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Die beste Schule Deutschlands

Eine Gesamtschule aus Göttingen ist die beste Schule Deutschlands. stern.de verrät, was die Gewinnerin des Deutschen Schulpreises auszeichnet.

Von Catrin Boldebuck

  Schüler der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule warten gebannt auf die Vergabe des Deutschen Schulpreises

Schüler der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule warten gebannt auf die Vergabe des Deutschen Schulpreises

  • Catrin Boldebuck
    Catrin Boldebuck

Bundespräsident Christian Wulff übergab am Freitag in der Berliner St. Elisabeth-Kirche den Deutschen Schulpreis. Die begehrte Trophäe ging in diesem Jahr an die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen. Zu dem bundesweiten Wettbewerb rufen jedes Jahr die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung in Kooperation mit dem stern und der ARD auf.

Für den größten und mit 230.000 Euro höchst dotierten Schulpreis bewarben sich seit Beginn des Wettbewerbs vor fünf Jahren über tausend Schulen. In diesem Jahr waren es 119. Ziel ist es, gute Schulen zu finden, sie auszuzeichnen und zu Vorbildern zu machen. Damit alle anderen von ihnen lernen können. Bundespräsident Christian Wulff: "In den Schulen werden die Grundlagen für die Zukunft unseres Landes gelegt. Deshalb ist es so wichtig, dass exzellente Unterrichtskonzepte wie die der Preisträgerschulen Schule machen und von hervorragenden Lehrern umgesetzt werden."

1.Platz: Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen

Nicht nur beim Kriterium Leistung erhielt die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, kurz IGS, die Bestnote A. Auch bei den übrigen fünf Kategorien des Deutschen Schulpreises schnitt sie hervorragend ab: Vielfalt, Unterricht, Verantwortung, Schulleben und Schulentwicklung. Die 14-köpfige Jury entschied deshalb einstimmig: Die Georg-Lichtenberg-Gesamtschule bekommt den Hauptpreis 2011. Sie ist die beste Schule Deutschlands.

Burak kam mit einer Hauptschulempfehlung in die fünfte Klasse der IGS. Da hatte er schon einmal eine Klasse wiederholt. "Ich hatte das Gefühl: Aus mir wird nichts. Die anderen in der Klasse waren für mich lauter Streber. Im Unterricht habe ich viel Mist gebaut." Aber die Lehrer bestraften ihn nicht, sondern fragten: Warum machst du das? "Sie haben mir klar gemacht: Du kannst etwas erreichen", erzählt Burak, der heute in die zwölfte Klasse geht. Nach seinem Abitur will der 18-Jährige an die Uni gehen und studieren. Sein Berufsziel: Lehrer für Biologie und Deutsch.

Trotz Hauptschulempfehlung zum Abitur

In der Oberstufe der IGS trifft man viele Schüler wie Burak, denen die Lehrer in der Grundschule das Abitur nicht zugetraut haben. Die Lehrer schaffen es nicht nur, keinen Schüler zu verlieren, sie spornen sie auch zu Höchstleistungen an. 2010 machte die beste Abiturientin Niedersachsens mit einem Schnitt von 0,7 hier ihr Abitur, jeder vierte Schüler hatte eine Eins vor dem Komma bei seinem Abschlusszeugnis.

Das gelingt den Lehrern durch eine ganz besondere Lernform: den "Tischgruppen". Je sechs Schüler bilden so ein Lernteam. Im Klassenzimmer der 9.3. stehen die Schulbänke zu Sechsertischen angeordnet wie in der Grundschule. Die insgesamt 30 Schüler bilden fünf "TGs". Die Tischgruppen bringen die zusammen, die in Deutschland sonst möglichst früh streng getrennt werden: Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten. Sie lernen hier gemeinsam.

Finn sitzt neben der ernsthaften Gretje. "Ich bin manchmal ein bisschen faul, sie gibt mir Anstoß", sagt der 15-Jährige aus der 9.3. Das gilt aber auch umgekehrt: "Er kann sehr gut logisch denken, wenn er sich anstrengt", sagt Gretje. Sie gehört mit einem Notenschnitt von 1,5 zu den Klassenbesten.

"So einen Unterricht habe ich noch nicht erlebt"

Melissa, genannt "Melle", teilt sich die Bank mit dem stillen Maurice. "Weil er besser Mathe kann als ich." Von der Grundschule bekam Melissa nur eine Empfehlung für die Hauptschule. An der IGS hat sie sich so weit gesteigert, dass sie im nächsten Jahr einen guten Realschulabschluss schaffen wird. Annas Nachbarin Mehtap trägt ein Halstuch mit Leoparden-Muster, eine kunstvoll zerrissene schwarze Leggings und Nietengürtel. "Vorher hatten wir nicht viel miteinander zu tun", gibt Anna mit den Perlohrringen zu, "aber ich mag sie und wir können gut zusammen arbeiten."

"So einen Unterricht habe ich noch nicht erlebt", sagt Hans Anand Pant Direktor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Der Professor ist Mitglied der Schulpreis-Jury und hat die Gesamtschule zwei Tage lang inspiziert. "Die Schüler werden ständig angehalten ihre Lernergebnisse zu präsentieren. Die Tischgruppen sind toll." Wolfgang Vogelsaenger, Schulleiter der IGS sagt: "In der Tischgruppe sitzt der zukünftige Maurer neben dem späteren Architekten. Wenn sie bei uns gelernt haben, miteinander zu sprechen und zu arbeiten, dann schaffen die das auch als Erwachsene."

Der Schulpreis wird die letzten Zweifler überzeugen

Der 59-Jährige leitet die IGS seit neun Jahren. Vor 35 Jahren wurde die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule von Wissenschaftlern, Lehrern, Eltern, Politikern und Architekten als Gegenmodell zum klassischen dreigliedrigen Schulsystem entwickelt. Heute kämpft Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger um ausreichende Lehrerstellen. Und er fordert die Erhaltung von G9. In Niedersachsen sollen auch die Gesamtschulen die Zeit bis zum Abitur wie die Gymnasien um ein Jahr kürzen (G8). "Andere Schulen können von der IGS lernen: Es braucht eine Vision", sagt Gisela Schultebraucks-Burghardt von der Schulpreis-Jury. "Die Lehrer brennen immer noch für ihre Schule. Das lässt sich nicht von oben verordnen."

Josephine wechselte vor einem Jahr an die IGS; die 17-Jährige hielt den Druck am G8-Gymnasium nicht mehr aus. "An meiner alten Schule herrschte eine Ellbogen-Gesellschaft. Hier ist es ganz anders. Meine neuen Klassenkameraden kommen auf mich zu, um mir zu helfen." Bevor Josephine sich entschied, vom Gymnasium an die Gesamtschule zu wechseln überlegte sie gründlich: "Habe ich später vielleicht Nachteile, weil ich mein Abitur hier gemacht habe?" In konservativen Göttinger Kreisen stand die Abkürzung IGS lange für "Idioten Gesamtschule". "Aber wichtig ist doch, dass ich mich wohlfühle", sagt Josephine. Der Schulpreis wird nun auch die letzten Zweifler überzeugen: Die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen ist eine ausgezeichnete Schule.

