Die beste Schule Deutschlands

10. Juni 2011, 14:56 Uhr

Eine Gesamtschule aus Göttingen ist die beste Schule Deutschlands. stern.de verrät, was die Gewinnerin des Deutschen Schulpreises auszeichnet. Von Catrin Boldebuck

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Schüler der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule warten gebannt auf die Vergabe des Deutschen Schulpreises©

Bundespräsident Christian Wulff übergab am Freitag in der Berliner St. Elisabeth-Kirche den Deutschen Schulpreis. Die begehrte Trophäe ging in diesem Jahr an die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen. Zu dem bundesweiten Wettbewerb rufen jedes Jahr die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung in Kooperation mit dem stern und der ARD auf.

Für den größten und mit 230.000 Euro höchst dotierten Schulpreis bewarben sich seit Beginn des Wettbewerbs vor fünf Jahren über tausend Schulen. In diesem Jahr waren es 119. Ziel ist es, gute Schulen zu finden, sie auszuzeichnen und zu Vorbildern zu machen. Damit alle anderen von ihnen lernen können. Bundespräsident Christian Wulff: "In den Schulen werden die Grundlagen für die Zukunft unseres Landes gelegt. Deshalb ist es so wichtig, dass exzellente Unterrichtskonzepte wie die der Preisträgerschulen Schule machen und von hervorragenden Lehrern umgesetzt werden."

1.Platz: Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen

Nicht nur beim Kriterium Leistung erhielt die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, kurz IGS, die Bestnote A. Auch bei den übrigen fünf Kategorien des Deutschen Schulpreises schnitt sie hervorragend ab: Vielfalt, Unterricht, Verantwortung, Schulleben und Schulentwicklung. Die 14-köpfige Jury entschied deshalb einstimmig: Die Georg-Lichtenberg-Gesamtschule bekommt den Hauptpreis 2011. Sie ist die beste Schule Deutschlands.

Burak kam mit einer Hauptschulempfehlung in die fünfte Klasse der IGS. Da hatte er schon einmal eine Klasse wiederholt. "Ich hatte das Gefühl: Aus mir wird nichts. Die anderen in der Klasse waren für mich lauter Streber. Im Unterricht habe ich viel Mist gebaut." Aber die Lehrer bestraften ihn nicht, sondern fragten: Warum machst du das? "Sie haben mir klar gemacht: Du kannst etwas erreichen", erzählt Burak, der heute in die zwölfte Klasse geht. Nach seinem Abitur will der 18-Jährige an die Uni gehen und studieren. Sein Berufsziel: Lehrer für Biologie und Deutsch.

Trotz Hauptschulempfehlung zum Abitur

In der Oberstufe der IGS trifft man viele Schüler wie Burak, denen die Lehrer in der Grundschule das Abitur nicht zugetraut haben. Die Lehrer schaffen es nicht nur, keinen Schüler zu verlieren, sie spornen sie auch zu Höchstleistungen an. 2010 machte die beste Abiturientin Niedersachsens mit einem Schnitt von 0,7 hier ihr Abitur, jeder vierte Schüler hatte eine Eins vor dem Komma bei seinem Abschlusszeugnis.

Das gelingt den Lehrern durch eine ganz besondere Lernform: den "Tischgruppen". Je sechs Schüler bilden so ein Lernteam. Im Klassenzimmer der 9.3. stehen die Schulbänke zu Sechsertischen angeordnet wie in der Grundschule. Die insgesamt 30 Schüler bilden fünf "TGs". Die Tischgruppen bringen die zusammen, die in Deutschland sonst möglichst früh streng getrennt werden: Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten. Sie lernen hier gemeinsam.

Finn sitzt neben der ernsthaften Gretje. "Ich bin manchmal ein bisschen faul, sie gibt mir Anstoß", sagt der 15-Jährige aus der 9.3. Das gilt aber auch umgekehrt: "Er kann sehr gut logisch denken, wenn er sich anstrengt", sagt Gretje. Sie gehört mit einem Notenschnitt von 1,5 zu den Klassenbesten.

"So einen Unterricht habe ich noch nicht erlebt"

Melissa, genannt "Melle", teilt sich die Bank mit dem stillen Maurice. "Weil er besser Mathe kann als ich." Von der Grundschule bekam Melissa nur eine Empfehlung für die Hauptschule. An der IGS hat sie sich so weit gesteigert, dass sie im nächsten Jahr einen guten Realschulabschluss schaffen wird. Annas Nachbarin Mehtap trägt ein Halstuch mit Leoparden-Muster, eine kunstvoll zerrissene schwarze Leggings und Nietengürtel. "Vorher hatten wir nicht viel miteinander zu tun", gibt Anna mit den Perlohrringen zu, "aber ich mag sie und wir können gut zusammen arbeiten."

