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Wie Eltern Liebespaare bleiben

Bei der Hochzeit hat man die Liebe noch gespürt. Aber irgendwo zwischen Wäschebergen, Job und Kinderspielzeug ist sie verschwunden. Experten geben Tipps, wie Sie als Paar wieder zueinander finden.

Von Gabriele Meister

Nah beieinander, doch nicht mehr miteinander - wenn Eltern nicht aufpassen, verlieren sie sich zwischen Kind, Job und Haushalt. Eine Paartherapie kann helfen.

Nah beieinander, doch nicht mehr miteinander - wenn Eltern nicht aufpassen, verlieren sie sich zwischen Kind, Job und Haushalt. Eine Paartherapie kann helfen.

Es bereuen? Nein. Warum auch. Tanja Kalde, 37, liebt ihren Mann. Dennoch hatte sie über Wochen eine Affäre mit einem anderen. Ein geplanter Seitensprung, keine spontane Sache mit einem Kollegen auf einer Feier. Zwölf Jahre Ehe, vier Kinder, ein riesiges altes Bauernhaus am Stadtrand, mitten im Grünen. Ihr Mann Steffen hat einen kleinen Handwerksbetrieb. Könnte das Leben besser sein? Äußerlich gesehen kaum, das meint auch Tanja Kalde. Aber bei vier Kindern sei ja immer etwas gewesen und ihr Mann habe viel gearbeitet. "Wir haben sehr gut zusammen funktioniert, aber eben nur funktioniert", sagt Kalde.

Als sie ihre Sehnsucht nach Abenteuer, Romantik und Lust nicht mehr aushielt, stöberte sie bei einem Datingportal im "Angebot". Einem der Männer schrieb sie schließlich, bald schickten sie sich wilde und sehr eindeutige Mails. Das allein habe sie schon den Berg an Verpflichtungen vergessen lassen, sagt Kalde. Der Kaffee beim ersten Treffen sei eigentlich nur pro forma gewesen. Danach gingen beide gleich zu ihm und ins Bett. "Es war herrlich. Als hätte ich auf den Reset-Knopf gedrückt und wäre für ein paar Stunden wieder in meinem Auslieferungszustand: keine Verpflichtungen, keine Forderungen, total entspannt", erzählt Tanja Kalde.

Der stille Abschied vor dem Seitensprung

Friederike von Tiedemann, Paartherapeutin und Autorin von Büchern wie "Die 13 Stolpersteine der Liebe ... und wie man ihnen aus dem Weg geht", kennt solche Geschichten. "Die ersten Jahre nach der Geburt werden bei uns immer noch viel zu sehr idealisiert. Dabei bedeutet ein Kind einen massiven Einschnitt für eine Partnerschaft, weil sich die Aufmerksamkeit verschiebt." Eine Affäre könne da die Chance suggerieren, aus dem Alltag auszubrechen und die Beziehung wachzurütteln. "Aber dieser Zweck ist teuer erkauft, weil das Vertrauen des Partners so verletzt sein kann, dass es nicht wieder gutzumachen ist."

Dem Seitensprung geht oft ein stiller Abschied voraus: Vor lauter Kindern und Karriere merkt man gar nicht, wie lang man nicht mehr zusammen im Kino war und wann man zum letzten Mal Sex hatte. Erst wenn der Partner einem immer häufiger Vorwürfe macht oder man selbst drauf und dran ist, ihn anzubrüllen, begreift man, dass sich auch innerhalb der Beziehung längst Stress aufgebaut hat. "Wenn die Kommunikation ins Minus rutscht, Partner sich also mehr Kritisches als Lobendes sagen, ist das oft das erste Anzeichen, dass die Beziehung nicht gut läuft", sagt von Tiedemann.

EPL-Technik - für Paare, die gleich auf 180 sind

Dass nicht nur das Maß an Kommunikation, sondern vor allem auch ihr Inhalt entscheidend ist, weiß auch die Forschung. Seit Langem schon betonen Wissenschaftler wie Guy Bodenmann, dass Paare, denen Kommunikation und Problemlösung schwerfallen, ein signifikant höheres Scheidungsrisiko haben. Bloß, wie soll man miteinander reden, wenn mindestens einer der beiden bei Diskussionen über Kindererziehung und Hausarbeit in fünf Sekunden auf 180 ist? Paartherapien versprechen Abhilfe, aber auch schon Wochenendseminare können die Lage verbessern.

Eines der bekanntesten Angebote ist das EPL, kurz für "Ein partnerschaftliches Lernprogramm", das mittlerweile viele Beratungsstellen in Deutschland und anderswo anbieten, teilweise mit Kinderbetreuung.