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Ganztagsschule Johannes Gutenberg, Wolmirstedt

Am Anfang ist das Wort. Nur will es erstmal nicht heraus. Dennis schielt den Bleistift vor sich an, schnippt einen Krümel vom Tisch. Eigentlich soll die Tischgruppe hinten links, sollen die vier Schüler hier im Klassenraum der 7b, argumentieren üben. Doch das Thema "Ist Lesen nicht mehr trendy?" trifft wohl nicht Dennis' Nerv. Lustlos wippt er auf seinem Stuhl. Da horcht er auf. "Ist doch viel zu anstrengend, ein Buch aufzuschlagen", grinst ihn Maik an. "Im Internet gibt es Filme über alles." Dennis gibt sich einen Ruck. "Ach", sagt er gedehnt und beugt sich vor, "zum Anklicken solcher Filme musst du also nicht lesen können?"

So also läuft der Deutschunterricht an der gebundenen Ganztagsschule Johannes Gutenberg in Wolmirstedt. In festen Tischgruppen lernen die Schüler, nach dem Prinzip der Leistungsheterogenität zusammengesetzt. Und heute ist es der lernschwache Maik, der Klassenprimus Dennis aus seiner Lethargie reißt. Im Stakkato schreiben beide nun gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen Petra und Nicole Argumente auf. Den Pausenruf überhören sie nahezu. Rektor Helmut Thiel lächelt. "Schule heißt für uns, dass wir uns alle gemeinsam weiterbilden - Schüler und Lehrer, als würden wir in einem Feuer die Flammen hochpusten".

  Schüler der Johannes-Gutenberg-Schule in Wolmirstedt in der Pause

Schüler der Johannes-Gutenberg-Schule in Wolmirstedt in der Pause

In der Gutenbergschule in Wolmirstedt, 15 Kilometer nördlich von Magdeburg, lodert es gewaltig. Eine beeindruckende Entwicklung hat die ehemalige Polytechnische Oberschule "Wladimir Iljitsch Lenin" hingelegt. 1981 wurde sie erbaut, seit 1985 stand Thiel ihr vor. Dem Mauerfall folgte eine "tolle Zeit", erinnert sich Thiel, als er den in hellen Pastellfarben getauchten Schulflur entlangschreitet. "Bis 1991 besuchten wir zig Schulen, suchten kreative Ideen." Den sich aufdrängenden Problemen - Rückgang der Schülerzahlen, Erschütterung der Sozialstrukturen - begegnete die Schule mit dem Versuch, stetig ihre Qualität zu verbessern. Thiel sagt es etwas trocken: "Wir analysieren halt und suchen dann nach Lösungen."

Die Gutenberger machten sich auf einen Weg, dessen Ende auch heute nicht absehbar ist. Sie stellten sich im Laufe der Jahre externen Überprüfungen, luden Experten ein, setzten Anregungen um. Mit Erfolg: Längst nicht alle gemeldeten Kinder kann sie aufnehmen. Über 90 Prozent der Schüler erreichen einen Realschulabschluss. Zwanzig Prozent der Abgänger wechseln aufs Gymnasium, nur zwei Schüler haben seit 1996 dort keinen Abschluss geschafft. Und die PISA-Lernergebnisse zeigen die Schule im Trend der Landesgymnasien.

Einen Grund für die guten Schülerleistungen sieht Thiel in einer Neuerung seit 2006: dem Selbstorganisierten Lernen (SOL). Am lautesten an diesem SOL ist die Stille. Wie vertieft die Schüler an ihren Aufgaben sitzen, wie bei einer Klausur - nur viel entspannter. Sarah, 12, zieht einen Knopfhörer aus dem rechten Ohr. "Ich konnte die Klasse überzeugen, dass ich bei Musik besser lerne", sagt sie, geht an die Tafel. "Weiß jemand, was 'my hobby by heart' heißt?", schreibt sie mit Kreide. Nach einer halben Minute setzt ihr Mitschüler Sascha die Antwort darunter.

SOL findet statt zur Primetime, jeden Tag in der dritten und vierten Stunde, ein Filetstück im Stundenplan bei allgemein höchster kognitiver Leistungsfähigkeit. "Wir merken, wie die Lernleistung insgesamt durch das SOL gestiegen ist", flüstert Thiel. In den 90 Minuten setzen sich die Schüler an Pflichtaufgaben aus allen Fächern. Zusätzlichen Wahlaufgaben stellen sie sich selbst und wählen dabei den Schwierigkeitsgrad. In einem Lernplaner, einem grünen Büchlein, dokumentiert jeder seinen Lernfortschritt.

Draußen auf dem Flur geht das selbstorganisierte Lernen weiter. Tische stehen neben Gummibäumen und Yuccapalmen, an ihnen emsiges Lernen. Auch in der "Futterluke", der Mensa, sitzen Schüler hinter Büchern. "Darf ich mal euren Ausweis sehen", sagt Thiel und setzt ein strenges Gesicht auf. Nils und Kevin zücken eine grüne Lichtbildkarte. Wer sich "verantwortlich" verhält, darf während der SOL-Einheiten in der Mensa arbeiten, noch beliebter seien nur die Lerninseln auf dem Hof, sagt Kevin und zuckt mit den Schultern: Regenschauer peitschen ans Fenster. Die Holzpavillons draußen mit den Tischbänken trotzen verwaist einem strengen Westwind. Nils zieht sich die Schirmmütze nach hinten. "Dass wir in der Futterluke lernen können, haben wir gegen die Lehrer durchgesetzt." Thiel räuspert sich. Nun ja, man habe im Kollegium halt Bedenken gehabt, sagt er, wegen der Aufsicht und den Getränkeautomaten. Nils grinst. "Die Lehrer haben dann Zeit erhalten, mal nachzudenken."

So läuft das in Wolmirstedt. Die Schulkonferenz, bestehend zu je einem Drittel aus Schülern, Eltern und Lehrern, setzte sich über die Bedenken der Pädagogen hinweg. Eine doppelte Stimme hat Thiel nicht. Und ist darüber froh. "Die Mensa hat sich als ein ausgezeichneter Lernort erwiesen", sagt er. "Man lernt ja nie aus." Jede Neuerung im Unterricht geht diesen Weg. Eine Klasse prüft eine Anregung im Pilotprogramm, dann entscheidet die Konferenz für die ganze Schule - alle Gruppen sind beteiligt.

Die SOL-Einheit der Schüler nutzen die Lehrer der Klasse 9a zu einer "Kommunikationsstunde ". Sie beraten, wer welche Stunden für die Lernwerkstatt "Leonardo da Vinci" verwendet. "In Hauswirtschaftslehre könnten wir Rezepte aus der Renaissance nachkochen", schlägt Iris Nickel vor. "Allerdings kenne ich nicht die alten Maße, wäre das etwas für den Matheunterricht?" Birgit Schellhase nickt.

Quer durch alle Fächer sprechen sich die Pädagogen über ihren Zugang zum Phänomen da Vinci ab. Die Kommunikationsstunde ist fester Bestandteil des in Viertelstunden getakteten Stundenplans. Er erlaubt mehr Flexibilität als die klassische Dreiviertelstunde. Auch "Sorgenfälle" kann das Lehrerteam schnell erörtern. Seit zehn Jahren gibt es keinen Abbrecher und keine erzwungene Wiederholung mehr. Vorausschauend organisieren die Lehrer für versetzungsgefährdete Schüler drei Ferienakademien im Jahr. Mindestens zwei Wochen im Jahr bringt jeder Lehrer in die Akademien ein, für den Einzelunterricht. "Das ist einfach Solidarität ", sagt Thiel.

