Heizen mit Weizen

21. Januar 2006, 14:06 Uhr

Verkehrte Welt: Inzwischen ist es billiger, Getreide zu verfeuern als Gas oder Öl. Eine sichere Energieversorgung in Deutschland kann es nur geben, wenn alle Quellen angezapft werden. Dazu gehören auch nachwachsende Rohstoffe und neue Technologien zum Sparen. Von Jan Boris Wintzenburg

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Für das Foto hat Landwirt Wilhelm Förster, hier mit Frau Donja und Tochter Flora, einen Sack Getreide in den Heizraum geschleppt. Im Normalbetrieb kommt das Heizmaterial vollautomatisch aus dem Silo©

Wenn Landwirt Wilhelm Förster aus Gudensberg südlich von Kassel in seiner Stube die Heizung aufdreht, stören ihn steigende Energiepreise nicht. Er ist Selbstversorger. In seinem Ofen verfeuert er im Jahr rund zwölf Tonnen Weizen, Gerste oder Roggen. Damit heizt Familie Förster ihr 370 Quadratmeter großes Gutshaus aus dem Jahr 1792. Der Getreideofen steht in einer Scheune und sieht wie eine normale Ölheizung aus. Aus einem Silo, das zehn Tonnen fasst, werden die Körner über zwei Transportschnecken zur Heizung befördert. Alle 100 Sekunden fällt ein guter Esslöffel Korn in den Ofen. Bei rund 850 Grad verbrennt das Getreide mit einer 20 Zentimeter hohen gelben Flamme. Zweieinhalb Hektar Ackerland sind nötig, um den jährlichen Wärmebedarf für das große Gutshaus zu decken.

Was unglaublich klingt, macht wirtschaftlich Sinn: Ein Doppelzentner (100 Kilo) Getreide in Brotqualität kostet etwa zehn Euro. Der Brennwert dieser Menge Korn entspricht etwa 40 Liter Heizöl im Wert von rund 24 Euro (60 Cent pro Liter). Getreide, das als Brennstoff eingesetzt wird, ist also wertvoller als Getreide für Brot - kühl gerechnet um 140 Prozent.

Die Anlage von Landwirt Förster läuft als Pilotprojekt mit einer Sondergenehmigung. Bevor mit Energie-Getreide deutschlandweit geheizt werden darf, muss erst noch die Bundesimmissions-Schutzverordnung angepasst werden. Sie sieht bisher Getreidekörner als Heizmaterial nicht vor. Doch die hessische Landesregierung hat im März 2005 bereits einen entsprechenden Antrag im Bundesrat gestellt: Getreide soll offiziell zum Brennstoff erklärt werden. Andere Bundesländer wollen das unterstützen, manche allerdings erst, nachdem sich Ethikkommissionen mit der Problematik beschäftigt haben. Darf man Lebensmittel einfach so verfeuern, während anderswo Menschen verhungern?

"Unethisch ist es doch, wenn ich Erdöl verheize, das Jahrmillionen braucht, um zu entstehen. Weizen wächst jedes Jahr auf meinen Feldern nach", entgegnet Landwirt Förster. "Außerdem verbrenne ich ja gar keinen Backweizen, sondern den Ausputz von der Mühle." So nennt man die zerbrochenen oder zu kleinen Körner und die Grassamen, die vor dem Mahlen aussortiert werden. Man baue doch auch Raps für Biodiesel oder Mais für Biogas auf Flächen an, die man sonst für Nahrungsmittel nutzen könnte.

Es ist also so weit: Energie ist inzwischen teurer als Brotgetreide. Der rasante Preisanstieg der vergangenen beiden Jahre stellt unser über Generationen gelerntes Wertesystem auf den Kopf. Seit März 2004 haben sich die Heizölpreise für private Verbraucher in etwa verdoppelt. Sprit wurde an den Tankstellen um zwölf Prozent teurer, Erdgas zieht in diesen Tagen nach - mit Zeitverzögerung, dafür aber in großen Schritten. Lebensmittel dagegen wurden im Verhältnis billiger.

Energie-Rohstoffe, egal ob Öl, Kohle, Gas oder Uran, werden auf unserem Planeten langsam knapp - und deshalb teurer. Inzwischen werden sie als ökonomische und politische Waffe eingesetzt, wie am Neujahrstag, als Russland der Ukraine erstmals den Gashahn zugedreht hat. Als im Zuge dieses Konfliktes hierzulande der Druck in den Leitungen abfiel, mussten die Deutschen erkennen, was für ein fragiles System an Pipelines, Schifffahrtsrouten und Zugverbindungen für Energiezufuhr unsere Volkswirtschaft am Laufen hält. Werden sie unterbrochen, steht Deutschland still, dann wird es dunkel und kalt. Die Bundesrepublik verfügt über zu wenig eigene Rohstoffe, um den Bedarf für Licht, Wärme und Automotoren auch nur annähernd zu decken.

"Was wir hier erlebt haben, sind nur erste Muskelspiele", sagt Claudia Kemfert, Wirtschaftsprofessorin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Erst wenn Energie richtig knapp wird, hören die Nettigkeiten auf." Brennstoff ist für uns tatsächlich längst so wichtig wie Brot.

Jahrzehntelang haben sich die Bundesregierungen kaum um den Energiemarkt gekümmert. Während es für Post und Telekommunikation eine Regulierungsbehörde gibt, blieb die Versorgung der Bevölkerung mit Strom und Wärme das Spielfeld von vier Großunternehmen (Eon, EnBW, RWE, Vattenfall). Die Konzernherren kümmerten sich, ganz den Regeln der Marktwirtschaft gehorchend, mehr um ihre Profite als um die langfristige Versorgungssicherheit. Manuel Frondel, Energieexperte am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, kritisiert: "Es gibt noch immer kein schlüssiges Gesamtkonzept, wie sich die Regierung unsere langfristige Energieversorgung vorstellt."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 3/2006

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