Die EPL-Regeln für gute Kommunikation lauten in Kurzform:

• Von sich sprechen ("Ich wünsche mir" statt "Du musst/man muss")
• Gewünschtes Verhalten konkret benennen ("Ich wünsche mir, dass wir zwei Mal im Monat Sex haben" statt "Ich will mehr Sex")
• Beim Thema bleiben und keine alten Hüte auspacken
• Eigene Gefühle benennen ("Wenn du die Spülmaschine nicht ausräumst, macht mich das wütend")

Dabei oft vergessen: Zur Kommunikation gehören immer zwei. Aktiv Zuzuhören ist ebenso wichtig wie Wünsche fair zu äußern. Um die Situation zu entschärfen und Missverständnisse zu vermeiden, empfehlen die Entwickler des EPL-Programms:

• Das Gehörte wiederholen ("Es macht dich wütend, wenn ich die Spülmaschine nicht ausräume")
• Offene Nachfragen stellen ("Was bedeutet für dich 'mehr Sex'?")

Als Zuhörer den Sprecher für verständliche, offene Äußerungen loben. Helfen können dabei Sätze wie "Danke. Jetzt verstehe ich dich viel besser, weil du mir das so klar und offen gesagt hast."

Ein Ehevertrag beruhigt beide Seiten

Auch Dirk Kaden, Fachanwalt für Familienrecht bei der Hamburger Kanzlei zufrieden geschieden, weiß, wie wichtig klare Kommunikation ist: "Zu mir kommen manchmal Paare, bei denen die Frau sagt: 'Ich habe dir schon vor zwei Jahren gesagt, dass ich mich scheiden lasse, wenn du so weitermachst.' Und der Mann erwidert, er habe davon überhaupt nichts mitbekommen."

Seiner Erfahrung nach streiten scheidungswillige Paare in den häufigsten Fällen um Geld. "Um Kinder geht es meistens, wenn der Partner, bei dem sie wohnen, mehr Unterhalt haben will. Dann werden Kinder oft zum Druckmittel." Allerdings sei da schon wirklich viel Porzellan zerschlagen. Deshalb empfiehlt Kaden, einen Ehevertrag zu schließen, wenn noch alles friedlich ist. "Falls das Paar ein Haus besitzt, sollte darin unbedingt festgelegt sein, wer im Scheidungsfall welchen Anteil vom Verkaufswert bekommt. Das gilt auch, wenn einer oder beide eine Firma haben. Sonst greifen die üblichen Regeln der Zugewinn-Gemeinschaft und beide Partner bekommen bei der Scheidung die Hälfte", sagt Kaden. Aufpassen muss man auch bei Geldgeschenken der Eltern: "Auf dem Kontoauszug muss 'vorweggenommenes Erbe', 'Geschenk' oder Ähnliches stehen. Bei Verwendungszwecken wie 'für meinen Sohn' geht das Geld automatisch in den Zugewinn ein", sagt Kaden.

Machen Sie Dates zum Reden und für Sex!

Doch nicht nur den Zugewinn sollte man regeln; dem Schlechterverdienenden steht auch die Hälfte der Rentenansprüche zu, die der Besserverdienende von der Hochzeit bis zur Scheidung erworben hat. Richtig düster sieht es aus, wenn beide schon Rentner sind: "Wenn ein Mann 1500 Euro Rente hat und die Frau 200, muss er nach der Scheidung 650 Euro pro Monat an sie abgeben. Von solchen Beträgen können beide nicht wirklich leben", sagt Kaden. Wer das verhindern will, kann im Ehevertrag allerdings nur bestimmte Rentenanwartschaften wie die Riester-Rente vom Rentenausgleich ausnehmen.

Finanzen regeln, klar kommunizieren – klingt nach Nüchternheit statt nach Romantik. Aber vielleicht liegt genau darin das Geheimnis einer dauerhaft guten Beziehung. "Zu meinen, dass der andere alles spüren könnte und müsste, ist ein merkwürdiger Romantizismus aus der Verliebtheitsphase", sagt Paartherapeutin von Tiedemann. "Später muss man einsehen, dass man, vor allem bei Stress und Kindern, nicht alles mitbekommen kann." Deshalb rät sie, sich jede Woche einmal zum Reden zu verabreden und ein- bis zweimal im Jahr zu einer Paarberatung zu gehen. "Autos bringen wir regelmäßig zum TÜV. Warum also nicht auch mit dem Partner zum Check-up gehen als Präventionsmaßnahme? Wenn es erst brennt, kann der Therapeut manchmal nur noch die Trennung begleiten."

Was das anbelangt, hat Tanja Kalde noch einmal Glück gehabt. Obwohl ihr Mann von der Affäre erfuhr, trennte er sich nicht, sondern geht mit ihr nun einmal pro Woche in die Therapie. "Wir haben gelernt, aufmerksamer miteinander umzugehen, offener über Gefühle zu reden und vor allem uns als Partner nicht für selbstverständlich zu nehmen", sagt Tanja Kalde. Ihren Neuanfang wollen sie nun auch sichtbar machen – mit einem neuen Haus.

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