Auch das ist Wolmirstedt: Wertvolle Elemente der Schulkultur aus der DDR-Zeit hat man sich hier bewahrt; Fürsorge für die Schüler, eine hohe Verbindlichkeit im Umgang mit gefassten Beschlüssen - und Solidarität. Die Schüler zahlen sie zurück, auf ihre Weise. Draußen auf dem Hartgummiplatz kämpfen acht Jungs und ein Ball gegen Wind und Regen an. Im Kurs "Miteinander Leben" bolzen Gutenberger und Jungs aus der benachbarten Gerhard-Schöne-Schule für geistig Behinderte.

Wer von welcher Schule kommt, erkennt man im Spiel nicht. "Der Kurs ist bedeutsam", sagt Lehrerin Manuela Nebelung, "die Bewertungen kommen in die Ausbildungsbewerbungen ". Vor ihr dreschen die Jungs die Pille gegen eine Böe, der Ball kommt kaum voran. Mit einem Mal lässt der Wind nach. Im Doppelpass rennen zwei nach vorn, der Ball saust flach, da schüttelt ihn wieder der Wind - und schickt den Torwart in die falsche Ecke. Das Leder hüpft, wird langsamer und trudelt ins Netz.

Von Jan Rübel

Gemeinschaftsgrundschule Hackenberg, Remscheid

Eine gelbe Linie auf dem Asphalt markiert die Grenze. Daneben: Eine Bank zum Sitzen, falls es mal etwas länger dauert. Weiter dürfen die Eltern nicht, wenn sie ihre Kinder zur Schule bringen oder sie wieder abholen wollen. Vielen fällt es am Anfang schwer, ihr Kind mit dem großen Schulranzen auf dem Rücken ganz allein davongehen zu sehen. Doch von Anfang an erklären die Lehrer ihnen, wie wichtig Selbstständigkeit für die Entwicklung der Kinder ist. Sie regen an, dass die, die in der Nähe wohnen, den Schulweg allein gehen. Kinder, die gebracht werden müssen, können sie, statt an der Schule, ein paar Straßen vorher absetzen. Oder sie können sich mit dem Bringen abwechseln, so dass nicht immer die eigene Mutter oder der eigene Vater die Kinder fährt.

"Aber wenn Kinder oder Eltern starke Trennungsängste haben, zwingen wir ihnen natürlich nicht unsere Vorstellungen auf", so Schulleiterin Brigitte Dörpinghaus. "Sondern setzen uns behutsam damit auseinander und suchen gemeinsam nach der Ursache." Die Schüler zu größtmöglicher Selbstständigkeit zu erziehen ist ein wichtiges Ziel der Remscheider Gemeinschaftsgrundschule Hackenberg. Die 264 Erst- bis Viertklässler sollen sich nicht als unfertige Wesen erleben, die erst noch erwachsen werden müssen, sondern als mündige Forscher, als Entdecker einer großen, spannenden Welt.

  Morgenkreis der Klasse 1/2 b in der Gemeinschaftsgrundschule Hackenberg in Remscheid

Morgenkreis der Klasse 1/2 b in der Gemeinschaftsgrundschule Hackenberg in Remscheid

Die Schule gehört den Kindern, das sieht schon, wer den Schulbau betritt. Über und über sind die Flure dekoriert mit Fotos, mit Hasen und Pinguinen aus Pappe und getuschten Meerjungfrauen, deren Fischschwänze aus Alufolie lustig glitzern. Freundlich sieht es auch in den Klassenräumen aus. Die Tische in den hellgelb gestrichenen Räumen sind nicht zur Tafel gerichtet, sondern bilden, zu Gruppen zusammengestellt, kleine Inseln im Raum. Konzentriert arbeitet jedes Kind an seiner Aufgabe.

Die siebenjährige Jaqueline übt lesen. Dazu sucht sie sich aus einem Hängeregister das Heft mit ihrem Namen darauf. Dann marschiert sie zu dem großen Holzregal an der Rückwand des Klassenraums. Es ist voll mit Büchern, Materialkisten, Logik-Spielen und Arbeitsblättern. Jaqueline greift sich ein Ringbuch heraus, in dem auf jeder Seite ein kurzer Satz steht. "K" spricht sie den ersten Buchstaben leise aus. Dann kommt ein Buchstabe, der ihr noch nicht so geläufig ist. Sie schaut neben die Tafel, dort hängen die Buchstaben groß an der Wand, zusammen mit je einem Bild von einem Gegenstand, der mit diesem Buchstaben anfängt. "Kö", murmelt sie, dann "König", die erste Aufgabe ist gelöst.

Ihr Mitschüler Deniz befasst sich derweil mit dem Buchstaben "I". In der Hand hält er rosafarbene Bilderkarten, auf dem Tisch liegt verdeckt das dazugehörige Lösungsblatt. Karte für Karte schaut er sich an und sortiert die Begriff e heraus, die mit "I" beginnen. Ein Iglu und eine Insel liegen schon auf dem Stapel, es folgen ein Igel und ein Indianer. Am Ende dreht er das Lösungsblatt um und schaut, ob er alle Karten richtig herausgesucht hat. Die Kinder kontrollieren nicht nur eigenständig ihre Ergebnisse, sondern sie dokumentieren auch selbst, was sie erledigt haben. Mit Zettelkästen, in die sie die Wörter einsortieren, die sie schon beherrschen, und "Lernpässen", in die sie Aufgaben, die sie bewältigt haben, eintragen.

Eigenständigkeit bedeutet jedoch nicht, dass die Kinder mit dem Lernprozess alleingelassen werden. Während die Kinder arbeiten, geht Lehrerin Anne Keller durch den Raum, sieht den Kindern über die Schulter, mahnt sie zur Ruhe, wenn sie zu zappelig werden, und schaut, ob sie Wörter auch richtig schreiben. "Wir verstehen uns nicht als Wissensvermittler", erklärt sie, "sondern wir organisieren und begleiten das Lernen." Keller und ihre Kollegen gehen davon aus, dass Kinder von sich aus Lust haben, zu lernen. Sie wollen können, was die Großen können. Herausfinden, wie die Welt funktioniert. "Hilf mir, es selbst zu tun", lautet der Grundgedanke der Reformpädagogik, die Maria Montessori Anfang des 20. Jahrhunderts begründete.

Neben den vier jahrgangsgemischten ersten und zweiten Klassen und den je zwei dritten und vierten Klassen, gibt es in der Grundschule Hackenberg auch zwei Montessori-Klassen, in denen Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Noch stärker als in den anderen Klassen können sich die Großen hier als Experten wahrnehmen, die den Kleineren helfen können. Und sie lernen früh, wie man das behutsam macht: Vorsagen ist ebenso verboten, wie ein Kind auszulachen, weil es einen Fehler macht.

Fehler sind an der Grundschule Hackenberg alles andere als eine Katastrophe. Sie gehören zum Lernen dazu, sind wichtige Informationsquellen für Lehrer und Kinder: Wo hat sich der Stoff noch nicht in den Köpfen verankert? Auf welchem Feld braucht jemand Hilfe? Dass Fehler sein dürfen, müssen die 23 Lehrerinnen vor allem den Eltern regelmäßig erklären. Die sind es aus ihrer eigenen Kindheit gewohnt, dass man am besten durch die Schule kommt, wenn Diktate und Hausaufgaben möglichst ohne Patzer abgeliefert werden. Doch bei Brigitte Dörpinghaus schrillen die Alarmglocken, wenn ein Kind mit allzu perfekten Hausaufgaben in die Schule kommt. Das bedeutet nämlich zuweilen, die Eltern haben nachgeholfen, oder das Kind hat viel zu lange an der Aufgabe gesessen.

