität, dem Gas, der Telekommunikation, der Post und den Eisenbahnen zu Grunde liegenden Vorschriften sicherzustellen. Insofern ist sie als Regulierungsbehörde tätig. Zudem soll sie durch Liberalisierung und Deregulierung der entsprechenden Märkte für eine Weiterentwicklung sorgen.

Schon jetzt werden von ihr die Netzentgelte genehmigt. Ab Januar 2009 tritt zusätzlich noch die so genannte Anreizregulierung in Kraft. Die Betreiber von Strom- und Gasnetzen sollen so die Gebühren, die sie für die Netznutzung berechnen, schrittweise dem Niveau des günstigsten Anbieters angleichen. Dadurch soll es zu mehr Wettbewerb und zu niedrigeren Strompreisen kommen.

Wie setzt sich der Strompreis in Deutschland zusammen?

Derzeit setzt sich der Strompreis in Deutschland aus folgenden Komponenten zusammen:

- Arbeitspreis Der Strompreis pro Kilowattstunde (Cent/kWh), d.h. diese Komponente ist verbrauchsabhängig.

- Leistungspreis Entgelt für die Bereitstellung von elektrischer Leistung, ein fester Betrag in Euro/Jahr, bzw. bei Leistungsmessung ein Betrag in Abhängigkeit von der jeweils beanspruchten Spitzenleistung (kW) aus dem Versorgungsnetz. Für Haushalte liegt er bei ca. 25 bis 35 Euro pro Jahr.

- Verrechnungspreis Entgelt für die Kosten der Verrechnung sowie der technisch notwendigen Mess- und Steuereinrichtungen (Zähler, etc.), in der Regel in Euro pro Jahr, die Höhe ist zum Teil abhängig von der Art des Zählers, liegt aber ungefähr zwischen 25 und 50 Euro pro Jahr.

- Stromsteuer (=Ökosteuer) Mit ihr soll die Erzeugung umweltfreundlicher Energie unterstützt werden. Die Ökosteuer beträgt 2,05 Cent netto.

- Durchleitungsentgelt (=Netzentgelt) Kosten für die Benutzung des Leitungsnetzes, zu zahlen an das netzbetreibende Unternehmen.

- Konzessionsabgabe Laut Konzessionsabgabenverordnung vom 22. Juli 1999 dürfen die Gemeinden und Landkreise, je nach Einwohnerzahl, nach wie vor einen bestimmten Betrag pro Kilowattstunde für die Nutzung von öffentlichen Verkehrswegen verlangen:
bis 25.000 Einwohner 1,32 Cent pro Kilowattstunde
bis 100.000 Einwohner 1,59 Cent pro Kilowattstunde
bis 500.000 Einwohner 1,99 Cent pro Kilowattstunde
über 500.000 Einwohner 2,39 Cent pro Kilowattstunde


Mehrwertsteuer derzeit 19% (auf alle obigen Bestandteile).

In der Regel setzen sich also Arbeitspreis, Ökosteuer, Konzessionsabgabe zum kWh-Preis zusammen; Leistungspreis, Verrechnungspreis und Durchleitungsentgelt ergeben zusammen die "Grundgebühr".

Quelle: Verivox

Wenn man den Strompreis prozentuell gewichten will, dann setzt er sich für Haushaltskunden in der Grundversorgung derzeit aus folgenden Kostenbestandteilen zusammen:

- Übertragungsnetzkosten: circa 30 Prozent
- Strombezugskosten und Vertrieb: circa 30 Prozent
- Staatliche Abgaben, Steuern, Umlagen: circa 40 Prozent
darin enthalten: Konzessionsabgabe (8,8 Prozent), Zuschlag nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (4 Prozent) und Zuschlag nach dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (1,4 Prozent), Stromsteuer (10 Pro-zent) und Mehrwertsteuer (16 Prozent). Der durchschnittliche Gesamtpreis in Deutschland in Cent pro Kilowattstunde betrug am 1. April 2007 übrigens 20,12 Cent. Quelle: Verbraucherzentrale (Zahlen gerundet)

Was soll ich tun, wenn mein Strompreis nicht sinkt?

Darauf gibt es nur eine einzige Antwort: Wechseln Sie den Anbieter. Sofort!