"So einen Unterricht habe ich noch nicht erlebt", sagt Hans Anand Pant Direktor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Der Professor ist Mitglied der Schulpreis-Jury und hat die Gesamtschule zwei Tage lang inspiziert. "Die Schüler werden ständig angehalten ihre Lernergebnisse zu präsentieren. Die Tischgruppen sind toll." Wolfgang Vogelsaenger, Schulleiter der IGS sagt: "In der Tischgruppe sitzt der zukünftige Maurer neben dem späteren Architekten. Wenn sie bei uns gelernt haben, miteinander zu sprechen und zu arbeiten, dann schaffen die das auch als Erwachsene."

Der Schulpreis wird die letzten Zweifler überzeugen

Der 59-Jährige leitet die IGS seit neun Jahren. Vor 35 Jahren wurde die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule von Wissenschaftlern, Lehrern, Eltern, Politikern und Architekten als Gegenmodell zum klassischen dreigliedrigen Schulsystem entwickelt. Heute kämpft Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger um ausreichende Lehrerstellen. Und er fordert die Erhaltung von G9. In Niedersachsen sollen auch die Gesamtschulen die Zeit bis zum Abitur wie die Gymnasien um ein Jahr kürzen (G8). "Andere Schulen können von der IGS lernen: Es braucht eine Vision", sagt Gisela Schultebraucks-Burghardt von der Schulpreis-Jury. "Die Lehrer brennen immer noch für ihre Schule. Das lässt sich nicht von oben verordnen."

Josephine wechselte vor einem Jahr an die IGS; die 17-Jährige hielt den Druck am G8-Gymnasium nicht mehr aus. "An meiner alten Schule herrschte eine Ellbogen-Gesellschaft. Hier ist es ganz anders. Meine neuen Klassenkameraden kommen auf mich zu, um mir zu helfen." Bevor Josephine sich entschied, vom Gymnasium an die Gesamtschule zu wechseln überlegte sie gründlich: "Habe ich später vielleicht Nachteile, weil ich mein Abitur hier gemacht habe?" In konservativen Göttinger Kreisen stand die Abkürzung IGS lange für "Idioten Gesamtschule". "Aber wichtig ist doch, dass ich mich wohlfühle", sagt Josephine. Der Schulpreis wird nun auch die letzten Zweifler überzeugen: Die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen ist eine ausgezeichnete Schule.

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Der Wettbewerb Über tausend Schulen haben sich beim Deutschen Schulpreis in den letzten fünf Jahren beworben, 119 waren es in diesem Jahr. Davon wählten die Mitglieder der Schulpreis-Jury 20 Schulen aus und inspizierten sie zwei Tage lang. Die 14 Wissenschaftler, Schulleiter und Pädagogen prüfen sechs Kriterien: Leistung, Schulklima, Verantwortung, Unterrichtsqualität, Umgang mit Vielfalt und Schulentwicklung.

Die Preisträger
Die Siegerschule, die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen bekommt 100.000 Euro. Vier weitere Schulen erhalten Anerkennungspreise von je 25.000 Euro: Johann-Schöner-Gymnasium, Karlstadt; Marktschule, Bremerhaven; Gemeinschaftsgrundschule Hackenberg, Remscheid und Ganztagsschule Johannes Gutenberg, Wolmirstedt. Außerdem gibt es zwei Sonderprei-se (je 15.000 Euro): Das Genoveva-Gymnasium in Köln erhält den „Preis der Jury“ für ihren vorbildlichen Umgang mit Vielfalt, die Heinz-Brandt-Schule in Berlin den „Preis der Akademie“ für Schulentwicklung und ihre Leistung bei der Berufsorientierung.

Das Netzwerk
Die Lehrer der Siegerschulen werden fünf Jahre lang Mitglied der „Akademie des Deutschen Schulpreises“. Damit sie voneinander lernen und gemeinsam Unterrichtskonzepte entwickeln.

Die Stiftung
Seit 1963 setzt die Robert Bosch Stiftung die gemeinnützigen Absichten des Firmgründers fort. Bis 2010 gab die Stiftung rund 1 Milliarde Euro für die Förderung der Wissenschaft, Bildung, Gesellschaft, Gesundheit, Völkerverständigung und Kultur aus. 1971 gründeten die Kinder von Robert Bosch, Eva Madelung und Robert Bosch der Jüngere, die Heidehof Stiftung. Die konzentriert ihre Arbeit auf Bildung, Hilfen für Menschen mit Behinderung, Gesundheit, Soziales, Ökologie und Naturschutz.

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