Für die Dauer der Hausaufgaben gelten an der Remscheider Schule strenge Regeln: Die Erst- und Zweitklässler sollen eine halbe Stunde arbeiten, die größeren eine Stunde. Hausaufgaben sind zum Üben da, nicht als Strafe für schwächere Kinder. Für die Kinder ist der souveräne Umgang mit Fehlern selbstverständlich. Selbstbewusst meldet sich die blonde Lisa aus der vierten Klasse, als ihre Lehrerin fragt, ob jemand Schwierigkeiten bei der Mathe- Hausaufgabe hatte. "Ja, ich, auf Seite 16. Ich wusste nicht, wie man das ausrechnet." Sie bringt das ganz sachlich vor, ohne Scham. "Wer hatte die Probleme noch?", fragt die Lehrerin, und ruft die, die noch Fragen haben zu sich, um die schwierige Aufgabe noch einmal durchzugehen.

Dass die Lehrer auf die Bedürfnisse jedes Kindes eingehen, macht es möglich, dass auch Kinder mit besonderem Förderbedarf und hochbegabte Kinder in den Klassen mit unterrichtet werden. Sie bekommen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Aufgaben und werden von Sonderpädagoginnen betreut. Acht Kinder, denen das Lernen besonders leicht fällt, treffen sich einmal in der Woche zum "Selbstlernen" in der Schulbibliothek. Im Augenblick arbeiten sie zum Thema "China". Die Viertklässlerin Lisa sitzt am Computer und stellt eine Power-Point-Präsentation zusammen. Dafür durchforstet sie das Internet nach Fotos von chinesischen Wohnhäusern.

Derweil beugt sich Mitschülerin Couna über ein Poster, das sie zum Thema "Wirtschaft" begonnen hat. "Die meisten Menschen verdienen wenig", schreibt sie mit Filzstift darauf. Ihre Ergebnisse wollen die Kinder in einer Ausstellung präsentieren. "Darauf freue ich mich schon", sagt Couna. "Dann können alle sehen: Das haben wir ganz alleine gemacht."

Von Sara Mously

Johann-Schöner-Gymnasium, Karlstadt

Buntstifte kratzen über Papier. Sonst ist es still im Klassenzimmer der 5b. "Wir malen Szenen aus der Josefsgeschichte", erklärt Franziska, 11. Religionslehrerin Claudia Patzer wurde für einen Moment ins Lehrerzimmer gerufen - die mündlichen Abiturprüfungen stehen an. Eine fünfte Klasse, ganz ohne Aufsicht, geht das? Es geht. Zumindest am Johann-Schöner-Gymnasium in Karlstadt am Main. Selbstständiges Arbeiten wird von der Eingangsklasse an geübt. Besichtigen lässt sich das auch im "Lernatelier". Der Raum, eine Mischung aus Bibliothek, Computerraum und Leseecke, ist wie geschaffen für moderne Lernformen - fürs Arbeiten allein oder in der Gruppe.

An diesem Vormittag recherchieren Siebtklässler zum Thema "Datenschutz im Internet". Einige blättern in Lexika, andere klicken sich durch Websites. "Man sollte im Internet nichts Privates über sich verraten", weiß Julia Gehrig. Die Zwölfjährige hat, wie die meisten in der Klasse, schon ein Profi l beim Online-Netzwerk Schüler-VZ. "Ich will mit meinen Freundinnen chatten", sagt sie. Anders ihre Mitschülerin Kristin Opp: "Ich treffe meine Freundinnen lieber persönlich." Sie bekennt selbstbewusst: "Ich brauche kein Schüler-VZ." Mittlerweile hat sich eine kleine Traube um die beiden gebildet, jeder hat zu dieser Diskussion etwas beizutragen. Die Unterhaltung beenden? Dafür sieht Kurslehrer Jochen Diehl keinen Grund. "Das Lernatelier ist ein Ort der Kommunikation", sagt er. "Das Gespräch gehört ebenso zum Unterricht wie die Faktenrecherche."

  Schulbeginn im Johann-Schöner-Gymnasium, Karlstadt

Schulbeginn im Johann-Schöner-Gymnasium, Karlstadt

Seit mehr als zehn Jahren entwickelt das Johann-Schöner-Gymnasium neue Konzepte für den Unterricht. Den Anfang machte eine kleine Gruppe Lehrer, die sich - als Reaktion auf das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der PISA-Studie - für mehr interne Evaluationen eingesetzt hatte. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Schule stand gut da, Verbesserungsmöglichkeiten gab es dennoch. Mehr Methodenvielfalt statt Frontalunterricht, die Förderung praktischer Kompetenzen, und eine differenzierte Unterrichtsgestaltung wurden als Ziele formuliert. Zudem wurde eine Öffnung der Schule für externe Projekte und Wettbewerbe, sowie mehr Mitbestimmung durch Lehrer, Eltern und Schüler gefordert.

Häuslers Vorgänger Rolf Kellermann hatte, was den letzten Punkt angeht, zunächst Bedenken. Sollte er zusehen, wie seine Position geschwächt wird? Er ließ sich auf das Wagnis ein. "Eine Schule muss sich entwickeln, wenn sie auch in Zukunft stark sein will", sagt Albert Häusler. "Dieser Idee sind wir bis heute verpfl ichtet." Ziel des Veränderungswillens: Talente gezielt zu fördern, Schwächen konsequent auszugleichen. Fach- und Methodenunterricht wechseln einander ab. Dazu, so Häusler, braucht es eine Kombination aus klassischer Wissensvermittlung und modernem Methodentraining.

Im Übungskurs von Chemielehrerin Sylvia Türk-Rupp prüfen rund 12 Schülerinnen und Schüler die Löslichkeit verschiedener Salze. "Wir haben auch schon einen Feuerlöscher mit Spülmittel gebaut ", erzählt Anneke Rieß begeistert. Die 13-Jährige mag eigentlich den Kunstunterricht mehr. Aber seit die Klasse in Chemie alle 14 Tage die Bücher gegen Reagenzgläser tauscht, kann auch sie sich für das Fach erwärmen. Ihr Mitschüler Emanuel Schirm, 14, hat das erste Experiment abgeschlossen und wendet sich dem nächsten zu. Chemie sei sein "Lieblingsfach", sagt Emanuel. "Egal, ob sie ein gutes Verständnis für Naturwissenschaften haben oder nicht: Die Schüler brauchen eine praktische Vorstellung von den abstrakten Begriffen", sagt Sylvia Türk-Rupp.