Denn unter Einhaltung der vertraglichen Kündigungsfrist können Sie jederzeit einen neuen Anbieter suchen. Erhöht Ihr aktueller Stromversorger die Preise, haben Sie ein Sonderkündigungsrecht und dürfen gleich wechseln.

Was muss ich über einen Anbieterwechsel wissen?

Ein Wechsel des Stromanbieters ist kinderleicht - und kann immerhin bis zu 300 Euro im Jahr sparen. Wechselwillige Stromkunden sollten dabei keine Angst haben, dann wegen einer Panne oder aus Rache des früheren Anbieters womöglich im Dunkeln zu sitzen und zu frieren. Denn der Grundversorger ist gesetzlich zur Belieferung mit Strom verpflichtet.

Wichtig: Auch nach einem Wechsel bleiben der Zähler (und die Stromleitungen) im Besitz des Netzbetreibers. Die Zählerstände werden entweder vom lokalen Versorger (meist den Stadtwerken) oder vom neuen Anbieter abgelesen. Für eventuelle Wartungsarbeiten ist nach wie vor der Netzbetreiber zuständig. Eine Auswechselung des Stromzählers ist bei einem Wechsel des Anbieters nicht nötig.

Wer nun seinen Anbieter wechseln will, sollten neben den persönlichen Daten noch folgende Angaben parat haben:
- Zählernummer
- Zählerstand
- gewünschter Liefertermin
- Name des örtlichen Versorgers
- Kundennummer


Dann steht einer günstigeren Stromrechnung nichts mehr im Wege.

Wie wechsele ich den Anbieter?

Für einen erfolgreichen Wechsel muss man eigentlich nur folgende Schritte befolgen:


1. Anbieter vergleichen Den günstigsten Tarif und Anbieter finden Verbraucher schnell und unkompliziert mit einem Strompreisvergleich. Diese gibt es im Internet zum Beispiel auf den Seiten www.verivox.de, www.billigstrom.de oder direkt bei www.stern.de.

2. Alte Abrechnung bereithalten Bei der Kontaktaufnahme mit dem potenziellen Neuanbieter sollte man die alte Rechnung zur Hand haben, um den Verbrauch und die Zählernummer anzugeben. Ist der Vertrag mit dem neuen Lieferanten abgeschlossen, kümmert der sich um den Papierkram und kündigt auch beim alten Energieversorger. Dieser liest aber weiterhin den Stromzähler ab und wird dafür vom neuen Anbieter bezahlt. Die ganze Wechselprozedur dauert in Schnitt etwa sechs Wochen.

3. Auf das Kleingedruckte achten Bei der derzeitigen Achterbahnfahrt der Strompreise sollten Verbraucher sich auf keine längere Erstlaufzeit als ein Jahr festlegen und danach auf eine möglichst kurze Kündigungsfrist des Neuvertrags von einem Monat zum Ende des nächsten Kalendermonats achten.

4. Preisgarantie fordern Bei den ständigen Preiserhöhungen kann es vorkommen, dass der neue Anbieter, kaum dass man Kunde wurde, den Preis erhöht - und der Sparvorteil ist wieder futsch. Deshalb sollte man sich vom neuen Versorger eine Preisgarantie geben lassen.

5. Hände weg von Paketlösungen Strompakete, wie sie z.B. Flexstrom anbietet, sind riskant: Verbraucht man mehr, als im Paket enthalten, wird es richtig teuer. Verbraucht man weniger, hat man Pech gehabt. Wer seinen Stromverbrauch nicht genau kennt, sollte die Finger davon lassen.

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
BiffBoffo (14.08.2008, 16:24 Uhr)
Beobachten was passiert
Da sehr viele Politiker in der Lobby der Engeriekonzerne sind, was eigentlich verboten gehört, würde ich das ganze jetzt mal ganz genau beobachten was in diesem Markt jetzt passiert. Eigentlich könnten die Energiekonzerne mal ihre millionen schweren Werbebotschaften einstampfen lockt eh keinen hinter dem ofen vor. ;)
utospatz (14.08.2008, 15:48 Uhr)
Sollte da tatsächlich ein deutsches Gericht
versuchen, einer Mafia einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen? So sag ich denn, ganz auf die Schnelle, versammelt sind dort nur politische Kriminelle!
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