"Unterricht sollte sich an Schüler anpassen, nicht umgekehrt", findet Albert Häusler - unter seiner Leitung hat das JSG ein Förderkonzept für die Mittelstufe entwickelt, von dem starke wie schwache Schüler gleichermaßen profi tieren: Mit der Einführung von G8 waren den bayerischen Gymnasien zusätzliche Schulstunden für die Stufen 7 bis 10 gewährt worden. Während die meisten Schulen diese in Form von Nachhilfe umsetzten, können die Schüler am Johann- Schöner-Gymnasium wählen: Wer in einem Fach Lücken hat, kann diese in "Intensivierungsstunden " schließen. Starke Schüler können ihre Kenntnisse in fach- und teilweise sogar stufenübergreifenden "Plus-Kursen " vertiefen: Mathe-Asse grübeln im Kopfrechenkurs, Naturfreunde pflegen den Apothekergarten auf dem Schulgelände, Technik-Freaks bauen einen Roboter. Wer sich für soziale Berufe interessiert, kann im Projekt "Seitenwechsel" gemeinsam mit lernbehinderten Jungen und Mädchen am Leo-Weismantel-Förderzentrum kochen, Musik machen oder Theaterstücke erarbeiten.

Für jede Aktivität erhalten die Schüler Zertifikate, die sie in ihrem "Schöner-Ordner " abheften. "Die Nachweise haben schon vielen bei Bewerbungen geholfen", weiß Schulleiter Häusler. Als er 2005 das Angebot bekam, von Würzburg nach Karlstadt zu wechseln, zögerte er nicht. Schließlich war das Johann-Schöner-Gymnasium schon damals bis weit über das Maintal hinaus bekannt für herausragende Ergebnisse bei Schulvergleichstest, vor allem aber für das Engagement von Lehrern, Eltern und Schülern. Immer wieder kommen die Impulse für Veränderungen aus den Gremien, in denen auch Eltern und Schüler sitzen. "Unsere Schüler merken, dass wir sie ernst nehmen", sagt Albert Häusler. Einander mit Respekt begegnen - das ist Prinzip am Johann-Schöner-Gymnasium.

Alle drei Wochen, beispielsweise, setzen sich Mädchen und Jungen in der Gruppe zusammen, um etwaige Probleme zu besprechen - Hausaufgabenstress, Hänseleien, aber auch die nächste Exkursion, all diese Themen können in der "Zfu-Stunde" - die Abkürzung für "Zeit für uns" - besprochen werden. Wenn es die Klasse wünscht, muss der Lehrer auch mal den Raum verlassen. Der Schul-Sanitätsdienst oder das "Schöner Café", die von Schülern betrieben werden, zeigen ebenfalls: An dieser Schule geht es um Selbstständigkeit. Als einzige Schule im Landkreis hat das Johann- Schöner-Gymnasium Zuwächse bei den Aufnahmen, in den Jahrgangsstufentests belegt es regelmäßig Spitzenplätze.

Mit dem Etikett "Eliteschule" kann Albert Häusler dennoch nichts anfangen. Die Elternschaft bestehe bei weitem nicht nur aus Akademikern, betont der Schulleiter. "Unsere Schüler kommen aus allen Schichten". Zudem: Schüler, die nur das eigene Vorwärtskommen interessiert, entsprechen nicht dem pädagogischen Leitbild der Schule. Gern gesehen ist, wenn sich die Schüler auch sozial engagieren, beispielsweise für eine Partnerschule in Äthiopien. Ein Schüleraustausch mit einer indischen Schule und Projekte wie "Learning through the Arts", bei dem Künstler mit Kindern Unterrichtsstoffe spielerisch erarbeiten, verkörpern einen Bildungsansatz, der über Büffeln hinausgeht.

Derzeit lassen sich zwölf Lehrer zu Mentoren ausbilden, um Schülern zu helfen, wenn sie unter Mobbing leiden oder ihnen schlicht die Lust am Lernen fehlt. "Natürlich wollen wir gute Ergebnisse", sagt Albert Häusler. Mindestens genauso wichtig ist ihm aber: "Wir lassen niemanden hängen."

Von Matthias Becker

Marktschule, Bremerhaven

Tiffany, 10, heftet ein selbst gemaltes Plakat mit Vogelbildern an die Wand vor ihrem Klassenzimmer. "Die Blaumeise sieht aus, als hätte sie eine blaue Kappe auf", erklärt sie. Damit kriegt sie ihr Publikum: Cindy, 11, Chantal, 6, und Luca-Marie, 7, sitzen ihr gegenüber auf Stühlen und lachen über das Beispiel. Als Tiffanys Vortrag beendet ist, applaudieren sie. Die Mädchen üben ihre Referate, die sie in wenigen Tagen vor der Klasse halten wollen.

In einer anderen Schule wäre Cindy in der vierten, Chantal und Luca-Marie in der ersten Klasse. In der Marktschule gibt es diese Einteilung nicht. Kinder aller Altersstufen lernen gemeinsam in "Klassenfamilien". Das Konzept geht auf: Die Älteren lernen nicht nur Sozialkompetenz, das Erlernte verfestigt sich zugleich besser im Gedächtnis, wenn sie es den Jüngeren erklären. Die Kleinen werden von den Großen motiviert, sie genießen die Aufmerksamkeit der Großen. Das System ist flexibler als eine starre Alterseinteilung und erlaubt, auf den Lernstand jedes Kindes einzugehen.

  Hinter der Schultür: Schüler der Marktschule Bremerhaven

Hinter der Schultür: Schüler der Marktschule Bremerhaven

Als einige deutsche Grundschulen vor zehn Jahren die ersten beiden Klassen zusammenlegten, ging man an der Marktschule noch einen Schritt weiter und vereinte alle vier Stufen - aus der Not heraus, wie Schulleiterin Ute Mittrowann einräumt: "Die Welt um uns herum veränderte sich, da konnten wir nicht einfach so weitermachen wie bisher." Aus dem ehemals bürgerlichen Viertel Bremerhaven-Lehe wurde in den Neunziger Jahren ein Brennpunkt mit einem hohen Ausländeranteil, zerrütteten Familien und großer Armut. Jedes dritte Kind lebt dort heute von Sozialhilfe, viele Kinder haben Lernbehinderungen. Diesem "Lernen in Heterogenität" wollten Mittrowann und ihre Kolleginnen gerecht werden. Das Kollegium entwickelte ein Schulprogramm, dessen Herzstück das jahrgangsübergreifende Lernen ohne Noten ist.

Eva Wolfangel Bis heute nimmt die Schule damit eine Pionierrolle ein. Andere Schulen zögern, ein solches Modell einzuführen. Sie fürchten, damit vor allem den größeren Schülern nicht gerecht werden zu können. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand, findet Konrektorin Silke Brandt: "Kinder eines Jahrgangs sind doch auch keine homogene Gruppe." Entwicklungsunterschiede von bis zu drei Jahren sind unter Gleichaltrigen in der Grundschule üblich. Die Marktschule will diesen natürlichen Unterschieden gerecht werden, indem sie sich am Einzelnen orientiert. Dass die Älteren aber nicht zu kurz kommen, zeigen auch die Zahlen: Die Übergangsquote aufs Gymnasium hat sich in den vergangenen Jahren von 13,5 Prozent (2005/06) auf 27 Prozent (2009/10) erhöht.

Nach einer halben Stunde Freiarbeit auf dem Flur ruft Lehrerin Vanessa Tons ihre Schüler ins Klassenzimmer. Luca-Marie, Chantal, Cindy und Tiff any hüpfen kichernd herein und setzen sich in den Stuhlkreis. "Wer leitet heute den Morgenkreis?" fragt Tons. Bilana, 9, meldet sich. "Welcher Tag ist heute?", fragt sie. Der Morgenkreis ist ein tägliches Ritual, das den Kindern Orientierung bietet. Wie viel Uhr ist es? Wie ist das Wetter? Bilana wartet stets, bis sich auch die Kleinen melden und lobt diese für richtige Antworten. Dann stellt sie den Tagesplan vor, der ausgedruckt an der Wand hängt: Wochenplanarbeit, Frühstückausgabe, Kunst. "Wer hat heute Förderunterricht? ", fragt sie zum Schluss. "Leon, Henrik und Kevin" liest ein Mädchen vor.

Nicht nur die Altersunterschiede spielen hier keine Rolle, auch Förderunterricht oder psychologische Betreuung einzelner Schüler gehören zum Alltag und sind für die Kinder normal. Niemand wird deswegen gehänselt oder schief angeschaut. Unterschiede werden an der Marktschule als Vielfalt wahrgenommen, von denen man lernen kann. Auch beim Lernen. In jedem Schulfach gibt es Aufgaben in vier verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Die Schüler wählen in Absprache mit der Lehrerin ihre Aufgaben, sie erkennen die Schwierigkeit an den Symbolen auf Mappen und Arbeitsblättern: eine Sonne für ganz leichte Aufgaben, ein Mond für etwas schwerere, dann folgen Stern und Regenbogen. So kann ein Kind beispielsweise in Mathe die Stern-Aufgaben bearbeiten, in Deutsch hingegen die leichteren Mond-Aufgaben.

Nach der Frühstückspause kehrt Ruhe ein. Wochenplanarbeit. Jedes Kind holt sich seine Mappe mit seinen individuellen Aufgaben, die die Lehrerin vorbereitet hat. Julian, 7, entscheidet sich für Mathe: Konzentriert legt er geometrische Formen aus Dreiecken. Wenn er nicht weiterkommt, fragt er seinen Nebensitzer, den ein Jahr älteren Pascal. Sobald ein Kind eine Aufgabe gelöst hat, bespricht es sich mit der Lehrerin, die sie überprüft und im Wochenplan abhakt. Damit ist sichergestellt, dass am Ende der Woche alles bearbeitet ist. Luca-Marie hat sich eine Deutsch-Aufgabe ausgesucht. "Wooomiiit kaaaann maaan schneideeen? " liest die Siebenjährige langsam vor. Sie sucht das Bild einer Schere und schreibt die Nummer des Bildes hinter den Satz. Dann radiert sie die Zahl wieder aus. Ihre große Freundin Bilana schaut ihr über die Schulter. "He, das war doch gut, was du da geschrieben hast", sagt sie.

Nach der Wochenplanarbeit steht Fachunterricht auf dem Stundenplan. Die Klasse von Lehrerin Jana Becker durfte sich das Thema - Ägypten - selbst aussuchen. In jeder Ecke des Klassenzimmers wird gebastelt und diskutiert. Der siebenjährige Manuel und die zehnjährige Kysha schneiden ägyptische Figuren aus. "Puh, ist das schwer", sagt Manuel, ein schmaler Junge mit Harry-Potter-Brille. "Soll ich dir mal was sagen", entgegnet Kysha lachend, "ich wäre damit in fünf Minuten fertig. Und jetzt hampel mal nicht so rum." Ihr Umgang wirkt vertraut wie der einer großen Schwester mit ihrem kleinen Bruder.

Im Fachunterricht bearbeiten die Kinder altersübergreifend ein Thema gemeinsam, jedes auf seinem Niveau. Eine komplexe Aufgabe für die Lehrerinnen, schließlich soll nach vier Jahren jedes Kind die Inhalte des Lehrplans durchgearbeitet haben, ohne dass sich etwas wiederholt. Weil das viel Vorbereitung bedeutet, haben sich die Lehrerinnen zu Teams zusammengetan, die Themen gemeinsam vorbereiten und parallel in ihren Klassen bearbeiten.

Das Gemeinschaftsgefühl an der Marktschule wird in solchen Situationen deutlich. Durch das altersübergreifende Lernen gibt es keine Wiederholer, niemand fällt durch und ist deshalb Außenseiter. Wer langsamer lernt, macht einfach die leichteren Aufgaben. Manche Kinder holen das binnen vier Jahren wieder auf, andere bleiben ein Jahr länger, manche schaff en die Grundschule schon in drei Jahren. Die ganze Zeit bleiben sie in ihrer Klassenfamilie bei "ihrer" Lehrerin. Das verbindet. Freitagmittags dürfen Luca, Tiff any und Bilana puzzeln. Für die letzte Stunde haben sie sich das große Winterpuzzle vorgenommen. Während sie Pudelmützen und Schlitten zusammensetzen, planen sie das Wochenende. "Ich geh vielleicht schwimmen", sagt Luca-Marie. Bilana will Rollschuhlaufen. Es klingelt, die anderen springen auf. Aber die Mädchen wollen fertig puzzeln. Sie haben es nicht eilig, nach Hause zu kommen. "Seit du bei deinen Pflegeeltern wohnst, sehen wir uns kaum noch am Wochenende", sagt Tiffany traurig zu Bilana. Die neue Familie wohnt zu weit weg, vorher waren sie Nachbarinnen. Manchmal ist die Klassenfamilie verbindlicher als die Familie zuhause.

Eva Wolfangel

Heinz-Brandt-Schule, Berlin

Gemeinsam lernt es sich besser: In der integrierten Sekundarschule kommen Haupt-, Real- und Gesamtschüler zusammen - und behaupten sich in einem sozial schwierigen Umfeld.

Wie schnell er wächst. Wie er in die Höhe schießt, einzig den Kopf senkt zum Heft vor sich. Ingo* ist binnen eines Handschlags einen halben Meter gewachsen. Gerade ruhte seine Nase noch nahezu auf dem hölzernen Schreibtisch, den Rücken lustlos gekrümmt, als wollte er das Papier mit den Aufgaben verbergen. Da kam Mitschüler Norman vorbeigeschlendert, begrüßte ihn mit Handschlag und beugte sich übers Blatt. "Mann, Kumpel", murmelt er aufmunternd, "die Anfangsbuchstaben schreib mal etwas größer. Das liest sich dann besser". Und Ingo schreibt nun plötzlich, er schwingt den Kugelschreiber überm Papier - als hätte Normans Handschlag ihn unter Strom gesetzt; sitzt er doch nun aufrecht, hier im ersten Stock der Heinz- Brandt-Schule in Berlin-Weißensee.

In dieser Schule hilft man sich. Lehrerin Sabine Wanke geht von Tisch zu Tisch, wendet sich ihren Schülern zu. Und auch die Schüler schauen sich gegenseitig ins Heft, diskutieren mit gedämpften Stimmen die Resultate. Willkommen im Lernbüro: Jede dritte und vierte Stunde ist allen Schülern aus den siebten Klassen gewidmet. Mit Hilfe seines persönlichen Logbuchs plant jeder Schüler selbst, ob er während der Lernbürozeit Deutsch, Mathematik oder Englisch lernt - und was. Im Raum nebenan dreht sich alles um Mathe, und am Ende des Flurs gibt es Englisch; die Schüler setzen sich in die jeweiligen Fachräume. "Wir setzen auf Binnendiff erenzierung", sagt Sabine Wanke. Hier lernen Schüler zusammen, die auf einen Hauptschul-, Realschul- oder Abiturabschluss hinsteuern.

Das ist neu: Erst seit einem Jahr organisiert sich die Heinz-Brandt-Schule als integrierte Sekundarschule - vorher war sie eine Hauptschule. Nun ist sie Haupt-, aber auch Real- und Gesamtschule, außerdem bereitet sie Schüler auf den Wechsel zum Gymnasium vor. "Wir muten den Schülern seit der Reform mehr zu", sagt Rektorin Miriam Pech. "Sie nehmen ihr Lernen mehr in die eigene Hand. Sie wissen selbst ganz gut, wie weit sie sind." Das Vertrauen zahle sich aus. In einem schwarzen Ordner im Klassenraum stehen die Lösungen aller Aufgaben dieser Deutschstunde. Zwei Schülerinnen überprüfen danach ihre Grammatikleistungen. "Es ist noch nie passiert, dass sich jemand die Lösungen vor der Arbeit angeschaut hat", sagt Sabine Wanke. Wanke und ihre Kollegen bewegen sich als Moderatoren zwischen den Tischen, immer zu zweit in einer Klasse mit maximal 16 Schülern.

67 Prozent ihrer Schüler entlässt die Lehrstätte in Weißensee ins Duale System, das heißt, sie besuchen eine Berufsschule und machen parallel eine Lehre. Nur fünf Prozent wechseln ins Übergangssystem, die so genannte Warteschleife; der Rest geht auf weiterführende Schulen. Eigentlich keine sensationellen Zahlen - wäre das Umfeld nicht strukturschwach. "Viele Schüler kommen aus schwierigen Verhältnissen und wohnen in betreuten Wohngemeinschaften", sagt Miriam Pech, als sie über die Steinfliesen des über 100 Jahre alten Gebäudes geht. In Weißensee, neben den bürgerlichen Stadtteilen Pankow und Prenzlauer Berg gelegen, herrscht mehr Armut. Über 40 Prozent der Schüler sind aus sozialen Gründen lernmittelbefreit. Gleich an der Südseite zur Schule schließt sich eine ehemalige Arbeitersiedlung an. Aus so manchem Fenster hat schon lange niemand mehr geblickt.

In der Heinz-Brandt-Schule machen sich die Kids fit fürs Berufsleben, durch selbstständiges Lernen, viele Praktika - und durch "Service Learning". In der Klasse 7.1. erzählt Patrick von seinem letzten Arbeitstag im Altenheim. "Ich machte eigentlich alles, vor allem Füttern", sagt er und lehnt sich in seiner dunkelblauen "Picaldi"-Sportjacke zurück. "Zurzeit sind viele Altenpflegerinnen krank." Einen Tag pro Woche verbringen die Siebtklässler im "Service Learning". In Unternehmen und sozialen Einrichtungen sammeln sie Berufserfahrungen. "Die Leute im Heim sind nicht so alt, die haben eher Alkoholprobleme", sagt Patrick. "Oh Mann, so enden will ich nicht." In der Klasse berichten die Schüler von ihren Einsätzen. Mirko etwa teilt bei der "Berliner Tafel" Essen an Obdachlose aus. "Ich bin jetzt auch in der Planung", sagt er, "ich checke die gespendeten Lebensmittel, ob sie noch gut sind". Seitdem falle es ihm schwer, sagt er, seinen eigenen Teller nicht leer zu essen. Durch die Praktika bilden sich die Schüler nicht nur beruflich fort. Sie übernehmen soziale Verantwortung, reifen in ihrer Persönlichkeit.

"Wir vernetzen die Schule so stark wie es geht mit der Wirtschaft", sagt Miriam Pech. Sie eilt zu einer Sitzung des Pankower Wirtschaftsrats, in dem sie Mitglied ist. In ihrem Büro telefoniert Gabriele Herbst mit der nächsten Kaserne. "Nö, die politische Lage können Sie weglassen", sagt die Lehrerin einem Unteroffizier, "die Schüler wollen vor allem die Ausbildungsmöglichkeiten bei der Bundeswehr kennenlernen". Gabriele Herbst organisiert die Praktika für ihre Brandtianer, jeden Januar gibt es eine Praktikumsbörse. "Die Schüler sollen gar nicht anders können als in einen Beruf zu gehen", schmunzelt sie. Jahrelanges Netzwerken zahlt sich nun aus. Die Schüler können aus einer Vielzahl an Berufen wählen. Sie sollen sich dabei in guter Begleitung ihrer Lehrer wissen.

Nicht wenige sind zuvor an der Realschule oder am Gymnasium gescheitert. Sie müssen zum Lernen erstmal wieder motiviert werden. Besonders wichtig dabei sind die 14-tägigen "Planungsgespräche". Dabei legen Schüler und Klassenlehrer unter vier Augen die nächsten Bildungsschritte fest. "Mit den Englisch-Vokabeln komme ich nicht voran ", seufzt Nancy, 13, und legt ihr Logbuch auf den Tisch. Es enthält das persönliche Förderkonzept für Nancy. "Du musst Dir Zeit freischaufeln ", sagt Bärbel Moritz, 51. "Dein Schulweg mit dem Bus dauert doch eine Stunde, oder? Du kannst auch im Bus lernen, arbeite unterwegs mit Karteikarten, dann wird das schon." Die beiden vereinbaren, dass Nancy ihre Klassenfreundin Renate fragt, ob sie als Lernpatin Nancy beim Englisch büff eln unterstützt.

Das nächste Planungsgespräch von Klassenlehrerin Moritz: Annie, 13, kam erst vor einem Vierteljahr in die Klasse. Jetzt zieht sie Bilanz. "Ich bin akzeptiert, in der Klasse fühle ich mich richtig wohl", sagt sie, knetet dabei ihre Hände. "Probleme können wir untereinander klären." An ihrer früheren Schule sei das nicht mehr möglich gewesen. "Da war ich das Opfer". Sie sei gemobbt, geschlagen und getreten worden, habe sogar Todesdrohungen bekommen.

Es ist Mittag. Draußen blüht eine Linde in hellem Weiß. Vom Flur her dringt Lärm von zum Essen ziehender Schüler, Annie lächelt. "Und das Lernen ist hier ganz anders. Die Schulstunden vergehen wie im Flug."

Von Jan Rübel

Genoveva-Gymnasium, Köln

Ein Gymnasium, an dem die Mehrheit der Schüler Migranten sind - eine Utopie in Deutschland? Irrtum. So hatte sich Robin die neue Schule nicht vorgestellt. Völlig verunsichert kam er nach dem ersten Schultag nach Hause. In seiner fünften Klasse waren er und ein Klassenkamerad die einzigen deutschen Schüler. Einen "Kulturschock" attestierte ihm Schulleiter Bernd Knorreck. Am zweiten Tag weigerte sich der Junge, in die Schule zu gehen. Da fühle er sich fremd. Sieben von zehn Schülern an seiner Schule sind mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen: türkisch, russisch, polnisch, arabisch, bengalisch, afghanisch, finnisch, Ovambo, Lingala, Urdu. Robin fühlte sich wie auf einem anderen Planeten. Die Eltern ermutigten ihn durchzuhalten. Sein Vater, Ingenieur bei Siemens, und die Mutter, gelernte Goldschmiedin, hatten sich bewusst für die Schule im Südwesten Kölns entschieden, obgleich es Alternativen gab, die näher lagen. Er solle es noch eine Woche versuchen, bat ihn sein Vater, er arbeite schließlich auch mit ausländischen Kollegen zusammen. Inzwischen besucht Robin die sechste Klasse. Zu seinen besten Freunden zählt Kotaro aus Japan. Robins Urteil heute: "Eigentlich ist es bei uns egal, woher einer stammt."

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein, erst recht, wenn man die Gegend kennt, in der die Schule liegt: Köln-Mülheim, ehemaliges Arbeiterviertel, gleich um die Ecke die Keupstraße, "Klein-Istanbul" genannt, in der es kaum noch deutsche Geschäfte gibt. Etwa ein Drittel der Schüler lebt von Hartz IV. Eltern der Mittelschicht machen seit Jahren einen Bogen um diese Schule. Selbst unter Migranten gibt es Vorbehalte. Schülerin Fatima, 15, und ihre Eltern bekamen vor einigen Jahren noch zu hören, die Tochter solle doch besser das Hölderlin-Gymnasium besuchen, statt diese "asoziale Schulen mit den vielen Ausländern". Aus dem einstigen Mädchengymnasium wurde in den Neunziger Jahren eine Ganztagsschule vor allem für Zuwanderer. "Erst kam die polnische, dann die russische, dann die türkische Welle", sagt Knorreck, der 2005 die Leitung der Schule übernahm. Er selbst kam aus dem Stadtteil Lindental, "wo die Professoren leben", und Eltern viel Geld für Nachhilfeunterricht investieren.

Nur den wenigsten Genoveva-Schülern wird derart geholfen. Umso erstaunlicher, dass sie im Zentralabitur ebenso gut abschneiden wie Abiturienten in bürgerlichen Stadtteilen. "Konsequent, hochprofessionell und höchst wirksam", so die Jury des Deutschen Schulpreises, setze das Gymnasium um, was Bildungsreformer seit Jahren fordern, nämlich endlich das Potenzial von Einwandererkindern zu nutzen, die in vielen deutschen Großstädten zwar schon die Mehrheit ihrer Generation stellen, aber überproportional häufig auf Hauptschulen landen.

Das Motto des Genoveva: "Alle reden von Integration. Wir machen sie." Mit der Sprache fängt alles an. Ohne sehr gute Deutschkenntnisse kein Abitur, das weiß am "Geno" jedes Kind. Trotzdem werden selbst Kinder, die kein Wort Deutsch sprechen, aufgenommen, sofern sie den Aufnahmetest in Englisch und in ihrer Muttersprache bestanden haben. Danach lernen sie Deutsch in Intensivkursen bei speziell ausgebildeten Lehrern. So wie die 15-jährige Kaja aus Polen, die 12-jährige Anastasia aus Russland oder die 11-jährige Viktoriya aus Bulgarien, die erst seit wenigen Monaten in Deutschland leben. Regina Beckmann unterrichtet die kleine Gruppe in der Mittagszeit, während andere schon in der Mensa sitzen. Die Lehrerin hat Küchengeräte als Anschauungsobjekte mitgebracht. "Schüssel", schreibt ein Mädchen an die Tafel. Regina Beckmann erklärt nicht nur die Schreibweise, sondern auch die Rechtschreibregel dazu. Ihre Schüler lernen schnell und zielstrebig. Immerhin ein Fünftel der Genoveva-Schüler, besonders jene aus Osteuropa, hat Akademikereltern - darunter Ingenieure und Ärzte, die wissen, wie wichtig das Abitur für ihre Kinder ist.

Nach ein paar Monaten beherrschen solche ehrgeizigen Seiteneinsteiger genug Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können. Daneben gibt es auch am Genoveva Schüler, die in einer Parallelwelt aufwachsen. Es gehe nicht darum, Migranten die deutsche Kultur aufzuzwängen, betont der Schulleiter. Aber ein paar "harte Regeln" müssen sein: Pünktlichkeit und Disziplin, gegenseitiger Respekt und Solidarität sind Pflicht. Wer seine Mitschüler notorisch stört, kommt in den "Trainingsraum ", wo er allein, unter Aufsicht eines Lehrers, arbeiten muss. Eltern verpflichten sich schriftlich, dass ihr Kind an Klassenfahrten und am Schwimmunterricht teilnehmen darf. Zugleich werden Kompetenzen der Schüler wichtig genommen. Türkisch kann als Prüfungsfach im Abitur gewählt werden. Statt einer Weihnachtsfeier gibt es ein "Winter- fest", die Schüler gehen durch Räume, die von Mitschülern mit Symbolen jüdischer, christlicher und muslimischer Feiertage ausgeschmückt wurden.

In Klasse sieben sprechen fast alle sehr gut deutsch. Das ist notwendig, wenn man Sinn und Form von Heines Ballade "Belsazar" ergründen will. "Der König stieren Blicks da saß, mit schlotternden Knien und totenblass ", rezitiert Medine. Die Mitschüler sollen "coachen" und Tipps für den besseren Vortrag geben. Marice trägt das "Heideröslein " vor. "Du hast Takt, Metrum und Betonung eingehalten", loben die Klassenkameraden. "Aber sprich noch einen Tick lauter." Leistungsbereitschaft verlangt auch Tanzpädagogin Sarah Schuhmacher. Tanz ist für die Ganztagsschüler am Genoveva bis Klasse neun Pflichtfach. An diesem Morgen studiert sie mit elf Mädchen und fünf Jungen der siebten Klasse eine neue Technik ein. "Klarer Blick, stolzer Rücken! Hände aus den Hosentaschen, Fliegerdrehung, hopp!" Schuhmacher, schlank und durchtrainiert, tanzt die Bewegungen vor. Die meisten Mädchen machen sie mühelos nach, doch einige Jungs stehen sichtlich neben sich. Die Arme von Emrah hängen schlaff wie die Zweige einer Trauerweide. "In wenigen Wochen", ermahnt Sarah Schuhmacher, "habt ihr einen öffentlichen Auftritt!" "Was?" klingt es aus der Klasse.

Die Schüler lernen Schritt für Schritt, Verantwortung für ihr Stück zu übernehmen. "Du stehst - du gehst - du entscheidest!", ermuntert die Lehrerin ihre Schülerin Medine. Und gleich darauf Emrah: "Du führst die Klasse an." Emrah steht jetzt vorn. Ein Ruck geht durch seinen Rücken - und auf einmal fließen seine Bewegungen.

Tanz funktioniert, wenn Sprache noch nicht funktioniert, erklärt die Tanzpädagogin. Tanz sei ein Ventil für Emotionen, sorge für ein besseres Miteinander, sogar für bessere Noten. Schülerin Laura, 14, sagt: "Beim Tanz muss man sich vertrauen." Egal, woher einer stammt.

Solche Angebote machen die Schule auch für deutsche Schüler attraktiv. Aber das allein würde nicht reichen, wenn das Engagement der Lehrer nicht wäre. "Man darf sie fragen, man darf auch mal etwas nicht verstanden haben", beobachtet Robins Mutter. "Diese Lehrer mögen Kinder." Folge: Aus Robins Angstfach Mathe wurde sein Lieblingsfach. Schon am dritten Tag fand Robin seine Mitschüler "witzig". Den besten Beweis, dass die Entscheidung für diese Schule richtig war, liefert er seiner Mutter seitdem auch ohne Worte: "Er kommt jeden Tag gut gelaunt aus der Schule."

Von Ingrid Eissele

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